Hartmut Berghoff illustriert die Wirtschaftsgeschichte der Berliner Republik
Matthias Wiemers
Der Göttinger Wirtschaftshistoriker Hartmut Berghoff hat sich an ein Vorhaben gewagt, gegen das man zunächst geschichtswissenschaftliche Einwände vorbringen könnte: die Wirtschaftsgeschichte der jüngsten Zeit zu schreiben. Diese Bedenken räumt der Autor allerdings gleich zu Beginn in einem kleinen Vorort überzeugend aus. Die dann folgende Einleitung setzt mit der „Zeitenwende“ ein, wobei insgesamt das Werk die Zeit von 1990 bis 2020 in den Blick nimmt – selbstverständlich nicht ohne gelegentlich bis in die Jetztzeit vorauszublicken.
Zutreffend stellt Berghoff bereits eingangs fest: „Die Prosperität der frühen Berliner Republik beruhte wesentlich auf drei Säulen. Erstens hatte sie ihre militärische Sicherheit, gleichsam als Trittbrettfahrer, weitgehend an die USA ausgelagert. Zweitens versorgte sie sich mit billiger Energie in Russland. Und drittens erlaubte ihr die schier unbegrenzte Aufnahmefähigkeit der chinesischen Märkte einen einmaligen Exportboom“. Und weiter heißt es: „Alle drei dieser wichtigen Säulen der deutschen Wirtschaftskraft wurden mit der Zeitenwende hinfällig“ (S. 18). Dem ist überhaupt nichts hinzuzufügen.
Das erste Kapitel zeigt allgemeine Trends zu Wachstum und Konjunktur (Hier muss man sich auf Seite 29 in der Tabelle helfen, um S. 28 vollständig zu verstehen).
Der Anstieg der Außenhandelsquote wird als dramatisch bezeichnet und darauf zurückgeführt, dass Deutschland in besonderer Weise vom europäischen Binnenmarkt, von der Globalisierung und dem Ende des Kalten Krieges profitiert habe (S. 35). Dies ist nachvollziehbar, und manche Faktoren, die hier geschildert werden, erklären die positive wirtschaftliche Entwicklung des Betrachtungszeitraums. Umso mehr müssen sich Leserinnen und Leser heute fragen, was nach der Zeitenwende an die Stelle dieser Faktoren treten könnte. Denn schon im zweiten Kapitel schildert Berghoff „Unausgeschöpfte Potentiale und Entwicklungshindernisse“. Hier werden eine Investitionsschwäche, ein verlangsamtes Produktivitätswachstum, eine „weitläufige und überwiegend ineffiziente Subventionslandschaft“ sowie die „Überdehnung des Sozialstaats und die Aufblähung der Verwaltung, aber auch die Vernachlässigung der Bildung“ genannt. Hierbei ist zu bemerken, dass das Bildungsargument wohlfeil ist und der Autor es auch nicht begründet. Im Übrigen sind seine Argumente vollständig nachvollziehbar.
Gesamtgesellschaftlich sehr wichtig ist das dritte Kapitel über „Auferstanden aus Ruinen“ Die verkannte Erfolgsgeschichte der Vereinigung“. Hier wird offenbart, wie groß die Fehlvorstellungen im Westen waren, was die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der DDR angeht. Interessant ist die Erwähnung einer Einschätzung der CIA aus dem Jahre 1987, wonach das BIP pro Kopf in der DDR knapp über dem Westdeutschlands liege (S. 52). Hier fühlt man sich sogleich an die außenpolitischen Abenteuer der USA erinnert, die regelmäßig zeigen, dass Entscheidungen ohne fundierte Beratung stattfinden und dass zu viel Informationen zugleich den Blick für die Realität vernebeln. Aber das steht natürlich nicht in diesem Buch.
