Alexander Thiele steigt bei Haratsch und Pechstein ein
Matthias Wiemers
Andreas Haratsch (Hagen), Christian Koenig (Bonn) und Matthias Pechstein (Frankfurt/Oder) haben vor nunmehr 30 Jahren ein zunächst kleines rotes Lehrbuch zum Europarecht herausgegeben, das irgendwann in das bekannte Format der Mohr Siebeck Lehrbücher hineingewachsen ist. Mit der 13. Auflage 2023 haben Koeinig und Pechstein ihre Mitarbeit an dem Band eingestellt, und mit der nun vorgelegten 14. Auflage wurden die einzelnen Kapitel neben Andeas Haratsch auch von Christoph Brömmelmeyer (Frankfurt/Oder) und Alexander Thiele (Berlin/Hamburg) übernommen.
Nach wie vor im kleinen roten utb-Format kommt die Entscheidungssammlung „Entscheidungen des EugH“ daher, die nunmehr in 13. Auflage erschienen ist. Hier hält Matthias Pechtein formal noch die Tradition zu den früheren Herausgebern aufrecht (Koenig ist hier schon früher ausgestiegen), aber die Neubearbeitung hat vermutlich allein Alexander Thiele besorgt – wie sich aus seinem allein verfassten Vorwort zu dieser Ausgabe entnehmen lässt. Beide Bände sind dabei, nicht mehr ständig zu wachsen, sondern auch einmal abzuspecken. Beim Lehrbuch sind es gegenüber der mir auch noch vorliegenden 11. Auflage von 2018 nicht weniger als rund 100 Seiten, um die das Werk inzwischen gekürzt wurde, und bei der Fallsammlung erläutert Thiele ausführlich, wie man hier jetzt künftig vorgehen wird. So liegt der Schwerpunkt nun zunehmend immer auf dem institutionellen Europarecht und wurde eigens ein Schlussabschnitt „Varia“ geschaffen, der künftig wechselnde neue Entscheidungen enthalten wird, die nicht in die vorherigen Kategorien „A. Die Europäische Union und die Mitgliedstaaten“, „B. Die Rechtsetzung durch die Union“, „C. Die Rechtsquellen des Unionsrechts“, „D. Rechtsschutz in der EU“, „E. Allgemeines Diskriminierungsverbot aus Gründen der Staatsangehörigkeit und Unionsbürgerschaft“, „F. Unionsrechtliche Grundrechte“ und „G. Grundfreiheiten“ Platz finden.
Schaut man insoweit nochmal in das Lehrbuch, so wurde dort zwar die Grundstruktur von fünf Kapiteln beibehalten, aber auf einige Unterkapitel verzichtet. So ist etwa in der Neuauflage im ersten Kapitel einiges Historisches weggefallen und wird der Europarat gar nicht mehr in einem eigenen Untertitel erwähnt, und im letzten Kapitel fehlen „sonstige auswärtige Politiken“ die über die Gemeinsame Handelspolitik hinausgehen würden. Die Sozialpolitik ist auch weggefallen (in der 11. Aufl. im 4. Kapitel Abschnitt VI., aber schon damals nur im kurzen Überblick).
Diese Kürzungen sind zu begrüßen: Wer die EU nicht vom Europarat unterscheiden kann, dem ist ohnehin nicht zu helfen, und gerade die Entwicklung der Gemeinsamen Handelspolitik in der jüngsten Vergangenheit hat gezeigt, dass dort gewissermaßen „die Musik spielt“ und die EU ohnehin gut beraten ist, sich nicht zu verzetteln und gerade diejenigen Kompetenzen wahrzunehmen, wegen derer sie einmal gegründet wurde.
Wenn man sich etwas wünschen soll, dann wäre sicherlich das Thema „digitaler Binnenmarkt“ etwas, das näherer Betrachtung wert wäre, da hier der EU eine Rolle zukommen kann, wegen der man sie auch heute noch gründen müsste.
Hinzuweisen ist darauf, dass die frühere Zählung der Fußnoten nicht mehr stimmt. Wer also mit einer älteren Auflage arbeitet, muss spätestens bei einer Hausarbeit anschließend noch eine Überprüfung der Fundstellen vornehmen. Ansonsten überzeugt das Buch nach wie vor durch seine sehr gute Lesbarkeit, die ein Argument gegen kürzere Lehrwerke ist – auch wenn man das Europarecht nicht zu seinem Schwerpunkt machen möchte. Und dann – in den Vorworten ist jeweils auf den Zusammenhang hingewiesen – lohnt die Anschaffung auch der Entscheidungssammlung. Soweit ersichtlich, ist der Verlag noch nicht auf die Idee eines Paketpreises für beide Werke gekommen – er sollte dies als Anregung nehmen. (Anmerkung der Redaktion: Mohr Siebeck und utb, bei denen die beiden hier besprochenen Werke erschienen sind, sind eng miteinander verbunden: Mohr Siebeck ist Gesellschafter von utb, die eine Verlags- und Vertriebskooperation von über 20 verschiedenen unabhängigen Wissenschaftsverlagen aus dem deutschsprachigen Raum ist.)
Haratsch / Koenig / Pechstein / Brömmelmeyer / Thiele
Europarecht
Mohr Siebeck, 14. Auflage 2026
738 Seiten; 36,00 Euro
ISBN: 978-3-16-200454-3
Pechstein / Thiele
Entscheidungen des EuGH
utb, 13. Auflage 2026
768 Seiten; 29,00 Euro
ISBN: 978-3-8252-6670-7