Hoffnung für arme Anwälte?

Thomas Claer

Der hatte es auch mal mit der 18 (AP Photo/Thomas Kienzle)

Der hatte es auch mal mit der 18 (AP Photo/Thomas Kienzle)

Sozialprojekt Anwalt18Euro ist gestartet

 

 

Das Problem haben wir schon seit mindestens drei Jahrzehnten: Es drängen so viele juristische Absolventen auf den Arbeitsmark, dass es für so manchen schwer wird, darin sein Auskommen zu finden. Wer keine glänzenden Examensnoten vorweisen kann, wird dann oft Rechtsanwalt wider Willen – meist aus Mangel an Alternativen. Schon häufiger in den letzten Jahren gab es Versuche, die „Prekariatsanwälte“ zu organisieren, um so ihre beruflichen Chancen zu verbessern. Nicht immer waren dabei seriöse Kräfte am Werk. So verlangte die Gesellschaft JuraXX (2003-2007), die deutschlandweit mit einem großen Filialnetz Rechtsberatung und -vertretung zu Discountpreisen anbot, als „Einstiegsgebühr“ von jedem Junganwalt ein Partnerdarlehen von 50.000 Euro. Mit der Insolvenz der Gesellschaft 2007 war das Geld dann futsch.
„Nein“, sagt Dr. Jörn Haeger, der nun das Sozialprojekt Anwalt18Euro gestartet hat, „als JuraXX-Nachfolger sehen wir uns in keinster Weise, denn für uns war JuraXX von Anfang an eine Mogelpackung“ mit grundlegenden immanenten Fehlern.“ Anwalt18Euro.de verlangt hingegen weder eine Einstiegsgebühr noch einen Cent „Provision“ von den Einnahmen seiner Anwälte. Haeger sieht sein Projekt als „Hilfsprogramm zum Nulltarif speziell für Prekariatsjuristen“. Anwalt18Euro.de bietet Mandanten Anwaltsbesuche in der Kanzlei oder  per Skype-Videokonferenz an. Der Einheitspreis der „Von Angesicht zu Angesicht“-Beratung betrage 18 Euro netto für eine halbe Stunde.
Nach Feststellungen der Zeitschrift BRAK-Mitteilungen verdient ein angestellter Anwalt im Durchschnitt etwa 11,50 Euro pro Stunde. Mit 18 Euro pro halber Stunde biete Anwalt18Euro.de mehr als dreimal soviel, führt Dr. Haeger aus. „Das Prinzip Ausbeutung haben wir durch das Prinzip Fair Trade ersetzt. Unsere Prekariatsjuristen schalten den Arbeitgeber als Zwischenhändler aus und bieten ihre billige Arbeitskraft dem Endkunden direkt an“, so Haeger weiter. Richtig marxistisch klingt es, wenn er davon spricht, tausende von Prekariatsjuristen zu vereinigen und diese als straff organisierte Revolutionsarmee in einen Preiskampf zu führen, bei dem kein Revolutionär etwas zu verlieren habe, außer seiner Arbeitskraft. Der Prekariatsjurist erfahre so die „Kraft der Würde“, weil er im solidarischen Zusammenschluss plötzlich stark genug sei, dem Establishment Kunden wegzunehmen und nicht mehr auf Almosen angewiesen sei.
Soweit also Dr. Jörn Haeger von Anwalt18Euro. Wo ist da der Haken?, fragt man sich. Es muss doch einen geben, oder etwa nicht? Wir bitten um Kommentare von all jenen, die bereits selbst Erfahrungen mit Anwalt18Euro gesammelt haben.

 
Informationen:

www.Anwalt18Euro.de
www.offensive-gegen-juristenarbeitslosigkeit.de

Veröffentlicht von on Aug 24th, 2009 und gespeichert unter UND DANACH. Sie können die Kommentare zu diesem Beitrag via RSS verfolgen RSS 2.0. Sie können eine Antwort durch das Ausfüllen des Kommentarformulars hinterlassen oder von Ihrer Seite einen Trackback senden

8 Antworten for “Hoffnung für arme Anwälte?”

  1. Constantin Körner sagt:

    Übrigens handelt es sich bei dem Initiator von `Anwalt18Euro` um den Bruder des Comedians RA Dr. Welf Haeger (Vgl. justament, 6/2008, S. 26).