Auch für die heutige innerdeutsche Debatte heute ist wichtig, was Berghoff zur DDR-Wirtschaft feststellt: „Die DDR-Wirtschaftspolitik zeichnete sich durch drei einander widersprechende Ziele aus, nämlich erstens die Erhöhung des Lebensstandards zum Zweck der Stabilisierung des politischen Systems, zweitens die Aufrechterhaltung der internationalen Kreditwürdigkeit durch einen regelmäßigen Schuldendienst und drittens Investitionen zur Modernisierung der Produktion und Infrastruktur. Die ersten beiden Ziele waren aus der Not heraus Priorität, da das dritte Ziel als Manövriermasse für Einsparungen verwendet wurde, so dass Investitionen entweder aufgeschoben wurden oder gänzlich unterblieben“ (S. 53 f.). Und weiter heißt es: „Die Kehrseiten der viel zu geringen Investitionen waren das wirtschaftlich nicht tragbare Niveau des Konsums und der Sozialleistungen“ (S. 54). Wirtschaftsgeschichtlich ist hier noch erwähnenswert der Blick Berghoffs auf die Wirtschaftsgeschichte der frühen Bundesrepublik. So stellt er fest, nicht wenige hätten geglaubt, „man könne wie 1948 durch eine Währungsreform ein „Wirtschaftswunder“ in Gang setzen. Hatte man damals den schärfsten Währungsschnitt der deutschen Geschichte vorgenommen und 93,5 % des alten Reichsmarkvolumens annulliert, traute sich die Bundesregierung 1990 nicht, einen auch nur halbwegs realistischen Umtauschkurs festzulegen und den Geldüberhang der DDR ähnlich radikal zu beseitigen. Im innerdeutschen Handel rechnete man mit einer Parität von D- zu DDR-Mark von 1:4,4. An den Devisenmärkten lag das Verhältnis bei bis zu 1: 9. Die höchsten Experten-Empfehlungen für die Reform lagen bei 1:4 bis 1:5“ (S. 58). Man könnte auch sagen: Helmut Kohl hatte Angst vor Oskar Lafontaine (dem damaligen Kanzlerkandidaten der SPD). Aber so zugespitzt formuliert es Berghoff natürlich nicht. Das gesamte Kapitel räumt mit Fehlvorstellungen auf, die auch in der westdeutschen Politik, aber vor allem bis heute in den längst nicht mehr „neuen“ Bundesländern herrschen. Berghoff wörtlich: „Von einer feindlichen Übernahme der DDR-Wirtschaft durch Westdeutsche kann also keine Rede sein. Noch weniger trifft dieses Zerrbild zu, wenn man kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sowie Neugründungen mit einbezieht“ (S. 64). An anderer Stelle wird gerade das ostdeutsche Handwerk als “Sprungbrett in das mittelständische Unternehmertum“ bezeichnet (S. 75). Und wenn wir an die bis heute hohen Leerstände von inzwischen auch gut sanierten Häusern und Wohnungen in den ostdeutschen Bundesländern denken, dann muss man auch die Kritik Berghoffs an „Fehlanreize(n) wie Sonderabschreibungen“ unterstreichen, die „sogar ein Überangebot an Wohnungen zur Folge“ gehabt hätten, was „zum massenhaften Abriss älterer Wohnblocks führte“ (S. 77). Hierzu wird man allerdings anmerken dürfen, dass ohne entsprechende Anreize noch mehr an alter Bausubstanz für immer verloren gegangen wäre. Der FDP, die dies innerhalb der damaligen schwarz-gelben Bundesregierung wesentlich propagierte, dankt dies freilich heute keiner.
Das vierte Kapitel beschreibt „die großen Krisen der Berliner Republik“ und erklärt u. a., warum die Finanzkrise nicht zur Weltwirtschaftskrise wurde. Die Eurokrise sei vor allem eine Staatsschuldenkrise gewesen, und Berghoff stellt insgesamt fünf Ursachen für diese heraus (S. 100 f.). Berghoff stellt auch noch insgesamt sechs anhaltende Probleme nach Entspannung der Lage im Jahre 2013 dar, von denen hier nur die Beschreibung des letzten wiedergegeben werden soll: „Der Euro hat Länder mit unterschiedlicher Leistungskraft und Finanzkultur zusammengebunden, die ihre Haushalts-, Fiskal-, Wirtschafts- und Sozialpolitik nicht aufeinander abstimmen. Das ist ein fundamentaler Konstruktionsfehler. Der Euro ist nach wie vor ein „Dach ohne gemeinsames Fundament“. Da es an einem Konsens der Mitglieder mangelt, sind neue Konflikte vorprogrammiert. Im Wesentlichen hat man sich durch die Rettungsschirme Zeit gekauft, nicht aber die der Krise zu Grunde liegenden Probleme gelöst. Die Eurozone sitzt weiterhin auf einem Pulverfass“ (S. 105). Dem ist nichts hinzuzufügen – höchstens, dass der Euro Europa nicht eint, sondern spaltet.
