Stelter und Brockhaus marschieren getrennt

Ob „Absturz“ oder „Mehr Geld als Verstand“ – für jeden ist etwas dabei

Matthias Wiemers

Der Wirtschaftsberater und Journalist/ Publizist Daniel Stelter hat 2018 mit guten Argumenten dargelegt, dass die ständige Rede, Deutschland sei ein reiches Land, nicht auf ausreichenden Tatsachen beruht. 2018 lag zwei Jahre vor „Corona“ und dem damals auch fiskalisch suboptimalen Umgang damit. Es waren noch recht angenehme Zeiten – auch wenn Angela Merkel ihren Rückzug einleitete und die Aktivitäten der damaligen Bundesregierung nicht besonders überzeugt haben mögen. Stelter jedenfalls spricht heute direkt vom „Absturz“ und verspricht im Untertitel, ein Rezept, wonach Deutschland gerettet werden könne.
In zeitlicher Nähe und im selben Verlag hart die Journalistin Nena Brockhaus ein Taschenbuch mit dem Titel „Mehr Glück als Verstand“ veröffentlicht. Auch hierzu nachfolgend einige Hinweise.
Während Stelter ohne weiteres das immer häufiger verwendete Emblem „Alter weißer Mann“ erhalten könnte, handelt es sich bei Brockhaus eher um eine „junge weiße Frau“, die zudem mit ihrem handlichen, wirklich in jede Hand- oder Sakkotasche passenden Buch ganz andere Leserschaften zu erreichen vermag. (Es ist erschreckend, wer schon aufgegeben hat im Hinblick auf das Verfassen dickerer Bücher: Es wird immer früher argumentiert, Bücher über 200 Seiten würden von niemandem mehr gelesen. Es ist ein Armutszeugnis.)

Welchen Titel man wählt, ist Geschmackssache. Nicht nur weil ich selbst definitiv auch zu den alten weißen Männern zähle, habe ich Stelter mit besonderem Interesse gelesen, sondern auch weil ich den 2018er Titel vor vielleicht einem Jahr antiquarisch erworben hatte und ihn damals als ein wichtiges Aufklärungsbuch im Hinblick auf das tatsächliche Märchen, wir seien ein reiches Land, angesehen hatte (Mit einem bisschen historischen Wissen um die beiden Weltkriege und die Währungsreformen könnte eigentlich jeder selbst drauf kommen, dass das nicht stimmen kann – und ein „Wirtschaftswunder“ gab es weder nach 1948 noch nach 1933).
Zunächst zu Daniel Stelter: Er steigt ein mit einem Blick auf 2018. Während er damals als früher Warner und Mahner erscheinen war, zeigt er jetzt eingangs auf, wie gut es uns in diesem Jahr noch gegangen ist.
Ein ganz wichtiger Hinweis findet sich schon auf S. 13: Die Handelsbilanzüberschüsse (deren Ursache Stelter hier auch erläutert) „bedeuten zwangsläufig einen Kapitalexport in gleicher Höhe.“ Das heißt also, wir sollten Donald Trump nicht dafür kritisieren, wenn er unseren Handelsbilanzüberschuss kritisiert. Es mehren sich vielmehr die Stimmen, die einen Abschied von der Exportorientierung der deutschen Wirtschaft befürworten. Stelter erläutert an dieser Stelle, dass wir das exportierte Kapital leider „nicht besonders schlau“ im Ausland angelegt haben.
Hier noch ein schönes Zitat von S. 2014: „Würde der Staat wie ein Unternehmen bilanzieren, hätte man sofort gesehen, dass die schwarze Null nichts als ein Politikmärchen war.“ Wie wahr!
Und die Verantwortlichen setzten, statt in die Zukunft zu investieren, „in den guten Jahren die falschen Prioritäten:
• Konsum statt Investition: Sozialausgaben, Rentengeschenke, Subventionen.
• Euro-Rettung: Hunderte Milliarden Euro für faktisch verlorene Forderungen.
• Energiewende: Überstützt umgesetzt, extrem teuer, ohne Klimawirkung.
• Falsche Industriepolitik: Während andere Länder ihre Schlüsselindustrien schützen, schwächte Deutschland die eigene Autoindustrie vorsätzlich“ (S. 15).
Erst danach wird der Blick auf das Jahr 2026 geworfen. Im Zusammenhang mit dem Deindustrialisierungsprozess in Deutschland wird festgestellt: „Die Coronakriese überlagerte die Entwicklung, dominierte die Medien und gab den Politikern die Chance, sich mit vielen hundert Milliarden Euro neuer Schulden als Krisenmanager und Retter der heimischen Wirtschaft darzustellen“ (S. 17).
Im zweiten Kapitel über „Wohlstand ist kein Zufall“ werden die einzelnen Handlungsoptionen vorgestellt, die ergriffen werden könnten, um die Situation zu verbessern. Wir wollen dies hier nicht wiederholen, aber der heute, da ich dies schreibe, schon einen Tag vor seiner offiziellen Verkündung durchgehend kritisch diskutierte Bericht der sog. Rentenkommission scheint weit entfernt von den Vorschlägen Stelters zu sein (Die Kommission bestand übrigens aus 10 „Experten“ und je einem Politiker von CDU, CSU und SPD. Der CSU-Vertreter hat offenbar verhindert, dass die Kommission die Abschaffung der Mütterrente vorschlug. Armes Deutschland, wenn wir auf diesem Niveau arbeiten und Monat um Monat ins Land geht, ohne dass etwas passiert.)
Im dritten Kapitel geht es um die Verteilung des Wohlstands und die Darstellung des Umverteilungsstaats. Hier nur ein Ausschnitt aus Seite 65: „Der Katastrophenschutz wurde ebenso vernachlässigt wie die Infrastruktur. Letztere soll jetzt mit einem Schuldenpaket saniert werden, von dem schon im ersten Jahr die Hälfte der Mittel von der Politik veruntreut wird, um weiteren Konsum zu finanzieren“ (S. 65). Von den Detailfragen möchte ich nur die von Stelter noch behutsam aufgeworfene Frage wiedergeben, ob es nicht am vernünftigsten wäre, die Bundesagentur für Arbeit aufzulösen, weil ihre Produktivität ständig nachlässt (S. 72 f.). Selbstverständlich gehört sie aufgelöst, und der Ansatz der Optionskommunen bei den Jobcentern muss verallgemeinert werden.
Das vierte Kapitel ist mit „Realitätsverleugnung“ überschrieben. Hieraus greife ich mir nur ein Beispiel, nämlich die Zwischenüberschrift „Der Euro: Deutschlands Gewinn“. Hier heißt es völlig treffend: „In Wahrheit ist der Euro ein Subventionsprogramm für die exportorientierte Industrie in Deutschland, das wir selbst bezahlen und das, wie immer bei Subventionen, zu Erosion unserer Wettbewerbsfähigkeit beigetragen hat. Profitiert haben vor allem Aktionäre und die Mitarbeiter dieser Branchen. Demgegenüber gibt es erhebliche Wohlstandsverluste für andere, wie beispielsweise die deutschen Touristen, die nicht mehr so günstig im Ausland Urlaub machen können“ (S 159). Dem kann man wenig hinzufügen. Nun mögen einem die Touristen total egal sein, aber wenn wir es nicht schaffen, Investitionen in Deutschland und beispielsweise das Rentensystem von einem durchlaufenden Sozialstaatsaggregat in eine Investitionsmaschine umzuwandeln, wird der Kuchen für uns alle nur noch kleiner.
Das Ganze mündet in das letzte Kapitel u. d. T. „Wir müssen jetzt handeln“ ein, das jeder selbst nachlesen kann. Schauen wir lieber rüber zu Nena Brockhaus.

