Künstler, Familie und Älterwerden
Recht cineastisch Spezial zur Berlinale 2026, Teil 2
Juyeon Han

Sandra Hüller in „Rose“
Im Wettbewerb dieses Jahres dominierten Filme über Familie, Alter und über die fragile Existenz von Künstlern. Viele Beiträge kreisten um eine einfache, aber grundlegende Erfahrung menschlichen Lebens: In Zeiten der Krise sind es meist die Menschen, die uns am nächsten stehen, die zu den wichtigsten werden.
Wie so oft bei großen Festivals überwogen auch diesmal solide, mitunter konventionelle Arbeiten. Doch dazwischen tauchten immer wieder Filme auf, die durch ihre formale Eigenständigkeit oder durch eine ungewöhnliche Perspektive hervorstachen. Besonders auffällig war die Beschäftigung mit Künstlerbiografien und mit der Frage nach der Verletzlichkeit kreativer Existenz – etwa in „Everybody Digs Bill Evans“, „The Loneliest Men in Town“, „Gelbe Briefe“ oder „At the Sea“.
Mit „Gelbe Briefe“ gelang dem Regisseur İlker Çatak ein Film von präziser Inszenierung und großer darstellerischer Intensität. Çatak, ein deutscher Filmemacher türkischer Herkunft der zweiten Generation, formuliert dabei eine ebenso einfache wie beunruhigende These: Was der Film erzählt, kann überall geschehen, sobald demokratische Strukturen ins Wanken geraten. Die Handlung spielt zwar in der Türkei, doch gedreht wurde bewusst in Berlin und Hamburg. Dass Orte wie Ankara oder Istanbul sichtbar durch deutsche Städte ersetzt werden, wirkt zunächst irritierend – und entfaltet gerade dadurch eine politische Pointe. Die Fremdheit der Bilder liest sich wie eine Warnung. Im Zentrum steht ein Ehepaar: ein angesehener Professor und eine Schauspielerin, beide kritisch gegenüber der zunehmend autoritären Regierung. Als sie ihre Arbeitsplätze verlieren, wird politische Haltung plötzlich zur existenziellen Frage. Einkommen und Sicherheit brechen weg; übrig bleibt die nüchterne Realität des täglichen Überlebens. „Gelbe Briefe“ erzählt von den moralischen Konflikten, die entstehen, wenn politische Überzeugung und die Notwendigkeit, den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten, unversöhnlich aufeinandertreffen. Dass der Film mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde, ist auch als politisches Signal zu verstehen. Die 76. Berlinale entschied sich für ein Werk, das eine unbequeme Frage stellt: Wie verändert sich unser Leben, wenn demokratische Gewissheiten zerbrechen?
Eine ganz andere, stillere Form der Künstlererzählung findet sich in „Everybody Digs Bill Evans“, für den Grant Gee den Preis für die beste Regie erhielt. Der Film widmet sich der wohl schwierigsten Phase im Leben des legendären Jazzpianisten Bill Evans. Schon der Auftakt – eine Konzertaufnahme, getragen vom Originalsound Evans’ – zieht das Publikum unmittelbar in seine musikalische Welt hinein. Gedreht in Schwarz-Weiß, erinnert der Film bewusst an die Bildsprache der 1960er Jahre. 1961 verlor Evans nach einem Konzert zwei enge musikalische Weggefährten bei einem Autounfall. Der Film richtet den Blick auf die Zeit danach: eine Phase der Lähmung, der Stille, des Rückzugs. Wie findet ein Künstler aus der Trauer zurück in die Welt? Die Antwort des Films liegt nicht im Dramatischen, sondern im Alltäglichen. Evans’ Familie ist einfach da. Gemeinsame Mahlzeiten, Spaziergänge, Gespräche – unspektakuläre Momente, die langsam ihre Wirkung entfalten. Aus Nähe entsteht Trost, aus Routine allmählich wieder Bewegung. Sobald Evans zur Musik zurückkehrt, beschleunigt der Film seinen Rhythmus. Szenen aus den 1970er- und 1980er-Jahren erscheinen wie Erinnerungsfragmente. Mode, Bildästhetik und Atmosphäre folgen präzise dem Stil der jeweiligen Zeit. Es ist, als würde der Film selbst durch Evans’ Gedächtnis wandern. Am Ende steht eine leise Rückschau: Die Momente auf der Bühne, gemeinsam mit dem Publikum, erscheinen als eine Art zeitlose Gegenwart – ein Raum jenseits von Schmerz und Verlust.
Auch „The Loneliest Men in Town“ zählt zu den ungewöhnlichsten Filmen des Festivals. Der Film bewegt sich zwischen Dokumentarfilm und Fiktion und findet gerade in dieser Schwebe seine eigene Form. Im Mittelpunkt steht Al Cook, einst Blues-Sänger, heute über achtzig Jahre alt. Er lebt in einer alten Wiener Wohnung, umgeben von den Relikten seines Lebens: Schallplatten, Verstärker, Gitarren, Möbel aus den 1960er Jahren, Fotografien längst verstorbener Weggefährten. Doch das Gebäude soll abgerissen werden. Cook bleibt als letzter Mieter zurück und beruft sich auf seine Rechte. Am Heiligabend schmückt er den Weihnachtsbaum, zündet Kerzen an und legt eine Schallplatte auf – ein kleines Ritual gegen die Einsamkeit. Dann fällt plötzlich der Strom aus. Das Bauunternehmen versucht mit Geld und Druck, ihn zum Auszug zu bewegen. Schließlich trifft Cook eine Entscheidung: In einem Reisebüro kauft er ein One-Way-Ticket in die Vereinigten Staaten – dorthin, wo der Blues einst entstand. Während er nach und nach seine Möbel und persönlichen Gegenstände verkauft, wird der Film zugleich zu einer stillen Rückschau auf ein Leben. „The Loneliest Men in Town“ erzählt von einem Mann am Rand der Gegenwart – und von einer Welt, die verschwindet. Von Wohnungen, die Investorenprojekten weichen müssen, und von Erinnerungen, die sich nicht mehr in die Gegenwart übersetzen lassen. Dass der Film ohne Preis blieb, ändert wenig daran, dass er zu den eindrucksvollsten Arbeiten dieses Festivals zählt.