Scheiben Spezial: Holly Golightly zum Sechzigsten
Thomas Claer
Sie war schon immer das etwas aufgekratzte Mädchen mit der rauchigen Stimme. Zu ihrem ungewöhnlichen Namen, der tatsächlich ihr richtiger Name und kein Künstlername ist, kam sie, weil Ihre Mutter ein großer Fan der berühmten Hauptfigur Holly Golightly aus Truman Capotes Roman „Frühstück bei Tiffany“ (und der gleichnamigen Verfilmung mit Audrey Hepburn von 1961) war. Begeistert von dieser Roman- und Filmfigur entschied sich die Mutter, ihre Tochter vor sechzig Jahren nach jener zu benennen. Und so musste Holly Golightly Smith zu Beginn ihrer musikalischen Karriere in London Anfang der Neunziger in der Band „Thee Headcoatees“ nur noch ihren Allerweltsfamiliennamen Smith weglassen – und die Musikerin Holly Golightly war geboren, genauer gesagt: hatte sich selbst erfunden und erschaffen.
„Thee Headcoatees“ spielten eine rohe Mischung aus Garagenrock, Girl-Group-Pop der 1960er-Jahre und Punk. Holly Golightlys Solokarriere begann bereits Mitte der Neunzigerjahre, also noch während sie (bis 1999) parallel bei „Thee Headcoatees“ aktiv war. Ohne ihre lärmigen Bandkolleginnen ließ sie es vergleichsweise ruhiger angehen, wobei ihr Repertoire eine Mischung aus akustischem Blues und Jazz, 1960er-Jahre Folk, Soul und traditionellem Country war. 1995 veröffentlichte sie ihr Debütalbum „The Good Things“, dem noch 12 weitere Platten folgen sollten. Den Höhepunkt ihrer Popularität erreichte sie in den frühen Nullerjahren durch ihre Zusammenarbeit mit den White Stripes. Kurz gesagt, Holly Golightly sollte man unbedingt kennen.
Leider kannte ich sie aber bis vor wenigen Monaten noch gar nicht. Und so beschritt ich den Königsweg, um Holly Golightly kennenzulernen und erwarb ihr ausgezeichnetes Compilation-Album mit dem programmatischen Titel „My First Holly Golightly Album“ aus dem Jahr 2005, das weitgehend ihr damaliges Live-Programm enthält. Holly Golightly, das muss man wissen, vermischt auf fast allen ihren Soloalben eigene Songs mit Coverversionen. Sie gilt als leidenschaftliche Sammlerin und Interpretin alter, oft obskurer Blues-, Country-, R&B- und Folk-Klassiker. Und da ihre Live-Auftritte traditionell stark auf ihren liebsten Oldies, Blues- und Garage-Covers basieren, ist der Anteil an Fremdkompositionen auf „My First Holly Golightly Album“ besonders hoch: Von den 17 Tracks wurden nur fünf von ihr selbst geschrieben. Gleichwohl macht sie durch ihre einzigartigen Interpretationen alle diese Lieder überzeugend zu ihren eigenen. Die Grundstimmung des Albums ist fröhlich, beinahe überschwänglich. Und doch sind die beiden stärksten Songs der Platte – jedenfalls für mich – eher traurig und ernst: „Your Love is Mine“ (Original von Ike Turner, also ausgerechnet von Tina Turners prügelndem Ex-Mann!) und „My Love is“ (Original von Billy Myles), das 1960 mal ein Hit war. Alles Gute, Holly Golightly, zum Sechzigsten!
Holly Golightly
My First Holly Golightly Album
Damaged Good Records 2005
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