Kleines Spätwerk

Bernhard Schlink denkt über „Gerechtigkeit“ nach

Matthias Wiemers

Bernhard Schlink hat sicher die außergewöhnlichste Karriere eines Juraprofessors gemacht – auch wenn in der Vergangenheit immer wieder Juristen zu sehr erfolgreichen Schriftstellern wurden, angefangen mit dem Frankfurter Johann Wolfgang Goethe.
Schlink hat mit seinem „Staatsrecht II“ gemeinsam mit seinem Kollegen Bodo Pieroth, der sich übrigens seit vielen Jahren mit „Recht und Literatur“ beschäftigt, einen Lehrbuch-Beststeller geschrieben und etwa auch ein Lehrbuch zum Polizeirecht mitverfasst, das mehrere Auflagen erlebte. Doch auch seit seinen teilweise weltweit erfolgreichen Romanen hat Schlink seinen Hausverlag als Literat, den Zürcher Diogenes Verlag, immer wieder einmal zur Herausgabe rechtswissenschaftlicher Betrachtungen herangezogen. So auch diesmal, wo sich der Autor in dem bekannten Format des Verlages mit dem Thema der Juristen schlechthin beschäftigt. Und so heißt es im kurzen Vorwort, in dem der Autor darlegt, wie es zu diesem Essay gekommen ist: „Ich hätte ohne den Glauben an Gerechtigkeit nicht Jurist werden können“ (S. 10; leider ist unter Juristen eine andere Auffassung sehr verbreitet).
Der Essay wendet sich – so ist ein anderer Satz im Vorwort zu verstehen – an philosophisch Gebildete wie an philosophisch lediglich Interessierte (S. 10). Nach einer kleinen Einführung, in der sogleich der Begriff der „Gerechtigkeitsarbeit“ eingeführt wird, die letztlich als Verfahren zur Hervorbringung gerechter Ergebnisse erscheint, wird am Ende betont, dass soweit wir zu wissen glauben, für was ein „Sehnsuchtsbegriff“ wie die Gerechtigkeit steht, wir ihn bereits verfehlt haben und im Reich der Ideologien angekommen sind (S. 22).
In einem „Überblick“ wird sodann der Ausgang bei der Gleichheit genommen und nach den überkommenen Begriffen der austeilenden und ausgleichenden Gerechtigkeit differenziert, sodann – im Abschnitt „Vorgehen“ die Suche nach Gerechtigkeit als Gerechtigkeitsarbeit beschrieben.
In den Folgekapiteln wird die „Gerechtigkeit allgemein“ – wieder ausgehend von der Gleichheit und gipfelnd in der Benennung der guten Gründe für Austeilen und Ausgleichen – betrachtet und werden (im dritten Kapitel) besondere Gerechtigkeiten – nämlich die politische, die soziale und die Strafgerechtigkeit behandelt.
Im vierten Kapitel wird die Gerechtigkeit in den Kontext anderer Tugenden und moralischen Normen gestellt und im Schlusskapitel über „Die Zukunft der Gerechtigkeit“ das Problem der „Verrechtlichung“ beschreiben. Dabei stellt Schlink fest: „Gerechtigkeit verlangt nicht, den Weg der Verrechtlichung und Vergerechtlichung zu durchmessen. Sie drängt nicht danach, sich zu mehren, sich in die Welt auszubreiten und in das Leben einzudringen. Die Menschen holen sie in die Welt und in das Leben (…) Ob die erhobenen Gerechtigkeitsforderungen erfüllt und die Ergebnisse der Gerechtigkeitsarbeit befolgt werden, entscheidet die Politik“ (S. 187 f.).
Und gegen Ende wird noch ein Bezug zur aktuellen Wirklichkeit hergestellt: „ Aber Gerechtigkeit hat ihren Preis. Die Gefahr, dass der Blick auf die Welt, wie sie sein soll, den Blick auf die Welt, wie sie ist, trübt, ist das eine. Das andere ist, dass die Dominanz normativer Wahrnehmungen und Erwartungen schließlich einen Überdruss weckt, der Gerechtigkeits- und moralische Forderungen als Übertreibungen und Anmaßungen empfindet und sich gegen sie empört. Darauf setzt der gegenwärtig vordringende populistische Autoritarismus, der wieder das Faktum der Macht über die Gerechtigkeits- und moralischen Normen erheben und eine Herrschaft der Entgerechtlichung errichten will“ (S. 196 f.) – mit der Folge, dass von diesen dann eher die eigenen Anhänger und die Seinen in den Blick genommen werden (die eigene Familie wird in der Aufzählung leider nicht ausdrücklich erwähnt).
Diese Zusammenhänge dargestellt zu haben, kann als Verdienst des Autors als public Intellectual, der bekanntlich nicht nur in Berlin, sondern auch in Donald Trumps Heimatstadt NYC einen Wohnsitz hat, angesehen werden. Hoffen wir nur, dass genügend Bürgerinnen und Bürger unseres Landes zum Schweizer Buch greifen!

Bernhard Schlink
Gerechtigkeit. Ein Essay
Diogenes, 2. Auflage 2026
208 Seiten; 25,00 Euro
ISBN: 978-3-257-07372-0

Veröffentlicht von on Juni 29th, 2026 und gespeichert unter BESPRECHUNGEN, LITERATUR. Sie können die Kommentare zu diesem Beitrag via RSS verfolgen RSS 2.0. Gehen Sie bis zum Ende des Beitrges und hinterlassen Sie einen Kommentar. Pings sind zur Zeit nicht erlaubt.

Hinterlassen Sie einen Kommentar!