Ein langer Nachhall fremdartiger Verwirrung

Recht cineastisch, Teil 52: „Hope“ von Na Hong-jin

Juyeon Han

Hope, ein Film, der diesen Sommer in Korea für hitzige Debatten sorgte, ist Anfang Oktober in den deutschen Kinos angelaufen. Als Werk, das im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes lief, ist seine künstlerische Qualität außer Zweifel. Dennoch spaltet der Film nach seinem Start die Gemüter aufs Schärfste. Während die einen ihn als „überwältigend immersiv“ feiern und ihm das Zeug zum Kultklassiker attestieren, kritisieren andere die unzugängliche Handlung sowie hölzern wirkende Computeranimationen. Ich empfehle, diesen Film völlig unvoreingenommen und ohne Vorinformationen auf sich wirken zu lassen. Müsste ich meine Impressionen in einem Satz zusammenfassen, würde er lauten: „Unglaublich, wie weit man die Grenzen von Thriller und Action dehnen kann.“

Die Handlung spielt Anfang der 1980er Jahre in einem koreanischen Fischerdorf. Die Kamera fängt die herbstliche Provinzlandschaft und das klare Wetter erstaunlich realistisch ein. Doch über Hopohang, einem kleinen Hafenort nahe der entmilitarisierten Zone, braut sich wie ein Schatten des Krieges etwas Unheimliches zusammen. Das Kadaver eines Stiers, der auf einem Weg zwischen frisch abgeernteten Reisfeldern von einem furchterregenden Wesen übel zugerichtet wurde, lässt Böses erahnen. Ausgehend von einem Anruf bei der örtlichen Polizeidienststelle lässt die anfängliche, trügerische Stille kaum erahnen, welch chaosgeladenes Szenario noch folgen sollte. Urplötzlich zieht die Kamera den Zuschauer mitten in eine chaotische Schneise der Verwüstung. Indem der Film die Geschehnisse ausschließlich aus der Perspektive des ländlichen Polizeichefs Beom-seok erzählt, überträgt sich seine Verwirrung und Ratlosigkeit eins zu eins auf das Publikum. Durch die Augen der Hauptfigur Beom-seok rennt, sieht und hört die Kamera. Ein gewisses Déjà-vu weckt Erinnerungen an Bong Joon-hos The Host. Ein seltsames Wesen, das in der friedlichen koreanischen Provinz auftaucht – aus dieser Dissonanz zieht der Film einen ganz besonderen Nervenkitzel. Warum geschieht das ausgerechnet in einem idyllischen Dorf, in dem fast nur noch alte Menschen leben, und nicht in einer futuristischen Welt oder einer modernen Metropole? Neben der Neugier übertreffen die herzergreifende Dringlichkeit, die Zerstörungskraft und das Tempo des Films sogar jene von Mad Max. Die Angriffe, bei denen man ahnungslos gejagt wird und die dem Zuschauer keine Zeit lassen, das Desaster überhaupt zu begreifen, erinnern stark an kriegerische Zustände.

Der Film bewegt sich an den Schnittstellen verschiedener Genres – Action, Thriller, schwarze Komödie und Science-Fiction. Genau dieser Mix verleiht dem Werk eine faszinierende, staatenlose Ästhetik. Die nächste Szene und die weitere Wendung der Geschichte sind schlicht unvorhersehbar. Schließlich löst der Film selbst die Grenzen zwischen Gut und Böse auf. Ohne dem Publikum Raum zum Innehalten zu geben, hetzt das Geschehen zur nächsten Szene weiter. Es dauert eine ganze Weile, bis die Zuschauer gedanklich wieder Ordnung in das Gezeigte bringen können – doch genau das mag ein Mittel sein, um eine lang anhaltende Wirkung zu erzielen. Entgegen allen Erwartungen reiht sich ein mysteriöses Ereignis an das nächste, und selbst das Wesen, das zunächst als Monster und Feind erschien, strahlt eine beinahe erhabene Aura aus, als trüge es sein ganz eigenes Schicksal mit sich.

Diese Form des Erzählens besitzt die große Stärke, einen weiten Raum für Interpretationen zu eröffnen. Die Textur des Films lässt sich als vielfältiges Geflecht von Symbolen lesen. Genau deshalb hinterlässt der Film uns in einem Zustand produktiver Verwirrung. Dass eine Erzählung, die in einem winzigen Dorf beginnt, bis in die Weiten des Universums ausgreift, mag auf den ersten Blick unvermittelt wirken. Der abrupte Tonwechsel erzeugt beim Publikum ein Gefühl der Befremdung und Exotik. Es sind genau diese artfremden Elemente und die skurrile Storyline, die mitten in scheinbar realistische Szenen einbrechen, welche den Reiz des Films ausmachen. Der Film lädt uns zunächst ganz unschuldig in die idyllische koreanische Provinz ein, nur um uns sogleich mit einer atemlosen Verfolgungsjagd das Herz in der Brust zusammenschnüren zu lassen. Nach etlichen Wendungen sieht man sich schließlich auf sich selbst zurückgeworfen. Wie viele Filme auf der Welt vermögen es schon, ein solch vielschichtiges, fremdartiges Gefühlingchaos auszulösen? Eine Inszenierung, die Hollywood-Blockbuster in den Schatten stellt, gepaart mit einer mutigen Dramaturgie – das sind die Gründe, warum man diesen Film unbedingt gesehen haben muss. Dem Regisseur Na Hong-jin, der es meisterhaft versteht, etablierte Muster aufzugreifen und zugleich gekonnt zu unterlaufen, gebührt höchste Bewunderung.

Hope
Südkorea 2026
2 Std.37 Min.; FSK: 16
Regie: Na Hong-jin
Drehbuch: Na Hong-jin
Darsteller: Jung-Min Hwang, In-sung Zo, Jung Ho-Yeon u.v.a.

Veröffentlicht von on Okt. 12th, 2026 und gespeichert unter DRUM HERUM, RECHT CINEASTISCH. Sie können die Kommentare zu diesem Beitrag via RSS verfolgen RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit nicht erlaubt.

Keine Kommentare möglich