Jeden Tag werden wir zu Odysseus
Recht cineastisch, Teil 50: „DIe Odyssee“ von Christopher Nolan
Juyeon Han
Christopher Nolans neuer Film „Die Odyssee“ sorgt für Aufsehen. Mit diesem einen Film scheinen die Kinos, die bereits auf dem absteigenden Ast waren, wieder zum Leben zu erwachen. In Südkorea erreichte der Film bereits am 24. Tag nach seinem Kinostart die Marke von acht Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern – so schnell wie kein anderer Film zuvor. Die Kombination aus Christopher Nolan und Homers Odyssee hatte schon vor dem Kinostart enorme Erwartungen geweckt. Nun erscheinen die Filmkritiken in großer Zahl, und Homers „Ilias“ und „Odyssee“ erobern die Bestsellerlisten der Buchhandlungen.
Gleich zu Beginn zeigt der Film eindringlich und äußerst realistisch, wie mühsam es ist, das Trojanische Pferd in die Stadt Troja zu ziehen. Der Bote, der den Trojanern das Pferd als Geschenk der besiegten Griechen überbringt, wird noch an Ort und Stelle getötet. Danach sind sich die Trojaner uneins, ob sie dem Geschenk trauen können, und mobilisieren schließlich ihre Kräfte, um das gewaltige Pferd in die Stadt zu ziehen. Dabei werden auch Stimmen laut, die dafür plädieren, das Pferd zu verbrennen. Die Kämpfer, die sich im Inneren des Pferdes verstecken, müssen diesen nervenaufreibenden Moment aushalten. Gerade diese realistische Darstellung der ersten Szenen schafft die Grundlage für die Glaubwürdigkeit des Films und ermöglicht es dem Publikum, emotional in die Geschichte einzutauchen.
In eine Laufzeit von drei Stunden packt der Film zahlreiche Episoden aus dem Leben des Odysseus. Besonders klug ist dabei die zeitliche Konstruktion. Die Gegenwart des Films spielt in Ithaka: Odysseus’ Frau Penelope wird von den Freiern bedrängt, während die Stellung des abwesenden Königs zunehmend gefährdet ist. Die übrige Geschichte entfaltet sich als Rückblende, erzählt aus Odysseus’ Erinnerung.
Die Situation in seiner Heimat, in die Odysseus so verzweifelt zurückkehren möchte, bildet den zeitlichen Ausgangspunkt. Von dort aus springt der Film immer wieder zurück in die Vergangenheit. Der Zyklop Polyphem, die Zauberin Kirke, die Sirenen, deren Gesang Odysseus gefesselt an einen Mast hören muss, und schließlich Kalypso, die ihm ein Kraut des Vergessens verabreicht – all diese Episoden werden in relativ knapper Form zusammengefasst und miteinander verwoben.
Was möchte Christopher Nolan im Jahr 2026 mit diesem Film erzählen, das über eine spannende Abenteuergeschichte hinausgeht? Nolan zeichnet Odysseus als einen empfindsamen und nachdenklichen Menschen. Was hat der Krieg Odysseus selbst gebracht? Am Ende hat er alle seine Männer verloren und kehrt allein, in Gestalt eines Bettlers, in seine Heimat zurück. Dort blickt er voller Verzweiflung auf seine eigenen Täuschungen und Gewalttaten zurück und beginnt, sie bitter zu hinterfragen.
In einer griechischen Kultur, in der Gastfreundschaft und Vertrauen als ungeschriebene Gesetze galten, hat er gegen grundlegende Regeln verstoßen. Vielleicht sind all die Irrfahrten und schmerzhaften Abenteuer, die ihm widerfahren, die Strafe für eine menschliche Niedertracht: den Gedanken, dass alles erlaubt sei, solange man nur gewinnt – unabhängig von den Mitteln und Methoden, die man dafür einsetzt.
Gegen Ende des Films folgt die Erzählung erneut Odysseus’ Erinnerungen. Die Kamera richtet sich auf die grausame Gewalt, die nach der List des Trojanischen Pferdes über die Bewohner der Stadt hereinbricht, und stellt uns damit eine einfache, aber unbequeme Frage: Was ist Krieg? Muss eine Seite Gewalt anwenden und Menschen töten, um die andere Seite zu besiegen und zur Unterwerfung zu zwingen? Der Film holt damit eine der drängendsten Fragen unserer Gegenwart auf die Leinwand und stellt sie uns direkt: Muss ein Krieg überhaupt geführt und gewonnen werden? Was gewinnen wir – und was verlieren wir?
