Precht, der Kulturdeuter

Der Philosoph erklärt, „Wie Künstliche Intelligenz die Kultur abschafft“

Matthias Wiemers

Richard David Precht behält seine Einschätzungen von Gegenwart und potentieller Zukunftsentwicklung nicht für sich, sondern teilt sie mit seinem großen Publikum. Schon seit geraumer Zeit – und in mehreren bisherigen Werken – beschäftigt er sich auch mit der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz.
Sehr rechtzeitig vor dem nächsten Weihnachtsgeschäft hat Precht nun ein – an anderer Stelle durchaus kritisch rezensiertes – handliches Buch herausgebracht, das er selbst als „Essay“ bezeichnet und das – gespiegelt an der Entwicklungsgeschichte seines 1933 geborenen und seit „Corona“ (und zwei Impfungen) dementen Vaters zeigt, welchen Einfluss die KI auf Erscheinungen der Kultur hat.
Das in 14 Kapitel gegliederte Werk beschreibt den Niedergang der Kultur im umfassendsten Sinn. Ein erstes Zitat hierzu (von S. 13): „Dieses Große, von dem ich vermute, dass es mit der Generation meines Vaters zu Ende geht mit meiner Generation als Übergang – den mehr oder weniger beflissenen Nachlassverwaltern sozusagen -, ist nicht weniger als das, was man Kultur nennt.“
Insgesamt bedauert Precht durchgehend das mangelnde Bedauern am Verlust der Kultur. Auch hierzu ein – leider für sich genommen zutreffendes – Beispiel. „Der einige Verlust, der, wenn überhaupt, heute in Hinsicht auf die Kultur betrauert wird, ist ein praktischer. Längst macht die Rede vom Deskilling die Runde. Ursprünglich erdacht für die Dequalifizierung der Arbeiter am Fließband, hat es uns inzwischen alle erwischt. Handwerksmeister fluchten über die Ungeschicklichkeit der Wisch-und-weg-Generation, Ergotherapeuten finden von Jahr zu Jahr mehr Arbeit darin, körperlich ungelenke Kinder zu trimmen“ (S. 69).
Auch richtig: „Je weiter künstliche Intelligenz unser Leben und Zusammenleben bestimmt, desto natürlich dümmer werden wir“ (S. 79). Jeder, der Autofahren noch aus der Vor-Navi-Zeit kennt, weiß, dass das stimmt. Kultur war für Precht, „was nicht weiterbrachte“, wie Kapitel VI überschrieben ist. Und dem wird die existierende Förderbürokratie in der Kulturindustrie gegenübergestellt.
Ein Mangel an öffentlicher Kritik wird bemängelt, so treffe grundsätzliche Kritik an politischen Narrativen heute nicht mehr auf eine grundsätzlich gespaltene Medienlandschaft, die jede Gesellschaftskritik in rechten Medien bekämpft und in linken Medien feiert wie in den Siebzigerjahren. Grundsätzliche Kritik wird heute von nahezu allen etablierten Leitmedien verlacht oder bekämpft und eilig einem unsittlichen „Rand“ der Gesellschaft zugeordnet, ganz gleich, ob der nun links oder rechts verortet werde (S. 108 f.). Rührt daher die eingangs erwähnte Kritik an der Schrift Prechts?
Denn die Schrift ist eine – völlig berechtigte – Fundamentalkritik an den ubiquitären KI-Befürwortern. Denn: „Die Welt der KI wird eine des Konformismus sein und eine des Uniformismus. (…) Politische Systemfragen werden angesichts dieser Revolution zweitrangig werden, regieren werden jene, die über die KI bestimmen, die Herren der Daten und der gesellschaftlichen Programmierung. Regieren wird zur sozialtechnischen Frage, bei der es nicht schaden kann, wenn die Verstandesleistungen der Bevölkerung abnehmen“ (S. 109).
Springen wir zum Ende, dann hält sich Precht die Frage nach einem kulturpessimistischen Fazit offen, indem er zwei verschiedene Schlussabsätze formuliert.
Mein Fazit ist jedenfalls, dass sich das Buch wunderbar eignet, um etwa gegen Abend noch ein Kapitel Nachdenklichkeit aufzunehmen. Es wird seinen Weg in die Haushalte finden – nicht nur über das Weihnachtsgeschäft.

Richard David Precht
Auserzählt? Wie künstliche Intelligenz die Kultur abschafft
Goldmann Verlag, 2026
224 Seiten; 19,99 Euro
ISBN: 978-3-442-30268-0

Veröffentlicht von on Nov. 2nd, 2026 und gespeichert unter BESPRECHUNGEN, LITERATUR. Sie können die Kommentare zu diesem Beitrag via RSS verfolgen RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit nicht erlaubt.

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