Warmer Sekt

Justament-Klassiker: Alexas Tagebuch, Dezember 2004

Geheime Aufzeichnungen einer Ex-Referendarin

Liebes Tagebuch,

wenn ein Lebensabschnitt zu Ende geht, überkommt mich Melancholie. Wie heißt es noch so schön in dem Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse: Wohlan denn, Herz, nimm’ Abschied, und gesunde!
Es ist ein Lebensabschnitt zu Ende gegangen: Das Referendariat ist aus. Aber dass mein Herz dem nachweinen würde? Das kann ich beim besten Willen nicht feststellen.
Wie froh bin ich, dass ich keine Klausuren mehr schreiben muss. Dass das ewig schlechte Gewissen jetzt still ist. Dass ich nicht mehr zu AGs gehen muss, die einfach reine Zeitverschwendung waren. Dass ich mich darüber nicht mehr mit der Referendarabteilung zanken muss und auch keine blauen Briefe mehr bekomme, wenn ich nicht erscheine.
Aber es gab auch Gutes. Mein unvergleichlicher Staatsanwalt. „Fünf Minuten vor der Zeit ist des Preußen Pünktlichkeit“, das werde ich doch mein Leben lang nicht vergessen! Die Auslandsstation in New York, ein Traum. Ein Büro, in dem man willkommen ist. Eine Behörde, in der es für Referendare sinnvolle Dinge zu tun gibt. Herrlich! In Berlin übrigens oft unvorstellbar…
Auch die Anwaltsstation hat was gebracht. Erste Mandantengespräche, eigene Akten und eigene Schriftsätze, die fast ohne Veränderung „für die Praxis zu verwerten waren“. Bei meinem einzigen Auftritt vor Gericht bin ich zwar ohne Gnade untergebuttert worden. Aber ich habe versucht, der Mandantin plausibel zu erklären, dass es an der Richterin lag. Ich denke, die mochte uns einfach nicht.
Die mündliche Prüfung war noch mal nervenaufreibend. Schon beim Vorbereiten des Aktenvortrags wusste ich: Das geht schief. Dabei war das doch das Einzige, das ich drei Monate lang geübt hatte! Dennoch haben sie mich noch auf die 6,52 hochgehievt. Ob es an dem tollen Kostüm lag, für das ich drei Tage zuvor noch 200 € investiert hatte? Auf meinem Konto schmerzt das immer noch.
Ich glaube, warmer Sekt hat noch nie so gut geschmeckt, wie dort auf den Stufen des JPA.
Ich bin froh, dass es vorbei ist, aber missen möchte ich es auch nicht. Und wenn es nur für die schöne Fahrt nach Krakau war.

Deine Alexa

P.S. Die Auseinandersetzung mit dem Arbeitsamt ist übrigens mindestens so aufreibend, wie die mit der Referendarabteilung. Aber davon ein andermal mehr.

Veröffentlicht von on Dez 29th, 2014 und gespeichert unter ALEXA, LIEBES TAGEBUCH. Sie können die Kommentare zu diesem Beitrag via RSS verfolgen RSS 2.0. Sie können eine Antwort durch das Ausfüllen des Kommentarformulars hinterlassen oder von Ihrer Seite einen Trackback senden

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