Kathrin Fischer ist von ihm genervt
Matthias Wiemers
Die Publizistin Kathrin Fischer hat sich eines Modethemas der letzten Jahre angenommen, der Achtsamkeit. In ihrem gut geschriebenen Buch zeigt sie zunächst auf, wie sie darauf kam, zeigt aber gleich auf den ersten Seiten, wen sie dafür verantwortlich macht: den Neoliberalismus (war irgendwie klar). Sie schreibt nämlich: „Die boomenden Praktiken der Achtsamkeit stellen eine neoliberale Praxis dar, weil sie Stress und Erschöpfung entpolitisieren und damit individualisieren“ (S. 12). Das ist eine steile These. Die eigentliche These Fischers finden wir am Ende ihrer Einleitung: “Unser Selbst-Welt-Verhältnis ist aus dem Gleichgewicht geraten. Wir versuchen nur noch das Selbst zu verändern, nicht mehr die Welt“ (S. 15). Die Autorin hält Achtsamkeit für eine Ideologie, „die sehr gut zu der neoliberalen bis libertären Prägung dieses aktuellen Kapitalismus passt“ (ebenda).
Im ersten Kapitel wird die Sehnsucht nach Gelassenheit beschrieben, worin auch gar nicht erst versucht wird, Achtsamkeit präzise zu beschreiben. Denn Achtsamkeit sei „längst zu einem universellen Lifestyle-Label geworden – einem Label, das nichts aussagt und mit dem man deshalb alles bewerben kann“ (S. 24). Zustimmung! Es werden dann – wie auch im Folgenden – Bezüge zum Buddhismus hergestellt. Soweit ich dies beurteilen kann, passt das. Es werden dann Religionswissenschaftler zitiert, die sich mit dem Buddhismus beschäftigt haben (ein Bezug zum Christentum wird interessanterweise nicht hergestellt). Die Erzählung (des Buddhismus) passe perfekt zu Individualismus, Kapitalismus und Neoliberalismus (S. 48). Diese Meinung einer Religionswissenschaftlerin scheint die Autorin zu überzeugen – mich nicht.
Im zweiten Kapitel („Die Wirklichkeit: krisenhaft“) handelt viel von Yoga. Hier wird dann eine Soziologin zitiert, die den Begriff des buddhistischen Geist des Kapitalismus geprägt zu haben scheint. Dieser Geist tarne sich als Selbstfürsorge, sei aber in Wirklichkeit kapitalistisch „oder genauer: Er ist neoliberal“ (S. 54).
Es wird von Erschöpfung geschrieben und von der zutreffenden Tatsache, dass Krankschreibungen wegen psychischer Diagnosen zunehmen und inzwischen einen erheblichen Teil der Arbeitsunfähigkeiten ausmachen. Am häufigsten führten Depressionen zu Krankschreibungen, gefolgt von Angststörungen und chronischer Erschöpfung (S. 59). Dies mag sein, und man möchte den Hinwies hinzufügen, dass zunehmend Jugendliche wegen dieser Diagnosen zu Pflegefällen gestempelt werden, die die Pflegeversicherung, die sich Norbert Blüm so sicherlich nicht vorgestellt hatte, erheblich belasten. Aber ist dafür der – hier natürlich auch nicht definierte – Neoliberalismus verantwortlich? Mit Sicherheit nicht! Der Zufall will es, dass sich der Rezensent gerade mit der jüngeren deutschen Geschichte befasst. In Urich Herberts grandioser „Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert“ gibt es hinten auch ein letztes DDR-Kapitel (19. Aufschwung, Krise und Zerfall der DDR“), worin der FDGB-Vorsitzende Harry Tisch zum Thema hohe Krankenstände wie folgt zitiert wird: „Wir haben über 100 sozialpolitische Maßnahmen durchgeführt, aber der Krankenstand steigt und steigt. Er liegt jetzt bei über 6 %. Es gibt bei uns Auffassungen, daß die 6 Wochen, die mit 90% bezahlt werden, jeder nehmen muß“ (Herbert, S. 1052).
Wenn man dann in die Gegenwart der „realexistierenden BRD“ blickt, mag man vermuten, dass das alles andere als „neoliberal“ verursacht wurde, was wir heute erleben. Der „antisozialistische Schutzwall“ ist nämlich weggefallen und wir leben zunehmend in der DDR 2.0. Davon aber will die Autorin nichts wissen.
