Silke Müller zum Dritten

Deutschlands wohl bekannteste Lehrerin legt mit „Schule gegen Kinder“ nach

Matthias Wiemers

Wer zu den Fernsehfreunden in unserem Lande zählt (der Rezensent inzwischen nicht mehr, aber er gehört noch zur Generation der Fernsehfreunde, der heutigen Elterngeneration), kennt vermutlich Silke Müller. Die niedersächsische Realschullehrerin, langjährige Schulleiterin und Digitalisierungsexpertin warnte vor drei Jahren mit ihrem Buch-Erstling „Wir verlieren unsere Kinder!“ vor den Gefahren des von Internet und Smartphones an Schulen (hier auch besprochen). Ein Jahr später legte sie nach mit dem fragenden Titel „Wer schützt unsere Kinder?“ und hat nunmehr offenbar resümierend festgestellt, dass „Schule gegen Kinder“ gerichtet ist. In der Zwischenzeit hat die Autorin sich auch vom Schuldienst beurlauben lassen und ist nunmehr als auch über die Grenzen Deutschlands hinausgehend gefragte Einzelkämpferin, die ihre mehrdimensionalen Erfahrungen als Lehrerin, Schulleiterin und Miterziehende in einer verständlichen Sprache rüberbringt. Für den Juristen, der sich auch mit bildungsrechtlichen Fragen beschäftigt, ist das eine sehr interessante Debatte, die hier offenbar angestoßen werden soll, da das deutsche Schulwesen doch eine ganze Reihe von Merkmalen aufweist, die nicht selbstverständlich sind und die die Behördenstruktur der Schulverwaltung betreffen:

• Grundlagen des Schulwesens gibt der Bund verbindlich in Artikel 7 GG vor.
• Die verwaltungs- und auch gesetzgebungsmäßige Umsetzung des öffentlichen Beschulungsauftrags aus Artikel 7 GG obliegt den Ländern.
• Die Länder überlassen die Schulträgerschaft (Gebäude, nichtpädagogisches Personal, zunehmend auch weitere Akteure wie Schulsozialarbeiter) der kommunalen Ebene.
• Die Länder beschäftigen das pädagogische Personal, das ganz überwiegend verbeamtet ist – was allein schon eine völlig überholte Konstruktion darstellt.
• Die Länder unterhalten Schulbehörden, die in jedem Bundesland anders strukturiert sind und wodurch das Lehrpersonal und weitgehend auch die Lehrinhalte verwaltet werden.
• Die Kommunen unterhalten wiederum kommunale Schulämter, die sich vor allem um Bau und Erhaltung von Schulgebäuden kümmern.
• Da in Artikel 7 GG auch die Privatschulfreiheit garantiert ist, kann sich eine zunehmende Anzahl von Schülerinnen und Schülern der Sozialisationsagentur öffentliche Schule entziehen – womit zugleich verhindert wird, dass sich artikulationsfähige Eltern Fehlentwicklungen in den öffentlichen Pflichtschulen entgegenstellen. Diese Eltern haben die öffentliche Schule bereits aufgegeben.
• Lehrkräfte – obwohl sie wie gesagt überwiegend Beamtinnen und Beamte sind, zu deren Dienstpflichten bereits die Kenntnis der Rechtsgrundlagen gehört (und nicht nur, wie man möglichst bald befördert werden kann, wie es um die Beihilfe steht und wann man als dienstunfähig vorzeitig aus dem Dienst treten kann) – haben typischerweise zu wenig Rechtskenntnisse, obwohl die Schulpflicht einen sehr intensiven Grundrechtseingriff zu Lasten von Schülerinnen und Schülern darstellt.

Aber nun doch zum Buch von Frau Müller. Der treffende Untertitel des Buchs lautet: „Wie ein kaputtes Bildungssystem die Zukunft der nächsten Generation gefährdet.“ Bei der Erklärung, warum das Buch jeden angeht, wird eine sinnige Parallele zum Fußball gezogen, wo regelmäßig von 80 Millionen Bundestrainern die Rede ist. Es gibt tatsächlich auch 80 Millionen Bildungsexperten, da ja jeder einmal eine Schule besucht hat. Jeder glaube zu wissen, wie Schule funktioniert oder funktionieren müsse. Sodann rechtfertigt Müller den Obertitel des Werks damit, dass bis vor wenigen Jahren viele Erfahrungen (von ehemaligen Schülern) noch vergleichbar gewesen seien, heute aber angesichts der rasanten Veränderungen nicht mehr (S. 14). Dies leuchtet ein (Vor Jahren erzählte mir mal ein etwas jüngerer Kollege aus dem bayerischen Schwaben davon, in seiner Schulzeit habe es gesonderte Ausländerklassen gegeben – auch um diese in ihrer Sprachevermittlung besonders zu fördern -, heute herrscht schon sprachliches Durcheinander, von den kulturellen und anderen Verwerfungen einmal ganz zu schweigen). Müller jedenfalls zitiert den Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz (Was es nicht alles gibt!), der eine schwere Krise der psychischen Gesundheit junger Menschen konstatiert.
Interessant ist das folgende Kapitel über die Geschichte des Schulsystems in Deutschland, das sich natürlich an Preußen orientiert (S. 19 ff.)

