Im Knast katholisch geworden

Der ehemalige Drogenhändler Aleks Kuznini kümmert sich heute in Chemnitz um jugendliche Straftäter

Benedikt Vallendar

Dicke Autos, Geld und schöne Frauen. In dieser Welt hatte Aleks Kuznini gelebt. Bis der heute 37-Jährige im Gefängnis landete. Und Gitterstäbe, harte Pritschen und eintöniges Essen ihm schmerzhaft vor Augen führten, dass das Geld, die Autos und die schönen Frauen nur die Insignien einer falschen, verlogenen Welt gewesen waren. Sechs Jahre ist das nun her. Heute kümmert sich der gebürtige Kosovare in Chemnitz und Regis-Breitingen bei Leipzig ehrenamtlich um straffällige Jugendliche. Kuznini spricht und betet mit ihnen, spielt Fußball und hört zu. „Reden ist gut, zuhören oft besser“, weiß er aus Erfahrung. Denn nicht selten haben die Insassen Dinger gedreht, weil es zu Hause niemanden gab, der sich für sie interessierte, ihnen das Gefühl vermittelte, dass sie von Gott gewollt sind. Häufig pendelt der Kosovare zwischen mehreren Jugendstrafanstalten, besonders zur Weihnachtszeit, zu Ostern oder wenn gerade kein anderer Betreuer zur Verfügung steht. Denn nur wenige sprechen Albanisch und Deutsch, wie er. „Es ist gut, dass das deutsche Jugendstrafrecht mehr erziehen als strafen will“, lobt Kuznini die hiesige Gesetzeslage. Die Bundesrepublik sei da schon recht fortschrittlich, im Gegensatz zu anderen Ländern, wo junge Straftäter nicht selten mit erwachsenen Schwerverbrechern in eine Zelle gesperrt würden.

Unsicheres Refugium

Die Wochenenden verbringt Kuznini mit Familie und Freunden aus seiner neokatechumenalen Gemeinde in Chemnitz, wo sie beten, singen und gemeinsam in der Bibel lesen. Oft gibt es anschließend noch Tee und selbst gebackenen Kuchen. Seit 2008 ist diese relativ junge Glaubensbewegung innerhalb der katholischen Kirche von Rom offiziell anerkannt. „Wir haben immer viel Besuch, seit Papa das macht“, freut sich Kuzninis älteste Tochter Angela. Tatsächlich ist die gemütliche Altbauwohnung der Familie im Süden von Chemnitz ein Treffpunkt geworden. Für Menschen, die aus Not, wegen Verfolgung oder auch ihres Glaubens wegen fliehen mussten und in Sachsen ein vermeintlich sicheres Exil gefunden haben. Zu Kuzninis` Nachbarn gehören ein indischer Ladenbesitzer, Familien aus Armenien, Russland und dem Irak. Und nur zwei Häuser weiter hat kürzlich ein arabischer Schnellimbiss eröffnet, in dem auch unverschleierte Frauen hinter der Theke stehen und Bier ausschenken. Das Viertel rund um die Chemnitzer Reichenhainer Straße ist im Wandel. Es wird bunter, lauter und doch nicht unbedingt orientalischer, wie manche meinen. Sein katholischer Glaube gebe ihm Halt, sagt Aleks Kuznini. In der Familie, im Freundeskreis und natürlich bei der Arbeit mit den Strafgefangenen, die zumeist aus zerrütteten Familien stammen und längst ausgegrenzt waren, bevor sie anderen das antaten, was sie als Kind selbst erlebt hatten. Auch wenn das Leben noch so aussichtslos schien, habe sich mit Gottes Hilfe immer ein Türchen geöffnet, sagt Kuznini rückblickend, Türchen, durch die er gehen musste, auch wenn es nicht immer einfach war. Er meint die Zeit nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis, die Abschiebung in den Kosovo und die Rückkehr in den Norden, wo er und seine Familie nun leben, auch wenn ihr Aufenthalt unter keinem guten Stern steht. Denn Aleks droht die erneute Abschiebung. Seine Ehefrau und die vier Kinder könnten ja mit ihm gehen, heißt es lapidar in der Chemnitzer Ausländerbehörde. Wegen seiner Vorstrafe will die ihn loswerden, und das in Sachsen, wo der CDU geführten Staatsregierung die Opposition im Nacken sitzt, und wo sich der gefühlte und tatsächliche Ausländeranteil in den Großstädten deutlich erhöht hat. „Law and Order“ lautet die Politik des in der Öffentlichkeit oft fahrig wirkenden Ministerpräsidenten Michael Kretschmer, einem Parteikarrieristen und Vater zweier unehelicher Kinder, der seinen Görlitzer Wahlkreis nicht ganz unerwartet an einen AfD-Kandidaten verloren hat und nun viele Hunderttausend Wählerinnen und Wähler für die Christdemokraten zurückzugewinnen soll. Ob ihm das gelingt, ist fraglich, denn längst gelten bestimmte Viertel Leipzigs, Dresdens und auch in Chemnitz als Hochburgen des organisierten Verbrechens. Gegenden, in denen arabische Clans den Ton angeben und sich ungern in die Karten schauen lassen.

