Florence Gaub entwirft in „Szenario“ interaktive Zukunftsperspektiven
Sebastian Stegert
Als Forschungsdirektorin des NATO-Verteidigungskollegs in Rom zählt die Politologin Florence Gaub zu den immer wieder gern gesehenen Sicherheitsexpertinnen im Zirkus der Politik-Talkshows des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Häufig bereichert sie – so wie etwa auch ihre Kolleginnen Claudia Major oder Nicole Deitelhoff – mit ihren Sichtweisen die ansonsten noch immer tendenziell männerdominierten Diskussionsrunden. Als Florence Gaub ihr neues Werk „Szenario“ u.a. im Podcast „Apokalypse und Filterkaffee“ vorstellte, wollte ich wissen, ob ihr tatsächlich ein – in den Worten von Markus Lanz – „sehr, sehr lesenswertes Buch“ gelungen ist.
Das bereits vor einigen Monaten erschienene Buch „Szenario“ ist im Lichte der aktuellen politischen Entwicklungen – besonders der Grönlandkrise und dem Kampf um die Macht in der Arktis – gerade so aktuell wie nie. Die Autorin warnt vor einem lähmenden Pessimismus, ruft stattdessen dazu auf, an die Selbstwirksamkeit zu glauben, und zeigt Chancen auf, die Welt positiv zu verändern.
Der Umfang des Buchs wirkt zunächst ein wenig erdrückend, doch der erste Eindruck wird durch das Multiple-Voice-Prinzip abgemildert, das dafür sorgt, dass die einzelnen Szenarien relativ kurz bleiben.
Jedes Szenario umfasst ungefähr 40 bis 50 Seiten und bleibt daher oft nur an der Oberfläche. Die Abschnitte sind im Dreiklang aufgebaut: Zunächst wird das Umfeld mit Ort, Landschaft und Institution dargestellt, dann das eigene Wirken und die Rolle der handelnden Akteure beschrieben und abschließend die möglichen Handlungsoptionen sowie die damit verbundenen Risiken. Für Leser mit tieferem Interesse an geopolitischen Zusammenhängen kratzen diese Abschnitte manchmal nur arg an der Oberfläche oder erschlagen mit Tagesordnungspunkten von Sitzungen, an denen die Protagonistin teilnimmt.
Was das Buch überzeugend vermittelt, ist, dass politische Entscheidungen selten monokausal getroffen werden. Vielmehr spielen ein großes Netzwerk, grenzüberschreitende Kommunikation und institutionelle Wechselwirkungen eine zentrale Rolle dabei, den Lauf der Welt zu beeinflussen. Es zeigt, auf welchen Grundlagen Entscheidungen entstehen, welche Institutionen daran beteiligt sind und wie komplex diese Prozesse sind. Florence Gaub nimmt ihre Leser an die Hand und gewährt einen aufschlussreichen Einblick in den Maschinenraum der sicherheitspolitischen Institutionen.
Alles in allem ist „Szenario“ ein Werk, für das sich dennoch nur eine eingeschränkte Leseempfehlung aussprechen lässt – vor allem aufgrund seiner Struktur, die sich von vornherein die Möglichkeit einer tiefergehenden Auseinandersetzung mit der Thematik versagt.
Florence Gaub
Szenario. Die Zukunft steht auf dem Spiel
dtv, 5. Auflage 2025
512 Seiten; 25,00 Euro
ISBN: 978-3-423-28527-8