Der Untertitel lautet hier treffend „Wie die Politik dein Geld verprasst“. Schon im Vorwort weist die Autorin darauf hin, dass wir allein im Jahre 2017 630 Millionen Entwicklungshilfe an China gezahlt haben. Brockhaus zeigt hier auch auf, mit wem sie für das Buch gesprochen hat: mit eben Daniel Stelter, aber auch mit Stefan Aust und der Finanzpolitikerin der Grünen Katharina Beck – allesamt ehrenwerte Leute, möchte man sogleich hinzufügen. Insgesamt ist der knappe Band in zwei Teile gegliedert, wobei Teil I aufzeigt „Was mit deinem Geld passiert“ und Teil II dann einige aufschlussreiche Interviews enthält (Ja, ok, Bernd Raffelhüschen erzählt seit über 20 Jahren nahezu dasselbe – aber ist es deswegen denn falsch?).
Ich höre hier auf, da dieses Buch wirklich jeder selbst kaufen und lesen kann (165 Seiten) – auch wenn er über akute, vermutlich internetinduzierte Konzentrationsschwäche klagt.
Danke an den Finanzbuchverlag, der offenbar solche Titel gerne publiziert, die im publizistischen Mainstream gerne liegengelassen werden.

Daniel Stelter
Absturz. So retten wir Deutschland
Finanzbuchverlag, 2026
280 Seiten; 24,00 Euro
ISBN: 978-3-7844-3771-2

Nena Brockhaus
Mehr Glück als Verstand
Finanzbuchverlag, 5. Auflage 2025
176 Seiten; 18,00 Euro
ISBN: 978-3-95972-787-7

Veröffentlicht von on Juni 29th, 2026 und gespeichert unter BESPRECHUNGEN, LITERATUR. Sie können die Kommentare zu diesem Beitrag via RSS verfolgen RSS 2.0. Gehen Sie bis zum Ende des Beitrges und hinterlassen Sie einen Kommentar. Pings sind zur Zeit nicht erlaubt.

Hinterlassen Sie einen Kommentar!