Kapitel 5 stellt technologische und strukturelle Umbrüche dar. Behandelt werden die Digitalisierung, aber auch die Energiepolitik. Hier soll nur Berghoffs Hinweis hervorgehoben werden, dass die DDR der größte Schwefeldioxidemittent der Welt gewesen sei (S. 133). Berghoff stellt hier die Umweltpolitik in ihren teilweise ambivalenten Wirkungen dar und zeigt auf, dass der Global Commons Stewardship Index der Bundesrepublik eine „miserable Klimabilanz“ bescheinige, während der Autor Deutschland umweltpolitisch eine gemischte Bilanz ausstellt (S. 134).
Kapitel 6 ist der Darstellung des Umbaus der „Deutschland AG“ gewidmet. Hier finden wir etwa Ausführungen zur Privatisierung von Staatsunternehmen, wo grundsätzlich zutreffend etwa die Bilanz der Privatisierungen von Post und Bahn dargestellt werden. Ein kritischer Grundton gegenüber dem Neoliberalismus lässt sich den Ausführungen auch entnehmen, weswegen Berghoff auch nicht auf die Idee kommt, die Probleme der Bahn auf eine unzureichende Privatisierung zurückzuführen. Im Ergebnis ist die Darstellung aber ausgewogen, und Berghoff würde sicherlich zustimmen, wenn man sagte, dass weder eine staatliche Verantwortung für Unternehmen noch die Privatisierung als solche „die“ Lösung darstellen.
Im Kapitel über „Soziale Spannungsfelder“ geht es vor allem um die Sozialpartnerschaft und den Niedergang von Gewerkschaften und Tarifbindung, aber auch um soziale Ungleichheit und Vermögensverteilung. Direkt daran anschließend, im achten Kapitel, wird die deutsche Finanzpolitik der Berliner Republik dargestellt. Deutlich wird hier vor allem der ungebremste Anstieg der Sozialleistungen (vgl. nur zur Pflegeversicherung S. 228) und das Versagen in der Investitionspolitik. Berghoff schreibt an einer Stelle: „Da die Zinsen ab 2008 extrem sanken, zwischen 2014 und 2019 sogar bis unter Null, also der Staat Geld dafür bekam, wenn er Kredite aufnahm, hätte er die Gunst der Stunde nutzen können, um sein Investitionsvolumen hochzufahren und lange vernachlässigte Investitionen vor allem in der Infrastruktur und den Bildungssektor vorzunehmen. Diese einmalige Chance ließ Deutschland jedoch ungenutzt verstreichen“ (S. 220). Dass die deutsche Einheit weitgehend auf Kosten der BRD-Sozialversicherungssysteme finanziert wurde, wissen wir spätestens seit der umfangreichen Studie von Gerhard A. Ritter (Der Preis der deutschen Einheit, München 2006), doch es ist wichtig, dass auch Berghoff hierauf noch einmal hinweist, dass weiterhin Sozialkassen politisch instrumentalisiert wurden (S. 236 f.).
Das nächste Kapitel über „Gesellschaft im Umbruch“ gehört eher nicht in eine Wirtschaftsgeschichte. Auch fällt bereits auf Seite 70, wo Berghoff die Erfolge bei der Wiedervereinigung des deutschen Sports auch mit Namen belegen will, auf, dass er jedenfalls vom Fußball nichts versteht. Denn da wird der Gelsenkirchener Junge Olaf Thon augenscheinlich mit dem DDR-Auswahlspieler Andreas Thom verwechselt.
Ähnlich wie bei Kapitel 9 ist es bei Kapitel 10: „Ein zwiespältiges Land. Deutsche Ambivalenzen“. Hier ist allerdings zu sehen, dass die Glücksforschung, die hier auch behandelt wird, ökonomisch nicht zu unterschätzen ist. Denn „Verunsicherung hat handfeste ökonomische Konsequenzen“, wie Berghoff schreibt (S. 287). Erst zieht Berghoff sodann ein kurzes „Fazit der Jahre 1990 bis 2020“ (Kap. 11), dann kommt noch ein kurzer „Ausblick. Warten auf den Aufbruch“ (12). In beiden Kapiteln finden sich viele wichtige Feststellungen, und es ist überaus verständlich, dass ein solches Buchprojekt nicht an jeder Stelle trennscharf 2020 enden kann. Gleichwohl hätte auch hier mehr gestrafft werden können. Denn wichtig ist vor allem, dass die neudeutsche Wirtschaftsgeschichte auch gelesen wird.
Hartmut Berghoff
Trügerischer Wohlstand. Eine Wirtschaftsgeschichte der Berliner Republik seit 1990
Verlag C.H. Beck, 2026
376 Seiten; 34,00 Euro
ISBN 978-3-406-84561-1