  2. Sabine Weber sagt:

    Zu dem Kommentar von Dr. Vallendar kann ich nur sagen: Ich studiere gerne Jura. In der Uni Düsseldorf kann man mit deutlich weniger als 1000 Studenten sehr gut lernen und wird früh dazu ermutigt, Kontakte zur Praxis aufzubauen.
    Hinsichtlich des Artikels möchte ich folgendes sagen: Jeder Student hat sein eigenes Glück in der Hand. Wer früh anfängt, sich intensiv mit dem Studium zu befassen und kontinuierlich lernt, der wird auch keine Schwierigkeiten haben, einen Job zu finden, mit dem er seinen Lebensunterhalt finanzieren kann.

  3. Juliane Wollenschläger sagt:

    Mein Tipp zum Entkommen aus der Prekariatsanwalts-Kaste: Beruflich komplett umsatteln! Mit den Rechtskenntnissen nach dem Ersten (und dem Zweiten) StE ist man in so mancher Branche gern gesehen. Was nutzt das Kanzleischild an der Haustür, wenn das Einkommen knapp am Existenzminimum dümpelt? Wer „ein anderes Berufsleben“ mal testen möchte: Lokalen Stellenmarkt verfolgen, einfach mal bewerben und schauen, was passiert……

  4. Jochen Barte sagt:

    Ich glaube die Frage warum nach wie vor so viele Leute in ein schlechtes, langsames und antiquiertes System drängen, lässt sich ganz einfach so beantworten: Ein guter Freund von mir, promovierter Volkswirt, meinte dazu, als er mich kürzlich besuchte, ganz lapidar, dass es eben überwiegend das untere Leistungsdrittel der Abiturienten sei, das in formale Prestigefächer wie Jura dränge, denn diese Leute hätten in Ermangelung von besonderen Talenten oder Fähigkeiten nur das tradierte juristische Prestige als schales Surrogat. Und da sie natürlich nicht auf die Idee kämen zu denken, müssten sie später -nach dem zweiten Staatsexamen- durch die erzwungene Kollision mit dem realen Leben plötzlich feststellen, dass es mit dem vermeintlichen bürgerlichen Renommierstudium beim Verdienst ordentlich hapere.

    Mir persönlich kommt die Heerschaar der Erstis, die stolz „ihren“Schönfelder unterm Arm tragen, ohnehin schon seit geraumer Zeit wie der Zug der Lemminge vor. Ohne Sinn und Verstand stürzen sie sich Jahr für Jahr zur Examenszeit über die juristischen Klippen, wohl in der Hoffnung, dass ihr Päckchen aus brav ausgefüllten und lobend dokumentierten Fleißkärtchen gleich einem Fallschirm die Landung in einem angpassten bürgerlichen Leben ermöglicht – eine Endlosschleife, Unterbrechung dringend überfällig!

  5. Oktavian sagt:

    Der recht poetischen und mit zahlreichen Metaphern ausgeschmückten Darstellung von Herrn Jochen Barte kann ich nur zustimmen. Allerdings trifft die Aussage, “nur das untere Drittel der Abiturienten” auch auf andere Fächer, etwa Geschichte, Politikwissenschaftt oder der von mir später studierten Disziplin, Romanistik zu… In Bonn glich die Bibliothek des Juridicums zur Hausarbeitenschreibzeit Ende der 1980er Jahre einem Wespennest, in dem sich jedes Tierchen halb verhungert auf die wenigen (einigermaßen aktuellen) Exemplare von Larenz, Brocks und Co stürzte… Unter solchen Bedingungen ließ es sich nur schlechterdings Jura studieren. Das war nichts als Massenabfertigung. Und wer tut sich so etwas an, wenn er nachher als Anwalt weniger als eine Frisörmeisterin in Wuppertal oder Catrop-Rauxel verdient…??!

