Ein neues Grundlagenwerk

Diesmal geht es um das Verfassungsrecht

Matthias Wiemers

Es ist einerseits nicht immer leicht, treffende Titel für juristische Fachliteratur zu finden, andererseits existieren attraktive Titel, um die durchaus gerungen wird. So gab und gibt es diverse „Handbücher“ wie auch den Titel „Grundlagen des Verwaltungsrechts“ (, den es sonst nur im Schweizer Recht schon seit langem gibt). Konkurrierten um die „Handbücher“ vor allem C. F. Müller und Beck, so hat es jetzt Mohr Siebeck geschafft, ein dreibändiges Werk zu den „Grundlagen des Verfassungsrechts“ zu konzipieren, von dem der erste Band kürzlich erschienen ist.
Die drei Herausgeber Julian Krüper, Mehrdad Payandeh und Heiko Sauer, allesamt um die 50, haben wesentliche Teile ihrer akademischen Ausbildung in Düsseldorf zurückgelegt und lehren nunmehr in Bochum, Hamburg (Bucerius) und Bonn.
Die übrigen zehn Bearbeiter dürften ebenfalls die 60 noch nicht überschritten haben und verteilen sich auf Universitäten in Westdeutschland, wobei insgesamt die Universitäten Mannheim, Erlangen und Münster jeweils doppelt vertreten sind.
Der erste Band des auf drei Bände angelegten Werks enthält 13 Kapitel, in denen namentlich Bezüge einzelner juristischer Fachdisziplinen zum Verfassungsrecht hergestellt werden. Nicht mit allen Kapiteln musste man so rechnen.
Friederike Wapler beginnt mit der „Rechtsphilosophie“ (§ 1), gefolgt von Andreas Funke mit der „Rechtstheorie“ (§ 2). Heiko Sauer befasst sich speziell mit dem Thema der „Verfassungsinterpretation“ (§ 3), das freilich keine juristische Teildisziplin darstellt, sondern zum integralen Inhalt des Verfassungsrechts gehört. Sauer präsentiert hier nicht nur die Entwicklung der Verfassungsinterpretation unter dem Grundgesetz, sondern zeigt etwa auch auf, welche Disziplinen bei der Verfassungsinterpretation Zuliefererdienste leisten (§ 3, Rdnr. 18 f.).
Michael W. Müller präsentiert die Bedeutung der „Verfassungsgeschichte“ (§ 4) und Jörn Reinhardt „Verfassungssoziologie“ (§ 5). Michaela Hailbronners „Verfassungsvergleichung“ (§ 6) und Mattias Wendels „Gemeineuropäische Zugänge zum Verfassungsrecht“ (§ 7) sind selbstverständlich verwandte Perspektiven, wobei Hailbronner ihren Beitrag mit einem letzten Abschnitt über „Verfassungsvergleichung und Völkerrecht“ schließt und damit zeigt, welchen Nutzen die Verfassungsvergleichung für das Völkerrecht haben kann (§ 6, Rdnr. 75ff.). Wendels Beitrag hingegen kulminiert in der Feststellung der bereits erfolgten Etablierung einer Europäischen Verfassungsrechtswissenschaft (§ 7, Rdnr. 100 f.).
Stefanie Egidy liefert eine „Ökonomische Analyse des Verfassungsrechts“ (§ 8). Auch hier blickt man gerne an den Schluss des Beitrags, wo „grundrechtliche Rechtfertigungsanforderungen“ formuliert werden, worunter auch die Anforderungen an ein – ja aus der Ökonomie stammendes – „Nudging“ formuliert werden (§ 8, Rdnr. 152 ff.).
Die zusätzlich in Politikwissenschaften promovierte Patricia Wiater zeigt „Politikwissenschaftliche Zugänge zur Verfassung“ auf (§ 9), etwas weniger erwartbar dann der Beitrag von Arne Pilniok über „Organisationstheoretische Zugänge zum Verfasssungsrecht“ (§ 10), ähnlich auch die „Kulturwissenschaftliche Verfassungsforschung“ (§ 11), die uns Julian Krüper präsentiert. Wer in Krüpers Beitrag praktisch eine Nacherzählung des Wirkens von Peter Häberle (1934 bis 2025) erwartet, wird sich enttäuscht sehen. Das Thema bietet wesentlich mehr. Die „Kritische Verfassungsrechtswissenschaft“ (§ 12) musste wohl von einer Frau – es ist Antje von Ungern-Sternberg – vorgetragen werden. Ein besonderes Lesevergnügen bietet Patrick Hilbert mit seinem abschließenden Beitrag zum Thema „Intradisziplinäre Zugänge zum Verfassungsrecht“ (§ 13), mit dem praktisch noch einmal die Binnensicht innerhalb der Rechtswissenschaft gewagt wird und wo interessante Beobachtungen zu machen sind bzw. nachvollzogen werden können.
Auf die kommenden Bände, Themen und ihre Vertreter dürfen wir gespannt sein. Herausgebern und Verlag ist ein großer Wurf gelungen.

Julian Krüper / Mehrdad Payandeh / Heiko Sauer
Grundlagen des Verfassungsrechts, Bd. 1: Zugänge
Mohr Siebeck Verlag, 2026
763 Seiten; 149,00 Euro
ISBN: 978-3-16-200110-8

Veröffentlicht von on Juni 22nd, 2026 und gespeichert unter BESPRECHUNGEN, LITERATUR. Sie können die Kommentare zu diesem Beitrag via RSS verfolgen RSS 2.0. Gehen Sie bis zum Ende des Beitrges und hinterlassen Sie einen Kommentar. Pings sind zur Zeit nicht erlaubt.

Hinterlassen Sie einen Kommentar!