Das verwunschene Maler-Idyll

Golo Maurer beschreibt die Entstehung einer deutschen Malerei im Italien der Romantik

Matthias Wiemers

Der Rezensent bittet zunächst Leser und Verlag um Verzeihung, weil er das hier vorzustellende Buch erst jetzt im Italienurlaub gelesen hat (Es ist natürlich die Frage, ob Triest so richtig zu Italien gehört, jedenfalls ist es eine ganz andere Gegend als die Umgebung Roms, als Latium bereits aus dem Lateinunterricht bekannt).
Der Autor, Golo Maurer, ist eine Art Chefbibliothekar der Auslandsdeutschen, er leitet nämlich die Bibliothek eines der unzähligen Max-Planck-Institute, wovon sich tatsächlich das MPI für Kunstgeschichte in Rom befindet. Diese Tatsache gibt uns bereits einen ersten Hinweis auf die Erwartbarkeit dessen, was uns der Autor beschreibt, nämlichen einen mehrjährigen Vorgang, den man getrost als die Erfindung der deutschen Kunst bezeichnen mag, wie es bereits im Untertitel des Bandes zum Ausdruck kommt. Es geht um die Entwicklung einer vor allem von – damals ja noch nicht vereinigten – Deutschen besiedelten Künstlerkolonie in der Ortschaft Olevano, etwa 40 km Luftlinie vom Petersplatz in Rom entfernt, gelegen in den Monti Prenestini, den Prenestriner Bergen, in den Jahren um 1820. Dort sammelten sich junge Künstler aus vielen deutschen Landen, die zumeist auch jung starben, wie insbesondere im eigentlich letzten Kapitel des Bandes beschrieben wird. Im Zentrum der Beschreibung steht der gebürtige Weimarer Franz Horny (1798 – 1824), der wie so viele andere von Rom kommend zeitweise in Olevano lebte und dort auch starb. Beschreiben wird auch die Situation in Rom im Jahre 1817 mit der deutschen Künstlerkolonie – womit praktisch an die bekannten Erzählungen über Goethes Italienreisen angeknüpft wird, die Jahrzehnte früher stattfanden und bekanntlich literarisch vor allem in der „Italienischen Reise“ beschrieben wurden. Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit „Wandern, Landschaft, Weltflucht“, wo die Gewohnheiten der jungen Romantiker beschrieben werden. Der Band kulminiert im fünften und vorletzten Kapitel und stellt die These auf, dass in Olevano eine spezifisch deutsche Malerei erfunden wurde – was sich durchaus hören respektive lesen lässt.
Der Autor versteht es nicht nur, flüssig zu schreiben, sondern auch immer wieder kulturelle Zitate unserer gegenwärtigen Welt zu bringen (Es muss überhaupt ein herrliches Leben sein – im MPI in Rom). Der Band enthält nahezu 100 bildliche Darstellungen entweder der im Text besprochenen Werke oder von Fotographien und ist deshalb teilweise auch als kunstgeschichtliches Erläuterungswerk zu lesen.
Im Schlusskapitel über Olevano im Winter 2025, das als Postskriptum bezeichnet wird, bestätigt sich ein wenig, was man gleich zu Beginn vermuten konnte: Die deutsche Kulturbürokratie hat sich längst des Örtchens Olevano bemächtigt und unterhält dort und in der Gegend Liegenschaften. Von der Kreativität, so ahnen wir, wenn wir die Beschreibung einer viertägigen Exkursion des Autors von seinem Stammsitz Rom aus lesen, ist nicht mehr so viel geblieben (aber deutsches Steuergeld fließt selbstverständlich reichlich). Geschichte ist Geschichte und lässt sich nicht wiederholen. Aber zu erinnern ist wichtig, und dies ist Golo Maurer in vorzüglicher Weise gelungen. Die ideale Urlaubslektüre – nicht nur für Italien.

Golo Maurer
Olevano: Als ein paar romantische Aussteiger in Italien die deutsche Kunst erfanden
Verlag C.H. Beck, 2026
384 Seiten; 29,90 Euro
ISBN: 978-3-406-84289-4

Veröffentlicht von on Aug. 24th, 2026 und gespeichert unter BESPRECHUNGEN, LITERATUR. Sie können die Kommentare zu diesem Beitrag via RSS verfolgen RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit nicht erlaubt.

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