Sozialgestaltung professionell

Christian Schröder legt ein neues „Praxishandbuch Soziale Arbeit“ vor

Matthias Wiemers

Wir Juristen gelten bekanntlich als eher konservativ. Wir fragen schon einmal, woraus sich denn ein Recht, ein Anspruch oder ein gesetzgeberisches Ziel genau ergebe. Ja, die Rechtswissenschaft ist nicht nur Herrschaftswissenschaft sondern allgemeiner noch Entscheidungswissenschaft. Und das heißt, mit Meinen, Fühlen und Wollen kommt man nicht weit (Natürlich schließt dies nicht aus, dass sich auch das Recht weiterentwickelt, aber gerade im Sozialrecht schließt es § 31 SGB I aus, dass etwas gewährt wird, das keine ausdrückliche Grundlage im Gesetz findet.)
Ganz anders die Soziale Arbeit. Sie ist darauf angelegt, gesellschaftliche Verhältnisse zu gestalten, selbstverständlich mit dem Ziel, über die Menschen zu wirken, die entweder freiwillig die Angebote des Sozialstaats annehmen oder gar durch gerichtliche Entscheidungen hierzu verpflichtet werden.
Das hier vorzustellende Werk ist nicht unbedingt übermäßig umfangreich – auch wenn der Obertitel hierauf hindeutet. Der Untertitel lautet „Methoden und Handlungskonzepte in Zeiten gesellschaftlicher Krisen“.
Der Autor, der eine Professur für Methoden der Sozialen Arbeit an der Fachhochschule des Saarlandes (Klarname: „Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes“, aber ohne Soziale Arbeit kommt auch diese Hochschule nicht aus) erklärt zu Beginn den Grund für dieses Buch und nimmt hierzu im wesentlichen Bezug auf die Definition von Soziale Arbeit der International Federation of Social Workers, wonach Soziale Arbeit als praxisorientierte Profession und wissenschaftliche Disziplin gesellschaftliche Veränderungen, soziale Entwicklungen und den sozialen Zusammenhalt, wie auch die Stärkung der Autonomie und Selbstbestimmung von Menschen fördere (S. 17). Auf der Grundlage von Demokratie und Menschenrechten engagierten sich Sozialarbeiter*innen für eine gerechtere Welt. Schröder verdeutlicht, dass die Rolle der Sozialen Arbeit politisch veränderbar ist, „insbesondere dann, wenn eine klare ethische Orientierung fehlt“.
Er betont aber auch, dass nur durch eine realistische Einschätzung der Handlungsspielräume eine eigenständige fachliche Haltung entwickelt werden könne (S. 19).
Wahr ist auch die Feststellung, dass auch für Bildungsaufsteiger*innen sich durch das Studium neue Perspektiven eröffneten, „da eigene Erfahrungen mit sozialer Ungleichheit die Entwicklung einer besonderen Sensibilität für Fragen sozialer Gerechtigkeit fördern können“ (S. 20).
Ein „Lernen in der Krise“ sieht Schröder als „Einladung zur Auseinandersetzung“, und er verweist zu Recht auf die Besonderheit der Profession von Sozialarbeitern hin, indem er für Ärzte, Juristen, Psychologen deren letztlich begrenzten Auftrag beschreibt und dann feststellt, dass sich Sozialarbeiter auf die alltägliche Lebensführung von Menschen konzentrieren und dort agieren, „wo Lebensprobleme nicht eindeutig einem gesellschaftlichen System zuzuordnen sind“ (S. 21 f.)
Dies trifft zu – was sich etwa in einem eigenständigen Auftrag sozialpädagogischer Begutachtung und Berichterstattung vor Gerichten belegen lässt, die eben nicht an konkrete Beweisthemen gebunden sind wie gerichtliche Sachverständige.
In einer erst dann folgenden Einführung wird Soziale Arbeit zwischen Zugehörigkeit und Ausschluss beschrieben und wird als hier zu behandelnde Krise die „Krise der Zugehörigkeit“ identifiziert (S. 29 ff.).
Gleich weiter geht es mit dem Thema „Verletzungen der Menschenwürde“, wo es wieder um Teilhabe und Ausschluss geht (S. 35 ff.). Hierin finden sich mitunter merkwürdige Vorstellungen von Repräsentanz sozialer Gruppen – gleichwohl: die Gefahr des Nicht-Mitdenkens der Belange von Gruppen unserer Gesellschaft soll nicht verleugnet werden.
Wie Kenner der Sozialen Arbeit wissen, unterliegen Fachkräfte einem Tripelmandat: Sie haben den gesetzlichen Auftrag, der durch Vorgesetzte konkretisiert wird, zu verfolgen, gleichzeitig die Interessen ihrer Klienten und schließlich ihrem eigenen professionellen Gewissen, ihrer Berufsauffassung, wie sie international im „Code of Ethics“ niedergelegt ist. Schröder will nun in diesem Kapitel „Vom Code of Ethics zur Praxis: Verantwortung für soziale Gerechtigkeit“ vor allem die eigene Rolle in der professionellen reflektieren lehren (S. 71 ff.).