    Zu Frau Sabine Weber möchte ich sagen: Ich freue mich, Frau Weber, dass Ihnen das Jura-Studium gefällt. In Düsseldorf haben Sie in der Tat sehr gute Studienbedingungen, allein Ihre UB ist ein architektonisches Kleinod. :-)

    Teil der Wahrheit ist allerdings auch, dass viele Ihrer StudienkollegInnen Jura nur aus Verlegenheit oder Prestigegründen studieren, viele (rund 30 %) im ersten Staatsexamen scheitern, und rund 70 Prozent ein “Vierer-Examen” machen, mit der Folge, dass Ihnen die Top-Stellen in Großkanzleien verwehrt bleiben.

    In anderen Bereichen (etwa den Medien) konkurrieren viele Juristen mit den Absolventen anderer Studiengänge, so dass der o.s. Artikel die Wahrheit sicherlich in großen Teilen korrekt widerspiegelt.

  6. Oktavian sagt:

    Wer flexibel ist, frühzeitig Praxiserfahrung sammmelt und sich sein gewünschtes Berufsfeld frühzeitig selbst erschließt, der hat auch mit Jura gute bis sehr gute Karten – auch wenn nicht unbedingt als Anwalt.
    Ich habe einen guten Bekannten, der hat das erste Jura-Staatsexamen in Berlin hauchdünn mit einer Vier minus bestanden (nur ein Punkt weniger, und er wäre durchgefallen) und arbeitet heute erfolgreich als leitender Redakteur (und Justitiar) bei einer bundesweit erscheinenden Wochenzeitung…

    … meine Empfehlung an die jungen Leute von heute: Studiert nur das, was Euch wirklich interessiert und lasst Euch nicht von irgendwelchen Illusionen leitet: Anwalt = Hohes Einkommen. So manche verbeamtete Grundschullehrerin bringt Netto mehr nach Hause als ihr Mann, der sich als selbstständiger Anwalt von einem 100-Euro-Schein zum nächsten hangeln muss…

    Ich habe Ende der 1980er Jahre mal ein Semester Jura (in Bonn) studiert; bin heute heilfroh, dass ich das Studium damals nach dem (knapp bestandenen…) “Kleinen BGB” geschmissen habe. Wenn ich an die katastrophalen Studienbedingungen zurückdenke, frage ich mich, welcher junger Mensch sich das heute noch freiwillig antut. Wir waren damals 1100 Studenten, die sich auf 300 Studienplätzen drängten. Ich erinnere mich noch an die heruntergewirtschaftete Bibliohek des Bonner Juridicums und daran, dass es bei den Klausuren allein darum ging, möglichst viele Studenten aus dem Studium herauszukicken. Was ich nicht verstehe: Warum gibt es bei den eher mauen Berufsaussichten und den nicht immer rosigen Studienbedingungen noch immer so viele Juristen, und, warum scheinen es immer mehr zu werden…??

  7. Seidel sagt:

    Ich bin Rechtsanwältin mit 2 ausreichenden Staatsexamen, seit 2008 auf dem Markt und habe den Einstieg nicht geschafft. Nebenbei mache ich Fortbildungen (Weiterbildungsstudiengang Informationsrecht), die ich krampfhaft selbst finanziere. An eine eigene Familie ist nicht zu denken. Mehrere Jahre arbeitete ich neben der Kanzlei bei einem Bildungsträger und hörte mir die Hartz IV-Empfänger an, wie sie sich über die Strapazen aufgedrängter Bildungsangebote aufregen und dabei manchen Monat mehr verdienen als ich selbst.
    Der Ausblick auf eine Familie ist mir verwehrt. Zu tief sitzt die Angst, mein Kind nicht versorgen zu können.
    Ich fühle mich oft ausgeschlossen vom Arbeitsmarkt. Selber Schuld? Zu wenig gelernt? Falsches Studium gewählt? Von alldem kann ich mittlerweile nur die letzte Frage mit einem Ja beantworten. Gelernt habe ich immer, nur hatte ich kein Geld fürs Repetitorium. Zudem verhaspel ich mich häufig in Prüfungssituationen und werde nicht fertig. Ich fühle mich als Versager und versuche irgendwie zu überleben.

