Jill Lepore hat ihre grandiose „Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika“ neu herausgebracht
Matthias Wiemers
Vor einiger Zeit erschien hier meine Besprechung des Buchs der amerikanischen Historikern Jill Lepore über die Geschichte der Verfassung der Vereinigten Staaten („We, the People…“). Dort konnte man sich ausführlich und detailliert mit den Entstehungsbedingungen, mit Entwicklung und Bedingungen für ihre Veränderung beschäftigen – eher etwas für Feinschmecker. Denn das etwas ältere Hauptwerk der Autorin enthält durchaus ebenfalls Aussagen zur Verfassungsentwicklung, sie sind aber in die Beschreibung der allgemeinen geschichtlichen Entwicklung eingestreut. Und zudem ist dieses Werk nun als Jubiläumsausgabe zum 250. Jubiläum der US Verfassung neu erschienen, gefördert von der Gerda Henkel Stiftung und zu einem sensationellen Preis von unter 30 Euro.
Warum der Titel? Es wird in der Einleitung erläutert, aber der Begriff kommt immer wieder mal vor im Laufe der Gesamterzählung. Nach Thomas Jefferson, einem der Gründerväter der USA, beruht, so lesen wir auf S. 13, das „amerikanische Experiment“ auf drei politischen Ideen, „diesen Wahrheiten“, nämlich auf politischer Gleichheit, naturgegebenen Rechten und der Volkssouveränität.
Lepore lässt natürlich die Geschichte früher anfangen, letztlich mit dem Jahr der Entdeckung Amerikas, dem Jahr 1492. Der Erste Teil („Die Idee“), handelt von der Entwicklung bis zum Jahr 1799, umschließt also bereits die Gründung der Vereinigten Staaten und die Schaffung der Bundesverfassung. Der zweite Teil („Das Volk“) umfasst die Zeit von 1800 bis 1865, also bis zum Ende des Bürgerkriegs – worin natürlich insgesamt die Frage der Sklaverei eine Rolle spielt, auch die Frage, wovon dieser Staat langfristig leben sollte. Treffend lautet dann der dritte Teil, für die Zeit zwischen 1866 und 1945 „Der Staat“. Denn über den Bürgerkrieg und die beiden Weltkriege wuchs die Macht des Staates und der Großindustrie, wuchs auch die Macht der USA in der Welt, wuchs „Big Government“, das freilich erst im vierten Teil richtig zum Thema wurde. Der vierte Teil ist überschrieben mit: „Die Maschine“ und behandelt die Zeit von 1946 bis 2016, also bis zur Wahl von Donald Trump.
Behandelt schon Kapitel sechzehn, das den vierten Teil beschließt, die Zeit nach dem 11. September 2001, so beginnt und endet einstweilen Teil fünf („Die Nation“) mit dem siebzehnten Kapitel über „Ein Notstand“. Dieses Kapitel wurde neu geschrieben angesichts der Wiederwahl Donald Trumps. Hierzu nur ein ganz kleines Zitat: „Und Trump fällte nicht so viel Holz, weil er eine so mächtige Axt führte, sondern wegen der Fäulnis in den Bäumen und der Brüchigkeit des Holzes“ (S. 1010). Man konnte sich bereits 2016 fragen, wie solch eine Figur überhaupt zum US-Präsidenten gewählt werden konnte, aber auch – und nicht erst am Ende des letzten Präsidentschaftswahlkampfs nach dem Ausstieg Jor Bidens, warum Biden überhaupt der Nachfolger des viel jüngeren Barack Obama werden musste.
Und wir sollten uns fragen, was mit unserem Staat in Deutschland eigentlich los ist.
Für die USA schreibt Jill Lepore im Epilog: „Das Staatsschiff schlingerte und schwankte. Liberale, von der kleinsten Brise umgeweht, hatten es versäumt, die Segel zu trimmen, die jetzt im aufkommenden Sturmwind, der heftig an der Takelage riss, flatterten und zerrissen wurden. Unter Deck zusammengedrängt, hatten sie es versäumt, einen Kurs festzulegen, den Horizont aus dem Blick verloren und den Zugriff auf jede Art von Kompass eingebüßt. Die Progressiven legten sich über die Dollborde, waren verwirrt und orientierungslos. An Deck hatten die Konservativen die Schiffsplanken herausgerissen, um Freudenfeuer der Wut zu entzünden: Sie hatten den Willen des Wahlvolkes umgarnt, indem sie den Begriff der Wahrheit zerstört, den Schiffsmast zertrümmert hatten“ (S. 1019 f.).
Dies dürfte nicht die letzte Bearbeitung dieser grandiosen Geschichtsschreibung gewesen sein.
Die von der Gerda Henkel Stiftung geförderte Sonderausgabe, die im handlichen Format für nicht einmal 30 Euro rund 1200 Seiten Buch liefert, ist eine große Leistung von Verlag und Stiftung. Wer das Buch kauft, hilft die kapitulatorische Einstellung zu widerlegen, heute würden keine dicken Bücher mehr gelesen. Zeigen wir, dass dies gelingt!
Jill Lepore
Diese Wahrheiten. Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika
Aus dem Englischen übersetzt von Werner Roller
Verlag C.H. Beck, Sonderausgabe 2026
1.198 Seiten; 29,90 Euro
ISBN: 978-3-406-84610-6
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