„Professionelles Handeln in Organisationen“ (S. 93 ff.) soll zeigen, wie Organisationen arbeiten und wie Mitglieder eines Teams bei der Bewältigung von Aufgaben interagieren, und wie Organisationen lernend gestaltet werden, erfährt man im nächsten Kapitel (S. 115 ff.). Damit endet Teil I über die „Krise der Zugehörigkeit“.
Es geht weiter mit Teil II über die „Krise der sozialen Gerechtigkeit“, was mit einer Einführung über „Soziale Arbeit zwischen Gerechtigkeit und sozialen Ungleichheiten“ – mit Ausführungen zum aktuellen Phänomen des Rechtspopulismus (S. 139 ff.)
Nutzer des Praxishandbuchs sollen „Soziale Ungleichheiten verstehen“ (S. 147 ff.). „Die Krise der Repräsentation“ (S. 183), die für Schröder offenbar mit der Geschlechterungleichheit beginnt (S.189 ff.), sieht der Rezensent so nicht, aber lesen Sie doch selber nach!
„Von der Hilfe zum Wandel“ (S. 201 ff.) handelt von der sozialen Transformation, und der Autor versucht sodann noch ein „Social Design Thinking“ für die soziale Arbeit fruchtbar zu machen (S. 209 ff.)
Teil III über die „Krise der ökologischen Lebensgrundlagen“ (S. 273 ff.) soll nicht näher betrachtet werden, obwohl mir gerade hierin sehr wichtige Ansätze zu liegen scheinen, wie Soziale Arbeit mit ihren Adressaten (Schröder bevorzugt diesen Begriff) sinnvolle Tätigkeiten entfalten kann, um insgesamt das ökologische Bewusstsein in der Bevölkerung zu heben. Wir sind nämlich in Deutschland keine Öko-Weltmeister, und das ökologische Bewusstsein scheint trotz Fridays for Future o. ä. eher zurückzugehen (Dass dies mit einer zunehmenden Heterogenität der Bevölkerung zu tun haben dürfte, würde der Autor sicher nicht schreiben, aber deswegen schreibt es der Rezensent).
Wenn wir in diesem Kontext nur an die Corona-Pandemie denken und daran, welche Bevölkerungskrise in besonderem Maße unter dieser Situation zu leiden hatten, dann ist dies natürlich in hohem Maße auf mangelnde Sprachkenntnisse und Bildung zurückzuführen. Hier wären viele Ansätze, um unsere Gesellschaft insgesamt resilienter gegen Krisen zu machen.
Denn durch den Charakter des Praxishandbuchs, so muss man sagen, werden den Nutzern Instrumente an die Hand gegeben, wie die für notwendig erachteten Inhalte in die Kreise der „Adressaten“ vermittelt werden können – auch wenn wir dies hier nicht im Einzelnen schildern können.
Kritisch sei angemerkt, dass durchgehend die „Neoliberalisierung“ als fehlgehende Tendenz auch in der Sozialpolitik kritisiert wird, ohne konkret darauf einzugehen, was man unter Neoliberalismus eigentlich versteht. Auch diesem Autor dürfte die Geschichte des Neoliberalismus nicht völlig unbekannt sein. Aber das Bashing der Neoliberalen stellt eben seit je eine gewisse Legitimationsressource für das eigene Tun dar. Damit muss der Neoliberalismus auf der anderen Seite leben. Die hier eingangs angemahnte realistische Sichtweise muss denn doch gegenwärtig immer öfter dazu führen, dass sich Vorstellungen der Sozialgestaltung als nicht realisierbar erweisen – nicht zuletzt, weil sie Sozialarbeiterinnen und Sozialpädagogen überfordern müssen. Will man also den Neoliberalen nicht folgen, sollten es die Realitäten sein, die auch künftig das praktische Handeln in der Sozialen Arbeit mitgestalten. Um allerdings effektiv handeln zu können, braucht es eine gute Ausbildung der Fachpersonen. Und hierzu vermag das neue Praxishandbuch gewiss beizutragen.

Christian Schröder
Praxishandbuch Soziale Arbeit
utb Verlag, 1. Auflage 2026
444 Seiten; 45,00 Euro
ISBN: 978-3-8252-6637-0

Veröffentlicht von on Juni 8th, 2026 und gespeichert unter BESPRECHUNGEN, LITERATUR. Sie können die Kommentare zu diesem Beitrag via RSS verfolgen RSS 2.0. Gehen Sie bis zum Ende des Beitrges und hinterlassen Sie einen Kommentar. Pings sind zur Zeit nicht erlaubt.

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