Der Puppendoktor vom Prenzlauer Berg

Der Berliner Diplom-Ingenieur Philipp Schünemann hat sich auf die Instandsetzung historischen Spielzeugs spezialisiert – wovon vor allem kinderreiche Familien mit kleinem Geldbeutel profitieren

Benedikt Vallendar

Ob er die Grünen wähle? Philipp Schünemann, „Onkel Philipp“, hüllt sich in Schweigen. Gleichwohl sein gleichnamiger Laden in Berlin Prenzlauer Berg wohl genau dem entspricht, was die gleichnamige Regierungspartei programmatisch verankert hat: Weg von der Wegwerfgesellschaft, hin zu mehr Nachhaltigkeit und Miteinander in einer immer digitaler werdenden Welt.

Ab fünf Euro aufwärts

Schünemanns Laden in der Choriner Straße 35, er versprüht ein wenig den Hauch einer Kinderstube aus den fünfziger und sechziger Jahren. Hölzerne Segler hängen dort von der Decke, darunter ein Sammelsurium aus Figuren, Brettspielen und aufziehbaren Puppen. „Alles gut in Schuss“, sagt Schünemann, gelernter Ingenieur und Familienvater. Schon während seiner Diplomarbeit wollte er „nicht in der Industrie arbeiten“, sagt er, sondern seinen eigenen Laden betreiben. „Ohne Zwang und Termindruck, dafür mit gut gelaunten Eltern und leuchtenden Kinderaugen“, sagt Schünemann, der seit 1997 gutes Spielzeug zu kleinen Preisen anbietet und schon auch mal mit sich handeln lasse, heißt es. Mit seiner runden Brille, der ausgebeulten Kapuzenjacke und dem freundlichen Lächeln hat der 52-Jährige durchaus etwas Onkelhaftes an sich. Und: Bei ihm gibt es fast alles, was das Kinderherz begehrt. Puppenhäuser und Kuscheltiere, Holzeisenbahnen, Kräne und Blechspielzeug türmen sich bis unter die Decke und sind teilweise schon ab fünf Euro aufwärts zu haben. Mitten im Gemenge fliegen Ernie und Bert in einem Heißluftballon quer über den Atlantik, derweil Pittiplatsch auf einem knallroten Miniklavier in die Tasten haut. Kinder seien oft mit Einfachstem zufrieden und können manchmal auch ohne Raketen fremde Galaxien erobern, sagt Schünemann. Vieles aus seinem Studium habe seinen Ursprung im Kinderzimmer gehabt, sagt Schünemann. Er meint das kreative Bauen und Herumphantasieren mit Bauklötzen, Legosteinen und Holzresten, was nicht nur einen guten Ingenieur ausmache, sondern auch die Grundlagen lege für ein gelungenes Leben mit Herausforderungen jeglicher Art.

Spielzeug aus der DDR

Onkel Philipp in seinem Laden (Foto: BV)

Was auffällt: Neuerdings kommen auch immer mehr Erwachsene, teilweise von sehr weit her, um sich bei Philipp Schünemann umzusehen. Manchmal nur, um günstig für die eigenen Kinder einzukaufen, manchmal aber auch, um sich auf Spurensuche in die eigene Kindheit zu begeben, die Vergangenheit lebendig werden zu lassen, das Glück von damals zum Erlebnis von heute zu machen. Denn neben Spielzeug finden sich bei Schünemann auch alte Kinderbücher aus DDR Beständen, die zum schmökern, erinnern und träumen einladen. Der SED-Staat bildet bei Schünemann inzwischen so etwas wie eine eigene Abteilung und wurde im Berliner Lokalradio auch schon mal als „erstes Spielzeugmuseum der früheren DDR“ angepriesen, obgleich es dort weder Vitrinen, Guide noch Eintrittsgelder gibt. Und ganz zu schweigen von einer offiziellen Betriebserlaubnis für ein Museum. „Wir merken aber, dass die DDR in den Herzen weiterlebt, und dass die politische Diktatur wohl mehr war, als Schüler aus Geschichtsbüchern lernen“, resümiert Schünemann. Und auch, dass viele Kapitel zur Kulturgeschichte der untergegangenen Diktatur bis heute nicht erzählt sind und nun ein Revival erleben, das kaum wer so für möglich gehalten hätte. „Spielzeug, also die Frage, was wir unseren Kindern zum Erleben, Ausprobieren und Herumtüfteln geben, ist immer auch ein Reflex auf die jeweilige Gesellschaft“, meint die Kunsthistorikerin Iris Fleckenstein-Seifert von der FU Berlin. Trauriger Höhepunkt und wohl schwärzestes Kapitel deutscher Spielzeuggeschichte waren Spiele und Kinderbücher in der NS-Zeit, in denen jüdische Mitbürger diffamiert und ausgegrenzt wurden. „Auch die DDR nutzte ihr Monopol bei der Spielzeugherstellung, etwa indem sie Monopoly nicht in die Läden brachte, und das beliebte Gesellschaftsspiel bis 1989 nur privat oder unter der Hand zu haben war“, sagt Fleckenstein-Seifert.