  8. freddewe sagt:

    Liebe Frau Seidel,
    ich habe genau wie sie 2 ausreichende Staatsexamen und „verbiete“ ihnen hiermit sich als Versagerin zu fühlen. Sie haben diese unmenschlichen Prüfungen abgelegt und sich durchgebissen. Ich finde das ist schon einmal was. Sie dürfen Jura auf keinen Fall solch eine negative Macht über Ihr Leben geben.
    Es ist nur Jura.
    Ich finde viel beschämender als eine Vier, dass ein Berufsstand nicht in der Lage ist, seinen „schlechten“ Nachwuchs positiv darustellen. Ich kenne viele aus anderen Berufsgruppen, die eher schlechte Abschlüsse haben und trozdem nicht am Hungertuch nagen müssen. Es heisst doch immer, dass man mit Jura alles machen kann. Dann sollte die schlechte Einstellung gegenüber Vierer Juristen besser dahin gelenkt werden, dass auch ein solcher Jurist immerhin eine juristische Ausbildung genossen hat und in anderen Bereichen eines Unternehmens gewinnbringend eingesetzt werden kann. Oder ist die juristische Ausbildung dann plötzlich nichts mehr Wert? Was würde das dann über die juristische Ausbildung aussagen?
    Weil die Juristen selber so ein Tam Tam um die Noten machen, denken andere natürlich, dass da auch etwas dahinter stecken muss und trauen sich erst gar nicht einem „schlechten“ Juristen eine Chance zu geben.

    Hat sich eigentlich schon jemand einmal damit beschäftigt wieviel Potential brach liegt, weil eine Vier auf einem Blatt Papier steht?

    Ich persönlich finde es fast grotesk, wie wichtig diese Abschluss Noten sind. Ich zum Beispiel habe schon in meinem Studium bemerkt, dass ich Hausarbeiten im VB und gut Bereich schreiben kann, Klausuren aber nicht. Besteht dann zumindest das Zweite Examen nur aus Klausuren, fehlt meine Königsdisziplin und ich habe schon schlechte Karten. Andere schreiben lieber oder besser Klausuren. Die sind auf der Sieger-Seite.
    Meine praktischen Zeugnisse im Referendariat sind einmal VB und drei Mal gut. Die Noten haben diese Leute mir ja nicht gegeben, weil ich so eine schöne Frisur habe. Und Nein, ich bin nicht getaucht. Was sagt mir das? Ich kann gut arbeiten, aber nicht gut theoretische Prüfungen ablegen.
    Die Urteile die ich geschrieben habe, konnten von meiner Richterin so übernommen werden. Würde ich jetzt sagen, dass ich zumindest zu diesem Zeitpunkt so gut war wie ein Prädikatsjurist, ginge wahrscheinlich ein Aufschrei durch die Leserschaft… Meine Richtern wollte mir gar nicht glauben, dass ich „nur“ eine Vier im Ersten Examen habe…. . Tja. Was soll ich dazu sagen. Es ist ja nicht so, als hätte ich im ersten Examen Urteile schreiben müssen. Vielleicht kann ich das einfach extrem gut. Vielleicht sollte ich dann Richterin sein…. Ach ja. Ich habe ja nur eine Vier.

    In meiner AG gab es zwei gut Kandidatinnen, die beide noch zuhause bei ihren Eltern gewohnt haben… Die eine ist jetzt Richterin…. Was soll ich dazu sagen? Ich habe in meinem bisherigen Leben wenigstens gelernt mit Niederlagen um zu gehen und dabei auch noch selber gewaschen und geputzt.

    Lange Rede, kurzer Sinn: Einfach mal einen Schritt zurück treten, das Ganze Spiel aus etwas Entfernung betrachten und überlegen, ob man bei Jura noch richtig aufgehoben ist.
    Statt teuren Weiterbildungen vielleicht lieber Praktika in Personalabteilungen machen und dann dort Fuss fassen?

    Auf keinen Fall keine Kinder bekommen. Wo kommen wir denn dahin, wenn Jura auch noch die Familienplanung bestimmt.

    Einen lieben Gruss, F.W.

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