Tochter besucht das Gymnasium

„Bis zu zweitausend Euro am Tag habe ich früher mit den Drogen verdient“, erinnert sich Aleks Kuznini, der in der Schweiz aufgewachsen ist und dort Großhandelskaufmann gelernt hat. Heute lebt er von Spesen, Spenden und bis vor kurzem vom Minijob seiner Ehefrau Jozefina, mit der er seit 17 Jahren zusammen ist. An den Wänden ihrer Altbauwohnung hängen Fotografien und Erinnerungen aus Kindertagen. Zusammen sind sie durch dick und dünn gegangen, sagen sie, stets im Vertrauen, dass auch wieder bessere Zeiten kommen. Vier gemeinsame Kinder haben sie, drei Mädchen und einen Jungen. Die Älteste besucht in Chemnitz das Agricola-Gymnasium, das jüngste, ein Mädchen, ist gerade fünf Monate alt. „Wir wünschen uns für unsere Kinder eine gute Zukunft in Deutschland, nachdem die Schweiz für Aleks nun tabu ist“, sagt Jozefina. Ihr war lange Zeit nicht bewusst gewesen, wie tief ihr Mann in den Drogenhandel zwischen Deutschland, Frankreich und den Niederlanden verstrickt war, sagt sie. Und auch bei dem vielen Bargeld, das in Kleiderschränken, im Keller und unter Ablagen versteckt lag, habe sie nie nach dessen Herkunft gefragt, sagt sie. Bis es zu spät war, und bei Aleks die Handschellen klickten. Zu viereinhalb Jahren wurde er in der Schweiz verurteilt, nach drei auf Bewährung entlassen, bevor es die Familie nach Deutschland zog, wo sie auf eine dauerhafte Niederlassungserlaubnis hofft, auch wegen des Schweizer Passes, den die Ehefrau und seine Kinder besitzen. „Ich habe mehrere Jobangebote, kriege kein Hartz IV und schicke meine Kinder zur Schule“, sagt Aleks Kuznini. Eigentlich eine Bilderbuchintegration in die deutsche Mehrheitsgesellschaft, wäre da nicht die deutsche Bürokratie, deren Akteure ihn lieber heute als Morgen außer Landes schicken würden. Zurzeit ist noch ein Verfahren vor dem Oberverwaltungsgericht Bautzen anhängig, von dessen Ausgang abhängt, ob er abgeschoben wird oder bleiben darf.

Drohende Ausweisung

Seit Jahren lebt Familie Kuznini mit der Angst, dass morgens ein Rollkommando der Polizei die Wohnung stürmt und den Papa per Direktflug in den Kosovo abschiebt. Von Leipzig aus gehen solche Flüge mehrmals die Woche, neuerdings verstärkt nach Nordafrika, Bulgarien und Afghanistan. „Ich würde gerne wieder in meinem erlernten Beruf arbeiten“, sagt Aleks Kuznini, als Dolmetscher oder als Betreuer an einer Berufsschule, wo ja akuter Personalmangel herrscht. Die Kuzninis wollen in der Bundesrepublik ankommen, sich einbringen und zum Wohle der Gesellschaft beitragen, sagen sie und schauen dabei auf das im Wohnzimmer hängende Kreuz mit dem leidenden Jesus. Der sei schließlich auch verstoßen worden und doch seinen Weg gegangen.

Veröffentlicht von on Nov 26th, 2018 und gespeichert unter DRUM HERUM, SONSTIGES. Sie können die Kommentare zu diesem Beitrag via RSS verfolgen RSS 2.0. Gehen Sie bis zum Ende des Beitrges und hinterlassen Sie einen Kommentar. Pings sind zur Zeit nicht erlaubt.

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