Wie wichtig spielen, ja Spielzeug generell für Kinder ist, belegen auch Funde aus antiker Zeit im niederrheinischen Xanten, wo es für Besucher eine eigene Abteilung mit nachgebildetem Spielzeug aus der Römerzeit gibt. Auch nach dem Krieg, als Deutschland am Boden lag, waren Kinder nicht vom Spielen abzuhalten. „1945 haben wir mit Kirschkernen Murmeln gespielt“, erinnert sich ein pensionierter Lehrer, der regelmäßig bei Philipp Schünemann einkauft. Kindern sei es schließlich „völlig egal“, ob Spielzeug neu oder gebraucht sei, glaubt er, sagt es und erzählt von Erlebnissen in Afrika, wo sich Kinder aus Holz und Blech ihr eigenes Spielzeug, mitunter gar einen Roller oder eine komplette Polizeiausrüstung gebastelt hätten. „Während wir nur von Nachhaltigkeit reden, sind uns andere Völker schon meilenweit voraus, indem sie uns zeigen, was man aus Gebrauchtem alles machen kann, sagt Schünemann. Fast täglich rufen Leute an, nachdem sie den Speicher aufgeräumt und im Internet von Schünemanns skurriler Villa Kunterbunt in Berlins wohl bekanntestem Szenebezirk gelesen hatten. „Onkel Phlipp“ ist in der Hauptstadt so etwas wie ein Markenzeichen geworden, auch wenn er bislang kein Patent darauf angemeldet hat.

Aversion gegen PC-Spiele

Schünemann, der als Geschäftsmann auch auf Zahlen achten muss, nimmt an Gebrauchtem indes nur das an, was sich noch reparieren und weiterverkaufen lässt, sagt er. Die Reparatur sei das zweite Bein seines Geschäftsmodells, sagt er. „Da kommt es manchmal zu interessanten Gesprächen“, sagt Schünemann, den manche auch den „Puppendoktor“ vom Prenzlauer Berg nennen. „Also wenn Leute ihre eingemotteten Kindheitsträume vorbeibringen und ich Totgeglaubtem neues Leben einhauchen soll, wie Jesus dem Lazarus in der Steinhöhle, sagt er ein wenig schmunzelnd. Und auch, dass er bei aller Affinität zu Kinderträumen eine fast schon pathologische Aversion gegen Computer- und Videospiele hege. – Warum? – „Weil sich diese Spiele in vorgefertigten Welten bewegen und Kinder davon abhalten, in eigene, bunte Phantasielandschaften einzutauchen“, meint Schünemann. Ihmzufolge resultierten auch viele Probleme an Schulen, ja selbst die hohen Abbruchquoten an Universitäten aus der digitalen Verblödung ganzer Generationen, „ohne dass die jungen Menschen etwas dafür könnten“, betont er. Es liege an Eltern, ihre Kinder so lange wie irgend möglich von PC-Spielen fernzuhalten und sie stattdessen für die Schönheit analogen Spielzeugs, auch Brett- und Gesellschaftsspielen für die ganze Familie zu sensibilisieren.

Veröffentlicht von on Mrz 28th, 2022 und gespeichert unter DRUM HERUM, SONSTIGES. Sie können die Kommentare zu diesem Beitrag via RSS verfolgen RSS 2.0. Gehen Sie bis zum Ende des Beitrges und hinterlassen Sie einen Kommentar. Pings sind zur Zeit nicht erlaubt.

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