Fußball

Geheime Aufzeichnungen eines Volljuristen

Liebes Tagebuch,

in meiner Kindheit und Jugend drehte sich alles um den Fußball. Nicht um den von mir selbst gespielten, da war ich eher mittelmäßig und kickte nur gelegentlich mal mit Freunden auf der Straße. Vielmehr stand im Mittelpunkt meines Interesses der sogenannte Leistungsfußball, der im Westen Profi-Fußball hieß. Jedes Wochenende verfolgte ich wie gebannt die Live-Übertragungen der Meisterschaftsspiele im Radio, zuerst die DDR-Oberliga (da waren die Anstoßzeiten meistens früher), anschließend die westdeutsche Bundesliga. Und wenn deren Spiele beendet waren, dauerte es gar nicht mehr lange bis zum Beginn der Fernsehberichterstattung über die DDR-Oberligaspiele. Nach deren Ende wiederum begann die ARD-Sportschau, wo es die noch einmal die Bundesligaspiele in bewegten Bildern zu bestaunen gab. So vergingen meine Wochenenden. An den Montagen las ich dann auch noch stundenlang die Fußball-Berichterstattung in den Zeitungen. Nahezu alle Mannschaftsaufstellungen kannte ich auswendig. Aus purem Spaß an der Freude erstellte ich aufwendige Statistiken über Saisonverläufe und Torschützen. „Fußball ist die schönste Nebensache der Welt“, belehrte mich ein Onkel. Aber eben doch nur eine Nebensache, es gäbe doch Wichtigeres im Leben. Das wollte ich so gar nicht einsehen. Besondere Höhepunkte waren die seltenen Besuche im Rostocker Ostseestadion zu Punktspielen des FC Hansa. Genau einmal pro Halbserie fuhr mein Vater mit mir seit der dritten Klasse zum Fußball nach Rostock. Dabei lernte ich zunächst das magische Denken und seine Grenzen kennen. Meine ersten vier Besuche im Stadion endeten alle 1:1. Vor dem vierten Mal hatte ich schon anderen davon erzählt, dass die von mir besuchten Spiele grundsätzlich 1:1 ausgehen würden. Und siehe da: Auch gegen Rot-Weiß Erfurt stand am Ende (wie schon bei meinen Besuchen gegen Halle, Berlin und Karl-Marx-Stadt in den Jahren zuvor) ein 1:1 auf der Anzeigetafel. Vor meinem fünften Spiel, es war wohl 1984, wurde ich dann übermütig und schloss Wetten auf den Ausgang des Spiels ab. Und das ging ins Auge. Das Spiel gegen Dresden ging mit 1:3 verloren, und fortan gab es in den von mir beobachteten Partien immer andere Resultate, wie es ja rein statistisch betrachtet auch zu erwarten war. Als ich älter wurde, so mit 14 oder 15, fuhr ich dann mit Schulfreunden ins Stadion, und das auch mehrmals pro Saison. Wir gingen bunt geschmückt in den Fanblock und beteiligten uns an den lauten Gesängen, was schon sehr aufregend war. Ich dachte damals nie, dass ich irgendwann in meinem späteren Leben das Interesse am Fußball verlieren könnte…

Und ganz so schlimm ist es ja auch nicht gekommen. Aber der Stellenwert des Fußballs in meinem Leben ist über die Jahre doch sehr gesunken. Ganze Spiele verfolge ich heute allenfalls noch bei Welt- oder Europameisterschaften. Mein Hauptaugenmerk bei den Meisterschaftsspielen gilt den Resultaten und Tabellen. Ich kenne kaum noch irgendwelche Spieler. Wenn ich mich frage, woran das liegen könnte, komme ich vor allem auf einen Grund, der sich aus der Entwicklung des Fußballs in den vergangenen Jahrzehnten ergeben hat: Es macht einfach keinen besonderen Spaß, wenn nicht mehr die besten Spieler der einen gegen die besten Spieler der anderen Region gegeneinander spielen, sondern nur noch zusammengekaufte Söldnertruppen gegeneinander. Und wie im beliebten Brettspiel „Monopoly“ führt diese Konzentration der Qualität bei den wirtschaftlich Mächtigsten im Fußball dann zu Serienmeisterschaften von Bayern München, was mich doch stark an die zehn DDR-Meisterschaften in Serie des BFC Dynamo seit 1979 erinnert, über die ich mich als Kind so ungeheuer aufgeregt hatte. Aber heute regt mich daran gar nichts mehr auf. Es ist mir egal geworden. Nicht egal ist mir hingegen, wie mein Lieblingsclub, der noch immer FC Hansa Rostock heißt, in der Dritten Liga spielt und wie sich diverse unterklassige Vereine entwickeln, zu denen ich eine uralte emotionale Bindung habe. Und doch ist das eigentlich nur noch eine Art Traditionspflege bezüglich der eigenen Vergangenheit. Man ist ein völlig anderer Mensch geworden, dem ganz andere Dinge im Leben wichtig sind…

Dein Johannes

Veröffentlicht von on Mai 14th, 2018 und gespeichert unter JOHANNES, LIEBES TAGEBUCH. Sie können die Kommentare zu diesem Beitrag via RSS verfolgen RSS 2.0. Gehen Sie bis zum Ende des Beitrges und hinterlassen Sie einen Kommentar. Pings sind zur Zeit nicht erlaubt.

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