Allerdings frage ich mich, ob Homers Odyssee selbst diese Fragen gestellt hat. Wahrscheinlich nicht. Homer erzählt vor allem von Ereignissen und Schicksalen. Dort gibt es Helden und große Geschichten, aber kaum jene Vorstellung von der Würde des menschlichen Lebens oder von Menschenrechten, die unsere heutige Perspektive prägt. Die Sichtweise des Films gehört daher zweifellos zu einer Zeit, in der sich die menschliche Zivilisation – zumindest in dieser Hinsicht – ein Stück weiterentwickelt hat.
Noch etwas fällt in der aufwendigen Besetzung des Films auf: die bewusste ethnische Vielfalt. Menschen unterschiedlicher Herkunft erscheinen in einer Welt, in der man sie aus historischer Sicht vielleicht nicht unbedingt erwarten würde. Ob es im antiken Griechenland tatsächlich schwarze oder asiatische Griechen gegeben hat, lässt sich zumindest nicht ohne Weiteres mit unserer heutigen Vorstellung beantworten. Im Film wirkt diese Besetzung dennoch erstaunlich selbstverständlich. Auch eine schwarze Helena erscheint nicht befremdlich. Vielleicht hätte sie in den Augen der damaligen Griechen tatsächlich als die schönste Frau der Welt gelten können. Schließlich bewegen wir uns hier in einer Welt der Vorstellungskraft.
Bemerkenswert ist auch eine beiläufige Bemerkung des Menelaos: Nicht Helena, sondern der Kampf um Handelswege sei der eigentliche Grund für den Krieg gewesen. Auch Matt Damons ernsthaftes und eindringliches Spiel als Odysseus verdient Anerkennung. Odysseus irrt zehn Jahre lang umher, doch diese lange Reise wird für ihn zu einer gewaltigen Lebenserfahrung. Er lernt aus dem Erlebten und erkennt schließlich, dass das, was er einst für Klugheit und strategische Genialität hielt, in Wahrheit oft nichts anderes als niederträchtige Täuschung war.
Die Szene, in der die Toten heraufbeschworen werden, um von ihnen eine Prophezeiung zu erhalten, erzeugt nicht nur visuell Angst und Schauer, sondern auch ein tiefes Gefühl von Beklemmung. Gleichzeitig stellt sie eine philosophische Frage: Wenn die Welt des Todes, der niemand entkommen kann, unmittelbar vor uns liegt – wofür leben wir eigentlich, und wie wollen wir leben? Und bevor der Tod kommt, haben wir alle denselben Wunsch: nach Hause zu gehen. Warum wollen wir nach Hause zurückkehren? Was bedeutet es, nach Hause zu kommen?
Wenn man Odysseus und seine Männer im Film sieht, ist ihre Sehnsucht nach der Heimat beinahe herzzerreißend. Sie wollen so sehr nach Hause, und doch ist der Weg dorthin unendlich lang und voller Gefahren. Odysseus ist zu einem Sinnbild für Irrfahrt und Umherirren geworden. Doch diesem Bild liegt eine Voraussetzung zugrunde: Am Ende kehrt er nach Hause zurück. Was aber ist dieses Zuhause? Warum sehnen wir uns so sehr nach der Rückkehr und versuchen immer wieder, dorthin zurückzugelangen?
Auch in der Musik vermittelt die Schlusskadenz, wenn ein Stück zu seinem Ende kommt, oft ein Gefühl der Erleichterung – als würde man nach Hause kommen. Es ist ein Ort, an dem wir zur Ruhe kommen und uns sicher fühlen können. Ein Ort, an dem die Menschen sind, die wir am meisten lieben, und an dem wir so angenommen werden, wie wir sind. Ich glaube, jeder Mensch trägt einen solchen Ort in sich. Einen Ort, zu dem man immer zurückkehren kann, ganz gleich, wohin man gegangen ist. Doch nach Hause kann man nur zurückkehren, wenn man es zuvor verlassen hat. Darin liegt ein Paradox: Sobald wir zurückgekehrt sind, werden wir eines Tages wieder aufbrechen müssen.
Vielleicht ist der Mensch ein Wesen, das unaufhörlich aufbricht und zurückkehrt. Und währenddessen sind wir jedes Mal ein wenig anders geworden. Jeden Tag werden wir zu Odysseus: Wir verlassen unser Zuhause, verirren uns, lernen, erkennen – und kehren schließlich zurück.
Die Odyssee (The Odyssee
USA, 2026
172 min; FSK: 12
Regie: Christopher Nolan
Drehbuch: Christopher Nolan
Darsteller: Matt Damon (Odysseus), Tom Holland (Telemachos), Anne Hathaway (Penelope) u.v.a.
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