Gustav Seibt ermöglicht uns einen „Sommer mit Goethe“
Thomas Claer
Keiner kennt alles von Goethe, zumindest fast keiner. Gustav Seibt (geb. 1959), den man als Deutschlands besten Feuilletonisten bezeichnen könnte (früher FAZ, seit langem SZ), hat nun einen feinen Sammelband herausgebracht, der sich an ein interessiertes Publikum mit überschaubaren Vorkenntnissen und begrenztem Zeitbudget richtet, das mehr über den maßgeblichen deutschen Großautor erfahren und dabei sachkundig angeleitet werden möchte. In nur einem Sommer, so das Versprechen dieses Buches, könne der Leser täglich auf nur fünf bis sechs Buchseiten einen bestimmten Aspekt im Leben und/oder Werk Goethes vertiefen – jeweils mit ein paar einschlägigen Zitaten und Gustav Seibts Kommentaren. In seinem Vorwort empfiehlt der Autor allerdings, sich dafür jeden Tag zumindest eine halbe Stunde Zeit zu nehmen, denn über die reine Lektüre hinaus sollten die DInge ja anschließend auch noch durchdacht werden. So wie auch Goethe in seinem Terminkalender in seinem jedenfalls in der zweiten Lebenshälfte vollständig durchgetakteten Leben stets gesonderte Zeiten zum Durchdenken bestimmter Angelegenheiten eingeplant hatte.
Dies und weitere weniger bekannte Umstände zu Goethes Person und seinen Arbeiten erfährt man neben auch einigem Geläufigeren aus diesem Werk. Vermutlich sind nicht alle der 51 Miniaturstücke für jeden Leser gleichermaßen interessant, aber es dürfte ganz sicher für jeden, der sich auf dieses Vorhaben einlässt, eine Menge Erhellendes dabeisein – selbst für jene, die sich schon recht gut auszukennen glauben. Und auch wer wie der Rezensent die strenge zeitliche Dosierung nicht durchzuhalten vermag, also an manchen Tagen gar nichts und an anderen dafür gleich mehrere Kapitel nacheinander liest, kommt am Ende gewiss auf seine Kosten. Offen bleiben muss allein die Frage, ob dieses Konzept auch in anderen Jahreszeiten als dem Sommer funktioniert, denn die entspannte und gelassene Stimmungslage des Buches entspricht doch sehr der Lebensart und Leichtigkeit der warmen Urlaubssaison.
Wobei sich mitunter das Wohlgefühl auch erst im Kontrast zwischen dem eigenen Erleben und dem Geschriebenen einstellt. Wenn Goethe sein Leben so dermaßen rigoros verplant und hart gegen sich selbst geführt hat und dann gegenüber Eckermann bekennt:
„Man hat mich immer als einen vom Glück besonders Begünstigten gepriesen […] Aber im Grunde ist es nichts als Mühe und Arbeit gewesen, und ich kann wohl sagen, dass ich in meinen fünfundsiebzig Jahren keine vier Wochen eigentliches Behagen gehabt habe. Es war das ewige Wälzen eines Steines, der immer von neuem gehoben sein wollte.“,
so kann man nur sagen: Kein Wunder! Etwas mehr Work/Life-Balance wie in seinen jungen Jahren auf der Italien-Reise hätte ihm sicher gutgetan. Aber das nur am Rande. Das Themenspektrum in diesem Büchlein reicht, um nur Weniges herauszugreifen, von Goethes sprachlicher Präzision und Kürze (trotz seines umfangreichen Werkes konnte er mit mit wenigen treffenden Worten sehr viel zum Ausdruck bringen) über gesellschaftspolitische Fragen (Goethes widersprüchliche Einlassungen zur Despotie, die er an einer Stelle als ordnungsstiftend lobt und an anderer Stelle als rohe Willkürherrschaft tadelt) bis hin zu Lifestyle- und Selbstoptimierungsfragen in Goethes Novelle „Der Mann von fünfzig Jahren“.
Kurzum, wer sein Wissen über Goethe endlich einmal ausbauen oder wieder auffrischen möchte, trifft mit dieser Sommer-Lektüre eine gute Wahl.
Gustav Seibt
Ein Sommer mit Goethe
Verlag C.H. Beck, 1. Auflage 2026
272 Seiten; 25,00 Euro
ISBN: 978-3-406-843600