Ein wichtiger Punkt scheint mir, dass Müller auf wissenschaftliche Untersuchungen hinweist, die belegen sollen, dass die üblichen Schulzeiten unpassend sind für junge Menschen (S. 25 ff.). Hier wäre dann die Frage zu stellen, wie eine mögliche Umstellung auf spätere Anfangszeiten mit dem allgegenwärtigen Postulat der besseren Vereinbarung von Familie und Beruf zu vereinbaren wäre. Die Aufteilung in Jahrgangsstufen, die Müller kritisiert, aufzuheben, wäre mit Sicherheit nicht leistbar. Die Kritik an einer vorzeitigen Selektion erscheint übertrieben, da man die Schulform immer noch wechseln kann. Zugegeben sei aber, dass die Verhältnisse insgesamt schwieriger geworden sind und somit auch das Wechseln schwerer ist als früher. Müller zeigt hier aber auch nicht auf, wie man hier zu mehr Gerechtigkeit kommen könnte, sondern skandalisiert nur (S. 29). Im wohl vierten Kapitel werden einige „harte Fakten über das Bildungssystem“ präsentiert, die wichtig sind zur Kenntnis zu nehmen (zwischendurch wird auch zutreffend der Umgang der Verantwortlichen mit der Beschulung in „Corona“ kritisiert (S. 34), daran kann man gar nicht genug erinnern – aber es ist dies wohl auch eine Folge der zersplitterten Zuständigkeiten). Zu unterstreichen sind die Ausführungen zu einer Fortbildungspflicht für Lehrkräfte – vor allem im Hinblick auf die neuen Technologien. Dass die ganze Finanzierung dieser Technologien (Hard- und Software) durch den Bund im Rahmen des „Digitalpakts“ bereits von Übel war, wird von Müller leider nicht näher beleuchtet (S. 39). Die Autorin folgt eher dem Motto: Mehr Geld ist gut. Richtig ist aber die folgende Feststellung: „Digitalisierung funktioniert nicht nach dem Prinzip anschaffen und abhaken. Sie muss eingebettet sein in dauerhafte Strukturen von Wartung, Support und Didaktik. Sonst produziert man zwar glänzende Pressebilder bei der Geräteübergabe, aber eben keine nachhaltige Veränderung des Lernens“ (S. 40).

In der Folge erfahren wir teilweise wichtige Fakten, aber auch gefühlt Details, die bereits im 2023er Buch zu lesen waren (sogar ein konkreter Fall in der Rolle der Schulleiterin).
Zur Lektüre besonders empfohlen sei das letzte Kapitel „Roadmap für ein besseres Schulsystem – was ist zu tun?“ Auch hier ist nicht jede Idee der Autorin eine Lösung. Schön klingt es, wenn „endlich“ die Entpolitisierung von Schule gefordert wird (S. 215). Es ist aber nun einmal so, dass auch Frau Müller die Schulpflicht nicht abschaffen will. Sie ist gewissermaßen die Basis von allem. Aber wenn der Staat dermaßen auf die Freiheit junger Menschen zugreift, dann wird es immer wieder unterschiedliche (politische) Vorstellungen darüber geben, wie dieser Zugriff im Alltag ausgestaltet werden soll – und das nennt sich dann Politik. Vielleicht wäre ein Anfang gemacht, wenn man endlich diese unsägliche Kultusministerkonferenz abschaffte und wirklichen föderalen Wettbewerb zuließe. Aber das will Frau Müller nun auch nicht (vgl. S. 218). Am Ende schlägt Müller eine dauerhafte gemeinsame Bildungsfinanzierung von Bund und Ländern vor (S. 220) und will auch generell Lehrerinnen und Lehrer besser bezahlen. Hier kann man nur sagen: Nein und nochmals nein!
Denn was nervt, ist die mindestens viermalige Erwähnung des Umstands, dass Deutschland ein reiches Land sei (Leseempfehlung: Daniel Stelter, Das Märchen vom reichen Land, München 2022). Das Problem ist nicht, dass der Staat sehr viel Geld einnimmt, sondern dass er es falsch ausgibt, wofür eine organisierte Verantwortungslosigkeit verantwortlich ist, die sich eben nicht zuletzt in der Organisation des öffentlichen Schulwesens manifestiert.
Vielleicht wäre es das Beste, die folgenden Elemente einer Organisationsreform durchzuführen (alles Punkte, die Müller gerade so nicht vorschlägt):

• Verkleinerung oder Abschaffung der KMK
• Einführung eines Mehrheitsprinzips innerhalb der KMK-Beschlüsse, um verbindlich zentrale Bildungsstandards durchzusetzen
• Abschaffung der Lehrerverbeamtung.
• Herunterzonung der Dienstherreneigenschaft auf die Kommunen.
• Abschaffung der hergebrachten staatlichen Schulämter und Umwandlung in Qualitätssicherungsagenturen auf Landesebene.

Schule muss entbürokratisiert und das Geld anstatt für Bürokratie für Zielerreichung ausgegeben werden. Über die Ziele freilich wird auch in Zukunft noch gestritten werden müssen. Und Silke Müller hat zur Zieldiskussion hier abermals einen wichtigen Beitrag geliefert. Ihr ist zu wünschen, dass sie weiterhin die Öffentlichkeit erreicht. Wirklich weiter kommen wir in Deutschland aber erst, wenn wir die Überlegungen in eine Staatsreform einbetten. Bevor es zu spät ist.

Silke Müller
Schule gegen Kinder
Droemer Verlag, 2. Auflage 2026
288 Seiten; 22,00 Euro
ISBN: 9783426568583

Veröffentlicht von on Apr. 13th, 2026 und gespeichert unter BESPRECHUNGEN, LITERATUR. Sie können die Kommentare zu diesem Beitrag via RSS verfolgen RSS 2.0. Gehen Sie bis zum Ende des Beitrges und hinterlassen Sie einen Kommentar. Pings sind zur Zeit nicht erlaubt.

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