Geheime Aufzeichnungen eines Volljuristen
Liebes Tagebuch,
als Jugendlicher und junger Erwachsener besaß ich seit den frühen Neunzigerjahren einen Videorekorder, den ich mir über viele Monate von meinem Taschengeld zusammengespart hatte. Besonders interessante Fernsehsendungen oder Filme nahm ich auf Videokassetten auf, von denen sich dann mit der Zeit immer mehr in meinem Zimmer anhäuften. Meine Mutter beobachtete mein Treiben argwöhnisch und sagte zu mir eines Tages: „Was du da alles aufnimmst, das wirst du dir doch später nie wieder ansehen. Dafür wirst du niemals Zeit haben, weil du künftig immerzu arbeiten musst.“ Meine Antwort darauf war: „Das wollen wir doch erstmal sehen!“ Ich war damals fest entschlossen, auf keinen Fall ein Leben wie meine Eltern zu führen, das hauptsächlich aus Arbeit bestand. Es gab doch, so sah ich es damals, so viele andere schöne und interessante Dinge, denen ich mich widmen wollte. Und dafür immer ausreichend Zeit und Ruhe zu haben, das betrachtete ich als eins meiner wesentlichen Lebensziele.
Tatsächlich habe ich mich dann in meinem weiteren Leben größtenteils genau von diesem Grundsatz leiten lassen. Und es hat sogar überraschend gut geklappt. Dennoch hat meine Mutter, was meine Videokassetten anging, deren Zahl seit ihren mahnenden Worten noch jahrelang weiter angewachsen ist, am Ende Recht behalten. Wenn auch aus anderen Gründen als denen, die sie damals angeführt hatte. Bis vor kurzem lagen sie noch alle gut verwahrt in den Schubladen einer Kommode, und irgendwann wollte ich sie unbedingt alle digitalisieren und mir nochmal ansehen. Viele der Fernsehsendungen, die ich damals aufgezeichnet hatte, dürfte es inzwischen auf YouTube geben, aber längst nicht alle! Allerdings sind die Filme auf den Kassetten von so bescheidener Bildqualität, dass man sie sich heute lieber auf anderen Wegen besorgen würde, falls man sie wirklich nochmal sehen wollte. Doch hatte ich mir das mit der Digitalisierung der alten Videos auch schon vor fast zwanzig Jahren vorgenommen und bin seitdem einfach nicht dazu gekommen. Nicht unbedingt, weil ich keine Zeit gehabt hätte. Die hätte ich grundsätzlich schon gehabt. Aber die Digitalisierung wäre doch sehr aufwendig gewesen, und es gibt ja mittlerweile auch noch ganz viele andere, mitunter sogar noch interessante Dinge, denen man sich widmen kann…
Vor ein paar Wochen war es dann so weit. Meine Frau brauchte dringend mehr Platz für ihre Klamotten und fragte mich vorwurfsvoll, warum ich eigentlich diese völlig sinnlosen Berge von Videokassetten dort im Schrank noch lagern würde. Und da musste ich ihr Recht geben. In den restlichen Jahrzehnten, die ich hoffentlich noch leben werde, würde ich mich wahrscheinlich nicht mehr zur Digitalisierung dieser Bestände aufraffen können. Also stimmte ich nicht ohne Wehmut ihrer unbesehenen Entsorgung zu. Wie meine Mutter es vor dreieinhalb Jahrzehnten schon vorausgesehen hat.
Dein Joahnnes
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