Kaum große Meister, viel Politik
Recht cineastisch Spezial zur Berlinale 2026, Teil 1
Juyeon Han
Menschen sehnen sich danach, in ferne Länder zu reisen, und brechen als Touristinnen und Touristen dorthin auf. Doch meist können sie nur die Oberfläche und die äußere Schönheit eines Ortes wahrnehmen. Gibt es einen besseren Ort, um in kurzer Zeit mit unterschiedlichsten Ländern, Milieus, Kulturen und Denkweisen in Berührung zu kommen, als die Berlinale? Zugleich fungiert sie wie ein Seismograf für die nervöse Weltlage. Vom 12. bis 22. Februar erlebte Berlin die 76. Ausgabe seiner Internationalen Filmfestspiele.
Doch wann hat man die Berlinale zuletzt so eisig erlebt? Während der gesamten Festivalzeit herrschten klirrende Kälte, zugefrorene Straßen und wirbelnde Schneeflocken. Parallel dazu tagte die Münchner Sicherheitskonferenz, und auch die Olympischen Winterspiele Mailand-Cortina zogen internationale Aufmerksamkeit auf sich. In beißender Kälte hasteten Journalistinnen und Journalisten sowie Filmschaffende vor dem Berlinale Palast hin und her. Es war die zweite Ausgabe unter der umstritten ins Amt gekommenen Intendantin Tricia Tuttle, entsprechend hoch waren die Erwartungen. Den Vorsitz der Jury übernahm der deutsche Altmeister Wim Wenders.
Ihrem Ruf als politisches Festival wurde die Berlinale auch in diesem Jahr gerecht. Zahlreiche Filme setzten sich mit aktuellen politischen Fragen auseinander. Zur Mitte des Festivals veröffentlichten rund 80 prominente Filmschaffende – darunter Tilda Swinton und Javier Bardem – in der Branchenzeitschrift Variety einen offenen Brief an die Festivalleitung. Darin forderten sie eine klare Stellungnahme zu Israels Vorgehen im Gazastreifen und zu den dortigen zivilen Opfern. So wurde Berlin auch in diesem Jahr erneut zum Schauplatz intensiver politischer Debatten.
Auffällig war, dass im Wettbewerb vergleichsweise wenige sogenannte „große Meister“ vertreten waren. Hollywood-Produktionen, die früher womöglich im Wettbewerb gelaufen wären, fanden sich nun überwiegend in den Sondersektionen wieder. Zum Auftakt beschworen führende deutsche Medien gar eine „Krise“ der Berlinale und beklagten das Fehlen von Stars und Glamour. Als bedeutendster Marktplatz der Filmindustrie und Sehnsuchtsort vieler Arthouse-Regisseurinnen und -Regisseure gelten inzwischen eher die Internationale Filmfestspiele von Cannes.
Doch man kann die Perspektive auch wenden: Die Berlinale hat ihr Profil als Plattform für noch unentdeckte neue Namen geschärft. Von insgesamt 276 Filmen waren 14 Debüts, 200 feierten ihre Weltpremiere. Zudem war es in vielerlei Hinsicht ein starkes Jahr für den deutschen Film. Fünf der 22 Wettbewerbsbeiträge stammten aus Deutschland: „Gelbe Briefe“, „Etwas ganz Besonderes“, „Meine Frau weint“, „Rose“ und „The Loneliest Man in Town“. Schließlich gewann nach zwanzig Jahren wieder ein deutscher Film, „Gelbe Briefe“, den Goldenen Bären. Auch die vielfach ausgezeichnete deutsche Schauspielerin Sandra Hüller wurde als Beste Hauptdarstellerin geehrt. Die Berlinale zeigte damit überzeugend, dass sie als Heimspielstätte dem deutschen Film eine selbstbewusste Plattform bietet.