Geheime Aufzeichnungen eines Volljuristen
Liebes Tagebuch,
am Drehtag für die englische Streamingserie, die derzeit in Berlin gedreht wird und in der ich als Komparse mitzuwirken die Ehre habe, sah ich unter den Komparsenkollegen einen jungen Mann in einem Buch mit dem Titel „Definitionen im Strafrecht“ lesen. „Ah“, sagte ich zu ihm, „ein Jurist“. Und als er daraufhin aufsah, schob ich nach: „… oder besser gesagt: ein angehender Jurist“. Ja, sagte er, er studiere Jura im 6. Semester. Und dann erkundigte er sich nach meinem Tätigkeitsfeld. Eine juristische Online-Zeitschrift? Das sei aber sehr cool, meinte er. Das wäre doch was für ein Praktikum. „Hm, ich weiß nicht“, wiegelte ich ab. Vor ungefähr zwanzig Jahren hatte ich mal eine studentische Praktikantin in meiner Wohnzimmerkanzlei. Das war eine Praktikanten-Kollegin aus unserem Verlag, die mich darum gebeten und sich dann selbst die Arbeitsnachweise und die Beurteilung geschrieben hatte. Ich musste nur noch unterschreiben. Solche „Tauchstationen“ sind ja unter Jura-Studenten recht verbreitet. Auch für die Jura studierende Freundin meiner russischen Nachhilfeschülerin habe ich mich vor ca. 15 Jahren mal dazu breitschlagen lassen. Das dürfte aber wohl mittlerweile alles verjährt sein, und außerdem habe ich ja auch meine Anwaltszulassung schon vor ein paar Jahren zurückgegeben, weil es sich nicht mehr gelohnt hat…
Der junge Mann also hatte ausweislich des Lesezeichens in seinem Buch schon mehr als die Hälfte von „Definitionen im Strafrecht“ gelesen. Ich fragte ihn dann spaßeshalber mal: „Was ist Diebstahl?“ Das erschien mir als besonders einfach, aber er wusste es nicht. Auch als ich begann mit „Diebstahl ist die Wegnahme einer fremden, beweglichen Sache…“ und ihn dann fragte: „Na, wie geht es weiter?!“, wusste er es nicht. „… in der Absicht, sie sich zuzueignen“, brachte ich die Definition zu Ende. Ich war sehr erstaunt, dass er das nicht wusste, denn diese und viele andere Definitionen konnten wir damals bestimmt schon im 3. oder 4. Semester vollständig und fehlerfrei runterrattern. „Was ist Wegnahme?“, setzte ich nach. „Wegnahme ist der Bruch fremden Gewahrsams und… Wie geht es weiter?!“ Er schien noch nie davon gehört zu haben. „Was ist Gewahrsam?“, fragte ich ihn daraufhin, und musste ungläubig feststellen, dass er das auch nicht wusste. „Die von einem Herrschaftswillen getragene tatsächliche Sachherrschaft. Nie gehört?“ „Also“, meinte er dann entschuldigend, „solche Definitionen sind ja schon ziemlich komplex.“ Ich erkundigte mich sodann nach seinem Berufsziel. „Richter wäre cool“, meinte er. „Da brauchst du aber ’ne richtig gute Abschlussnote“, gab ich zu bedenken. „Och“, entgegnete er, „die Anforderungen dafür haben sie ja jetzt schon mehrfach runtergesetzt.“ Das sei ja jetzt längst nicht mehr so streng wie früher, und er habe die Hoffnung, dass es für ihn mit seiner Examensnote dann irgendwie dafür reichen würde. „Das wird schon“, meinte er noch.
Nun könnte man natürlich das altbekannte Klagelied über die faule und dumme junge Generation anstimmen, doch andererseits wird sowieso schon in Kürze die KI die Gerichtsurteile schreiben, und die Richter werden diese nur noch stichprobenartig überprüfen und unterschreiben. Wozu muss man dann noch juristische Definitionen runterrattern können? Haben wir uns damals, so gesehen, nicht sogar zum Affen gemacht, indem wir das alles so stupide eingepaukt haben? Die KI wird, habe ich heute irgendwo gelésen, schon bald sämtliche geistige Arbeit wesentlich schneller und besser ausführen können als irgendein Mensch. (Allerdings nur, sofern sie endlich damit aufhört, ständig zu halluzinieren, muss man hinzufügen.) Nur noch die Jobs, die auf Handarbeit beruhten, würden sicher erhalten bleiben – zumindest so lange, bis dann irgendwann die Roboter so weit seien, dass sie auch diese Tätigkeiten übernehmen könnten, aber das dürfte noch etwas dauern. Juristische Definitionen aufsagen können, das würde dann wohl zu einer Art Gehirn-Sport werden. So wie vor mehreren Generationen, nach dem Wegfall der meisten körperlich schweren Arbeiten, der Kraft- und Fitness-Sport zum Distinktionsmerkmal geworden ist. Immerhin wird es wohl auch noch in ferner Zukunft eine gute Idee sein, seine grauen Zellen durch gezieltes Auswendiglernen – wovon auch immer – zu trainieren. Und sei es nur, um damit der völligen eigenen Verblödung vorzubeugen und womöglich auch die künftigen humanoiden Roboter zu beeindrucken.
Dein Johannes