Beirat als Beruf?

Rudolf Ruter hat hierzu den perfekten Ratgeber

Matthias Wiemers

Wer etwa in Berlin lebt und die Misere um den Berlin-Brandenburger Flughafen mitverfolgt hat, dürfte auch Zweifel daran entwickeln können, ob die seitens der beteiligten Landesregierungen gestellten Aufsichtsräte immer die notwendigen Kompetenzen mitbrachten, um die bauenden Gesellschaften angemessen zu kontrollieren (Bei näherem Hinsehen dürfte im konkreten Fall gerade ein Problem darin bestanden haben, dass politische Interessenträger nicht nur demokratische Kontrolle, sondern auch demokratisch legitimierte Wünsche an das Projekt herantrugen).
Wenn man ganz allgemein an deutsche Großunternehmen denkt, dann ist in der öffentlichen Berichterstattung gelegentlich von früheren Vorstandsmitgliedern die Rede, die anschließend eine zweitere Karriere im Aufsichtsrat der Gesellschaft machen. Und dann gibt es seit etwa 20 Jahren die Debatte um die Frage, ob Aufsichtsrat oder Beirat eigentlich auch ein Beruf sein kann. Multi-Aufsichtsrat ohne operativen Bezug zu einem Unternehmen. Dies ist eine Debatte, die in der alten Bundesrepublik, unter den Vorzeichen des „Rheinischen Kapitalismus“, kaum ein Thema sein konnte. Denn damals hatten insbesondere die Großbanken bewusst ein Geflecht von Aufsichtsratsmandaten gebildet, um „die“ nationale Wirtschaft im Griff zu halten. Erst seitdem das Geflecht des Rheinischen Kapitalismus aufgerissen ist, kam offenbar die Idee auf, „Berufs-Berater“ in einem neuen Sinn zu schaffen. Gleichzeitig lässt sich beobachten, dass der Bedarf namentlich im Mittelstand besteht, also jenseits der großen Aktiengesellschaften und dort, wo es eine rein freiwillige Angelegenheit ist, Unternehmensführungen mit Beratern zu umgeben, die helfen sollen, das Unternehmen durch das schwierige Fahrwasser der Globalisierung zu steuern und – vielleicht die allerwichtigste Frage – dabei helfen, die Nachfolgefrage im Unternehmen zu klären, da Kinder oftmals nicht zur Verfügung stehen.
Der Rezensent stand vor Jahren auch einmal vor der Frage, ob er Beirat eines Unternehmens werden sollte und fragte sich nun erneut, ob er – inzwischen „in mittleren Jahren“ – dieses Thema wohl aktiv für sich aktiv verfolgen sollte. Und hier trat nun das Buch von Rudolf Ruter in sein Blickfeld, eines nun auch schon etwas älteren Multi-Beirats.
In dem kürzlich in dritter Auflage veröffentlichten handlichen Band wird im ersten Kapitel dargelegt, welche Fragen man sich stellen muss, wenn man überlegt, eventuell Beirat oder Aufsichtsrat zu werden. Das Kapitel A („Grundsätzliches und Fragestellung“) schließt mit „Empfehlungen für den Anfang“. Kapitel B wird schon etwas konkreter, wenn es über den Beirats- oder Aufsichtsratskandidaten berichtet. Hier werden auch die beiden Alternativen – Berufung oder Beruf – diskutiert (S. 58 f.). Das Kapitel C über „Interne Aufmerksamkeitsbereiche“ erschließt sich nicht sogleich in seiner Bedeutung. Gemeint ist, an welche Stellen eines Unternehmens man sich praktisch wenden muss, wenn man Beirat oder Aufsichtsrat werden will, und zwar nicht indem man jemanden darauf anspricht, sondern dass man die Herrschaften eben auf sich aufmerksam macht. Auf eine Möglichkeit wird gleich zu Beginn hingewiesen, dass man nämlich zunächst einmal Vorstand oder Geschäftsführer wird. Kapitel D betrachtet „Externe Aufmerksamkeitsbereiche“ und beginnt mit „Networking, Networking, Networking“ und zeigt dann im Wesentlichen, wie man den Weg über die einschlägigen Interessenvertretungen zu entsprechenden Positionen finden kann – immer über den notwendigen Weg der Aufmerksamkeitsweckung. Das Schlusskapitel E beschreibt im Grunde, was passiert, wenn man denn „gefunden“ wird. Hier wird klar, dass die Luft für Top-Positionen sehr dünn wird, dass man aber angesprochen werden muss.

Der Rezensent hat die Frage, ob er Beirat oder Aufsichtsrat werden sollte, übrigens für sich einstweilen negativ beantwortet. Aber man soll nie nie sagen – wenn sich ein entsprechendes Angebot ergibt. Denn das hat Ruter erfolgreich zu vermitteln gewusst: Man wird berufen und kann sich allenfalls strategisch selbst allmählich ins Spiel bringen. Aber nichts erzwingen. Der Autor, der sein Buch durchgehend mit netten Aphorismen gewürzt hat, legt Demut nahe. Demut bei gleichzeitiger Netzwerkkompetenz. Fazit: Ein einmaliges Hilfsmittel.

Rudolf Ruter
Wie sie Beirat oder Aufsichtsrat werden
Erich Schmidt Verlag, 3. Auflage 2025
217 Seiten; 34,95 Euro
ISBN 978-3-503-24230-6

Veröffentlicht von on Feb. 16th, 2026 und gespeichert unter BESPRECHUNGEN, LITERATUR. Sie können die Kommentare zu diesem Beitrag via RSS verfolgen RSS 2.0. Gehen Sie bis zum Ende des Beitrges und hinterlassen Sie einen Kommentar. Pings sind zur Zeit nicht erlaubt.

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