Pinar und die Zeit

Justament-Klassiker: Pinars Tagebuch, November 2008

Liebes Tagebuch,

weißt du eigentlich, wie man Zeit misst? Ich meine außer in Minuten, Stunden, Tagen und so weiter. Wie viel ist Zeit eigentlich wert? Für alle, die im Berufsleben stecken, ist sie zweifellos ein wertvolles Gut, vor allem, wenn die Zeit, die man hat, knapp bemessen ist. Aber wie steht es mit der Zeit von Menschen, die viel Zeit haben? Ist diese weniger wert? Schließlich schimpfen die meisten oft genug über Rentner an der Supermarktkasse, die einen nicht vorlassen, obwohl man nur eine Tüte Milch in der Hand hat und sie einen vollen Einkaufswagen haben. Auch ich ertappe mich regelmäßig dabei, wie ich andere Menschen dafür verurteile…
Ich weiß noch, früher, als ich ein kleines Mädchen war, da verging die Zeit so langsam. Vor allem vor Geburtstagen, die Tage, die bis zu meinem Geburtstag vergingen, zählte ich einzeln, und es dauerte immer soo lange. Heute hingegen: Die Monate vergehen wie Tage und die Jahre wie Monate. Sechs Wochen Sommerferien während meiner Schulzeit waren immer eine halbe Ewigkeit. Und danach schienen alle so verändert…irgendwie reifer oder auch älter. Manche Schulfreundinnen hatten plötzlich Oberweite bekommen und die Jungs tiefere Stimmen.
Wenn ich heute in den Spiegel schaue, wundere ich mich über die Veränderungen in meinem Gesicht, ich sehe, wie die Zeit ihre Spuren hinterlässt, obwohl ich mich immer noch nicht richtig erwachsen fühle. Doch merke ich, wie sich meine Sicht der Dinge verändert, sie wird irgendwie gelassener. Das empfinde ich als die größte Errungenschaft meines Älterwerdens…. ich rege mich nicht mehr so über Kleinigkeiten auf wir früher. Meistens zumindest nicht. Aber bei einer Sache gehe ich im Gegensatz zu früher richtig an die Decke, und zwar wenn man respektlos mit meiner Zeit umgeht. Schließlich haben die meisten, ich eingeschlossen, nicht mehr so viel davon wie früher. Respekt vor der Zeit von anderen ist meiner Meinung nach auch ein Zeichen von Wertschätzung. Ob es eine Freundin ist, die nicht pünktlich zur Verabredung erscheint, oder es mein Friseur ist, der schnell noch jemanden vor mir rein geschoben hat. Gerade erst letzte Woche habe ich vor Wut geschäumt. Ich war bei meiner Ausbilderin, um eine von mir bearbeitete Akte kurz zu besprechen. Leider hatte sie es aber nicht geschafft, meine Klageschrift zu lesen. Das wäre ja auch kein Problem gewesen, wenn sie den Termin abgesagt oder verschoben hätte. Stattdessen bin ich 45 Minuten durch den Berufsverkehr gefahren für nichts. Aber es war ja auch nicht so, dass sie mich gleich wieder weggeschickt hätte. Stattdessen rief sie mich in ihr Büro und ich durfte knapp eineinhalb Stunden lang zuhören, wie sie telefonierte. Wären es irgendwelche Notfälle gewesen, hätte ich auch Verständnis dafür gehabt, aber dem war definitiv nicht so. In den kurzen Pausen zwischen den Telefonaten führte sie mit mir belanglosen Smalltalk, aber ließ mich trotzdem nicht gehen. Und wie du dir sicherlich denken kannst, kamen mir die anderthalb Stunden wie gefühlte fünf Stunden vor. Als ich endlich gehen durfte, stieg ich wutentbrannt ins Auto und dachte mir: Dankeschön, so viel ist ihr meine Zeit wert! Wenn das kein Zeichen von Wertschätzung ist…..

Veröffentlicht von on Jul 22nd, 2013 und gespeichert unter LIEBES TAGEBUCH, PINAR. Sie können die Kommentare zu diesem Beitrag via RSS verfolgen RSS 2.0. Sie können eine Antwort durch das Ausfüllen des Kommentarformulars hinterlassen oder von Ihrer Seite einen Trackback senden

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