Warum Anwälte fremdgehen

Das Aufklärungsbuch eines Single-Coaches und Paarberaters

Jochen Barte

Dass Juristen angeblich moralisch flexibel sind, nur an Profitmaximierung und das eigene Fortkommen denken, ist ein oft kolportiertes Klischee. Man kennt es aus dem Studium von Tischgesprächen in der Mensa, wenn sich plötzlich unbekannte Menschen – vorzugsweise aus dem linguistisch-sozialpädagogischem Milieu – angewidert abwenden, nachdem sie erfahren haben, dass in unmittelbarer Nähe eine Gruppe egozentrischer Jura-Karrieristen Platz genommen hat. Auch die kollektive Versicherung, die biologisch nachhaltigen Tofu-Brötchen nicht von den Nachbartellern zu stehlen, trägt regelmäßig nicht zur Entspannung der Situation bei. Vorurteile sind eben hartnäckig.
Und offenbar ist ihre Wirkung auch derart, dass sich manch einer dazu berufen fühlt, der Sache auf den Grund zu gehen und darüber Bücher zu schreiben. Clemens Beöthy hat dies getan und die gesammelten Erkenntnisse aus einer zwanzigjährigen Erfahrung als Single-Coach und Paarberater in dem Buch Warum Köche gut küssen und Anwälte oft fremdgehen niedergeschrieben. Seine These ist entsprechend einfach: Die Berufswahl entscheidet darüber, wie ein Mensch grundsätzlich tickt und auch wie er sich speziell beim Flirten, beim Sex und in der Partnerschaft verhält. So weit so gut. Ein Thema, das mit einer Prise Humor und ein wenig selbstironischer Leichtigkeit durchaus machbar erscheint. Wer wäre gerade als juristisch vorgebildeter Leser nicht neugierig, zu erfahren, was einen Anwalt in puncto Libido von einem Koch unterscheidet. Gerade in der Weihnachtszeit hätte dies auch eine witzige Geschenkidee sein können. Lehrer, Busfahrer, Bademeister, Arzthelferinnen, Sekretärinnen, die neben vielen anderen Berufen in dem Buch vorkommen, kennt fast jeder.
Aber leider ist das Buch in Gänze misslungen. Denn Beöthy referiert die amourösen Spezifika der ausgewählten Klientel so pendantisch und staubtrocken, dass nur die verzweifelte Suche nach dem ersten gelungenen pointierten Satz zum Weiterlesen motiviert. Eine erfolglose Aussicht indessen. Denn der Autor reiht ohne Gnade mit dem strapazierten Leser Gemeinplatz an Gemeinplatz und garniert die im Duktus des Connaisseurs vorgetragenen Banalitäten mit pseudoerotischen Ausführungen zu Gruppensex, Bondage und Sado-Maso. Schiefe Metaphern, platte Vergleiche und anderweitige Sprachunfälle inklusive. Man erfährt so etwa, dass es für den Partner der Designerin physiologisch nichts Sinnloseres als die Morgenlatte gibt, da seine Partnerin zu früher Stunde noch gar nicht in Stimmung ist, es Finanzbeamtinnen im Bett faustdick hinter den Ohren haben oder dass Landwirte aufgrund der guten Landluft zu besonderer Triebhaftigkeit neigen. Bauer sucht Frau lässt grüßen.
Ganz generell ist es das Erikabergerhafte des Jargons gepaart mit der völligen Humorabstinenz des Autors, was die Lektüre des Buches als einen Akt heroischer Selbstdisziplin erscheinen lässt. So suggeriert das pedantische Aneinanderreihen von Pauschalaussagen zu sexuellen Vorlieben der einzelnen Berufsgruppen eine Faktizität, die an keiner Stelle des Buches dezidiert argumentativ nachgewiesen wird. Mit wie vielen Juristen, Ärzten, Lehrern usw. Beöthy tatsächlich gesprochen hat, darüber schweigt sich der Autor aus. Er spricht nur lapidar von einigen tausend Gesprächen. Man darf aber dennoch annehmen, dass es bei den über fünfzig behandelten Berufsbildern, deutlich zu wenige waren, um daraus empirisch valide Schlüsse ziehen zu können. Und daher ist das Buch vor allem eines: eine auf ganzer Linie verunglückte Kreuzung zweier völlig verschiedener thematischer Ansätze. Kein Witz, der eine ironische Brechung ermöglicht hätte und keine belegte Faktizität, die eine ausreichende Grundlage geboten hätte.
Fast überflüssig zu erwähnen, dass der Autor durch diverse Talkshows einigermaßen bekannt ist und bereits weitere Titel ähnlicher Machart veröffentlicht hat. Als da wären: Heirate niemals einen Udo oder Schnacksel nie mit einem Axel. Es ist vor diesem Hintergrund nicht schwer, sich vorzustellen, welche publizistischen Preziosen aus dem Bereich der Ratgeberliteratur den Leser in Zukunft noch erwarten dürften, denn dieser kann sich gegen die kommerziell synchronisierten Verblödungsoffensiven des alltäglichen Talk- und Printwahns nur schwer zur Wehr setzen: Meide eine Heide, Wette auf keine Jette könnten den munteren Reigen semantischer Entleerung bruchlos fortsetzen. Hier kann nur eines Gelten: Unbedingt ungelesen liegen lassen!
Und wer jetzt trotzdem immer noch wissen will, wie Anwälte und Anwältinnen so im Bett sind, der kann nicht sagen, er habe die Warnung auf dem Beipackzettel nicht gelesen. Bitte sehr: Clemens Beöthy, Warum Köche gut küssen und Anwälte oft fremdgehen, Knaur 2016, 332 Seiten, 9,99 Euro.

Veröffentlicht von on Jan 2nd, 2017 und gespeichert unter LITERATUR. Sie können die Kommentare zu diesem Beitrag via RSS verfolgen RSS 2.0. Gehen Sie bis zum Ende des Beitrges und hinterlassen Sie einen Kommentar. Pings sind zur Zeit nicht erlaubt.

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