Rolf Schwartmann zeigt, wie wir mit den neuen Herausforderungen leben können
Matthias Wiemers
Wie so mancher Kölner ist Rolf Schwartmann nicht in der Domstadt geboren, hat aber dort studiert und ist seit langem Professor an der Technischen Fachhochschule. Als habilitierter Öffentlichrechtler gehört er wohl inzwischen eher zur Minderheit von Professoren öffentlichrechtlicher Provenienz. Ein Medien- und Datenrechtler, der als regelmäßiger Kolumnist für den Kölner Express und die FAZ seine Themen auch einem breiteten Publikum zugänglich macht. Es war daher nicht ganz fernliegend, dass er nun im FAZ Verlag ein Buch über das Thema KI herausgebracht hat, das sich wirklich zu lesen lohnt. Denn der Mann kann allgemeinverständlich schreiben und bringt die richtigen Bilder – nicht nur im buchstäblichen Sinne.
Denn es ist schon ein Ärgernis, dass seit zwei, drei Jahren alle Welt nur noch von KI spricht und meint, dass diese Technologie alle Probleme löst und praktisch alternativlos ist. Dabei ist es doch nichts weiter als Mathematik, Mustererkennung und (viel) Energie.
Aber lassen wir mal Rolf Schwartmann zu Wort kommen: Im Vorwort bezeichnet er KI bereits als unverzichtbares Werkzeug, als Werkzeug, das zu seinem Werkzeugkasten gehört, „ebenso wie Bücher, Computer und ein Zollstock“. Netzagentur-Präsident Klaus Müller liefert ein kleines Geleitwort. Dann kommt ein zweites Vorwort des Autors („Prolog“), wo er KI zunächst einordnet als „das erste Werkzeug, das eigenständig und für den Menschen unbeherrschbar agieren kann“ (S. 12) und betont, die KI zeige uns, was wir sehen wollen (15). Am Schluss des Prologs lesen wir: „Wir müssen uns von dem gigantischen Zahlenapparat abgrenzen. Dazu müssen uns unsere Möglichkeiten und Unzulänglichkeiten im Spiegel der so mächtigen wie reizvollen Technik bewusst machen. Das Wort alternativlos sollte man sparsam verwenden. Wir sollten es aber nicht nur benutzen, wenn es um das Leben mit KI geht. Wir müssen es vor allem benutzen, wenn es um den Menschen geht, denn KI darf die Menschheit nicht von der Zukunft ausschließen (…)“ Schwartmanns Plädoyer: „Begreifen wir die KI-Ära als zukunftsweisenden Fortschritt in unserer Mensch-Ära“.
Zunächst wird uns ein „KI-Kompass“ verliehen. Es geht um das Erwerben des „KI-Seepferdchens“ (Der Autor liebt eine bildhafte Sprache.), das durch Lektüre des Buchs erfolgen könne. Wichtig scheint mir eine Feststellung, die sich auf Seite 36 findet und die man nur unterstreichen kann (auch wenn eine Menge Spinner in der Politik genau das Gegenteil sagen): „Der KI-Verordnung für die Misere der EU zu Beginn der KI-Ära die Schuld zu geben, wäre so einfach wie falsch. Die KI-Verordnung will vertrauenswürdige KI ohne schädliche Auswirkungen fördern. Sie sollte nicht schlecht geredet werden, nur weil das Gesetz nicht alles erlaubt und jede Frage perfekt beantwortet.“
Eindeutig erkennt Schwartmann eine Autonomie von KI an und vergleicht sie mit dem Tier als „Mitgeschöpf“ (S. 39 u. öfter). (Der Begriff des Mitgeschöpfs stammt aus dem Tierschutzgesetz von 1987 und entstammt christdemokratischem Denken.)
Weiter geht es um „KI verstehen“, worin der Autor einfach zahlreiche Begriffe verständlich erklärt, die das Diskutieren über KI verbessern können. Hier nur ein wichtiges Zitat, unter der Zwischenüberschrift „nicht neutral“ : „Man muss wissen, dass es im KI-Modell, also auf der „Genebene“ der Datenbasis, keine Neutralität gibt. Die Datenbasis legt das KI-System ebenso auf ein „wölfisches“ und unbeherrschbares Agieren fest, wie die Wolfsgene den Hund. Jede Anfrage, die man der KI stellt, ist mit einer Tendenz versehen, die schon in der Datenbasis angelegt ist.“ Ohnehin scheint mir der durch das Buch sich ziehende Vergleich mit Hunden sehr sinnvoll zu sein. „KI kontrollieren“ ist auch ein wichtiges Kapitel. Es lässt sich vielleicht im Kern in folgendem Satz zusammenfassen: „Der Mensch kann der KI im Rahmen seiner Verantwortung Aufgaben übertragen, die keine verantwortlichen Entscheidungen verlangen“ (S. 157). „Leben mit KI“ ist ein längeres Kapitel, das einige Handreichungen und Tipps gibt, wie man verantwortungsvoll mit KI umgehen kann.
„KI Pakt“ enthält eine gleichnamige Zwischenüberschrift, unter der es heißt: „Der Staat darf die Gesellschaft in der KI-Ära nicht sich selbst überlassen. Wir müssen das Verhältnis des Menschen zur Maschine als Staat und Gesellschaft klären. Wenn wir die Maschinen kontrollieren wollen und nicht die Maschinen uns kontrollieren sollen, dann müssen wir das so entscheiden und einen robotischen Pakt schließen. Das ist ein KI-Pakt der Menschen über die Maschinen“ (S. 248).
„Über Leben mit KI auf den Punkt gebracht“ bedeutet für Schwartmann den im Aufbau seines Buchs angelegten Dreischritt befolgen: verstehen, kontrollieren und leben mit KI, und sein Schlusswort leitet er sehr sinnvoll ein mit: „Am Beginn des Jahres habe ich meine Apple-Uhr gegen eine Automatikuhr getauscht.“ Ich glaube, jedenfalls der Autor ist auf einem guten Weg, und er lebt dies – wie sich aus verschiedenen Schilderungen entnehmen lässt, dies auch als verantwortlicher Familienvater. Unsere Gesellschaft scheint es noch nicht zu sein.
Wer mitsprechen will und nicht als Nachsprecher fremder Interessen auffallen, sollte unbedingt Rolf Schwartmann lesen!
Rolf Schwartmann
Über Leben mit KI. Wie wir uns gegen die Maschine behaupten
Frankfurter Allgemeine Buch
288 Seiten; 26,00 Euro
ISBN: 978-3-96251-263-7
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