Aber sie beschreibt natürlich reale Probleme und das jetzt ubiquitäre Gerede von der KI ist wirklich unerträglich. Fischer weist insoweit auf Scoring Modelle sowie Kontrolle und Überwachung als Geschäftsmodelle hin. Das hat allerdings mit dem Neoliberalismus nun wirklich nichts zu tun. Und mit dem Begriff des Autoritären, den die Autorin in der Folge verwendet, sollte sie wirklich vorsichtiger umgehen. So bezeichnet sie das Konzept der Resilienz und der Gelassenheit als „latent autoritär“ (S. 74 f.). Das Ganze wird entwickelt anhand von Beschreibungen von Zuständen bei der Deutschen Bahn und im ÖPNV, die vom Tatsächlichen her natürlich alle bestätigt werden können. (Dass die Schweizer Bahn hier zitiert wird, die bekanntlich eine Staatsbahn ist, worauf Fischer aber nicht hinweist, zeigt, dass es auch anders geht. Das eigentliche Problem zeigt sich aber auch gegenwärtig wieder: Es wurde in den 1990ern eine halbherzige Privatisierung vorgenommen, die man besser ganz unterlassen hätte. Aber auch dann hätte man die „Bundesbahn“ nicht so lassen können – was heute vielfach vergessen wird).
Im dritten Kapitel werden die Ursachen für die heutigen Zustände beschrieben. Dazu lässt sich nur sagen, dass es natürlich mit Thatcher und Reagan eine Art neoliberale Wende gegeben hat – allerdings war das, was bis dahin im Westen herrschte, schlichtweg nicht mehr bezahlbar (Der Osten merkte es schmerzlich etwas später). Im vierten Kapitel („Die Kritik: Weltvergessenheit“) werden der Achtsamkeit auch positive Seiten abgewonnen. Es wird betont, dass es zur Durchführung etwa von Qigong-Übungen kein großes Equipment braucht.
Im fünften Kapitel geht es darum, dass Achtsamkeit ein Mittel sein kann, politisches Veränderungsinteresse an der Gesellschaft gewissermaßen nach innen zu wenden und es zu entpolitisieren. Da mag etwas dran sein. Allerdings befremdet das Angefasstsein, das die Autorin zu Beginn beschreibt, nachdem ein Coach ihr die folgende Frage gestellt hatte: „Ist Deine Wut möglicherweise persönlich motiviert?“. Zunächst einmal fragt man sich, warum dies eine unzulässige Frage gewesen sein sollte. (Warum geht jemand überhaupt zu einem Coach?) Es ist doch völlig legitim, seine eigenen Interessen öffentlich zu artikulieren und über eine Gesellschaftskritik auch eigene Ziele zu verfolgen. Dennoch werden in diesem Kapitel viele zutreffende Beobachtungen mitgeteilt, z. B. dass die Mittelklasse heute „lieber über Vorurteile als über Gleichheit, über Rassismus als über Kapitalismus, über Sicherheit als über Ausbeutung“ spreche und sich überwiegend für sich selbst interessiere (S. 202). Oder: „Liberal, schreiben Amlinger und Oliver Nachtwey, ist der Liberalismus nur noch gegenüber Liberalen, gegenüber nichtliberalen Denk- und Lebensweisen verhält er sich zunehmend illiberal“ (S. 213). Da mag etwas dran sein (klassisches Beispiel: Ich vertrete den freien Welthandel so lange, wie ich davon kraft Überlegenheit profitiere. Aber wehe, jemand will mir die Vorherrschaft streitig machen, dann kommen die Schutzzölle).
Fischer schließt mit einem Kapitel über „Die Utopie: Die Welt zurückholen“. Hier möchte ich noch ein Zia bringen: „Die eskalierenden Krisen zeigen doch längst: Die Überzeugung, dass Achtsamkeit die Welt rettet, hält der Realität nicht stand. Seit den 1990er-Jahren, als Achtsamkeit zur Antwort auf alle Lebensfragen wurde, schmelzen Gletscher, verschwinden Tiere, zerfallen Ordnungen. Wenn Achtsamkeit so wirksam ist, wie ihre Anhänger behaupten. warum wirkt sie dann nicht? Die politische Bilanz von Achtsamkeit ist verheerend“ (S. 224). Hier ist der Autorin zu antworten, dass Achtsamkeit vielleicht gar kein politisches Ziel hatte und damit auch keine Bilanz haben kann. Eine Korrelation ist noch keine Kausalität. Und eine vollständige (Rück)-Verstaatlichung der DB, wie sie die Autorin nachfolgend fordert, würde kein Problem lösen. Mit Ausnahme des Netzes muss die Bahn vielmehr entstaatlicht werden.
Kurz: Ein Buch, das Ideologie unterstellt, aber selbst ideologisch ist.
Etwas nervig ist, dass man die Endnoten der Autorin nicht hinten im Buch, sondern über einen QR-Code nur online nachlesen kann. Damit wird eine Hemmschwelle aufgebaut, aber vielleicht ist es ja wenigstens nachhaltig (wieder so ein Wort – ist dafür auch der Neoliberalismus verantwortlich?).
Kathrin Fischer
Achtsam geht die Welt zugrunde
Hanser Verlag, 2026
256 Seiten; 28,00 Euro
ISBN: 978-3-446-28570-5
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