Geheime Aufzeichnungen eines Volljuristen
Liebes Tagebuch,
vor, während und nach der Deutschen Wiedervereinigung 1990 haben sich die Westdeutschen oftmals über das naive, unrealistische, in jedem Falle falsche Menschenbild mokiert, das dem real existierenden Sozialismus in der DDR zugrunde gelegen habe. So etwas könne ja nicht funktionieren, denn die Menschen seien nun einmal nicht so, dass sie die Belange der Allgemeinheit über ihre eigenen persönlichen Interessen stellten. Die soziale Markwirtschaft hingegen, bei der laut Adam Smith und Ludwig Erhard erst aus der Summe der privaten Egoismen gleichsam mit unsichtbarer Hand das Gemeinwohl resultiere, sei gewissermaßen der Weisheit letzter Schluss, und das müssten die Ostdeutschen eben erst einmal lernen.
Dreieinhalb Jahrzehnte später lässt sich nun leider besichtigen, welche tiefen Spuren in der kollektiven Psyche der Ostdeutschen das in mancher Hinsicht anmaßende Auftreten vieler Westdeutscher in den damals noch neuen Bundesländern hinterlassen hat. Mitunter schon in dritter Generation wird seitdem in ostdeutschen Familien eine ressentimentgeladene anti-westdeutsche Haltung tradiert, die einfach nicht aus den Köpfen zu kriegen ist und sich sogar, wenn nicht alles täuscht, noch zusehends weiter verschlimmert. Gewählt wird im Osten das, womit man die Westdeutschen am meisten ärgern kann: Früher sporadisch PDS und Linkspartei, nun in noch deutlich stärkerem Ausmaß AfD (die doch eigentlich eine lupenreine West-Partei ist!) und Sahra Wagenknecht. Inzwischen segeln diese populistischen Kräfte ja längst mit dem globalen anti-demokratischen Zeitgeist. Aber das, was jüngst J.D. Vance und Marco Rubio den europäischen Demokratien ins Stammbuch geschrieben haben, muss insbesondere den Westdeutschen in den Ohren klingen: Europa habe einfach ein falsches Menschenbild, dozieren sie nun über den Atlantik. Eine regelbasierte Weltordnung? Längst überholt. So sei die Welt nun mal nicht. Naiv und unrealistisch seien solche Vorstellungen letztlich. Vielmehr müsse immer der Stärkere gewinnen. Und die Schwachen sollten froh sein, wenn sie mit den Starken noch einen halbwegs annehmbaren Deal schließen könnten. Und so lautet denn auch das obszöne Narrativ der Populisten, dass die Eliten der Berliner Republik angeblich am Ende seien – so wie die DDR 1989. Nun beginne wieder eine neue Zeit. Millionen Ostdeutsche dürften das, so ist zu befürchten, mit einer tiefen Genugtuung hören.
Man kann nur inständig hoffen, dass diejenigen im Osten, die noch eine Funken Verstand und ihre Emotionen unter Kontrolle haben, bei den Landtagswahlen im kommenden Herbst dafür sorgen werden, dass die Ost-Länder am Ende doch nicht den blauen Nazis in die Hände fallen.
Dein Johannes