Pussypower am Ostseestrand

Scheiben Spezial: Die feministische Indie-Band „Blond“ aus Chemnitz live auf der Warnemünder Woche

Thomas Claer

Und wieder ist Warnemünder Woche mit hochkarätiger Livemusik am Ostseestrand für null Euro Eintritt. Und wenn man ohnehin gerade in Rostock ist, dann geht man da natürlich hin. Diesjähriger Top-Act war die dreiköpfige Chemnitzer Indie-Band „Blond“ mit den Schwestern Nina (29, Gitarre, Gesang) und Lotta Kummer (27, Schlagzeug, Gesang) als Frontfrauen sowie dem blinden Bassisten Johann Bonitz (29) im Hintergrund. Das Trio macht bereits seit 15 Jahren gemeinsam Musik – eine Art Girlie-Punk mit Rap-Einsprengseln – und hat bislang drei Studioalben veröffentlicht, von denen die letzten beiden bis in die Charts geschossen sind. Dazu muss man wissen, dass die beiden Kummer-Schwestern zwei noch prominentere Brüder haben, welche Mitglieder der noch berühmteren Band „Kraftklub“ sind. Und schon ihr Vater war Sänger der DDR-Avantgarde-Band „AG.Geige“. Soviel vorab.
Trotz all dieser vielversprechenden Begleitumstände war ich, nachdem ich mich auf YouTube durch das „Blond“-Oevre gehört hatte, noch nicht so recht überzeugt. Wild und schrill kommen sie daher, das schon, aber ist das wirklich gute Musik? Ich dachte eher an den oft gehörten Spruch meines Vaters, dass man einem geschenkten Gaul nicht ins Maul schaue, als ich mich mit meiner Frau unter das fast ausschließlich jugendliche Volk vor der Bühne am Warnemünder Strand mischte. Aber dann das: Die Drei auf der Bühne machen eine Mords-Stimmung und werden von ihrem Publikum, das wirklich jedes Lied mitsingen kann, enthusiastisch gefeiert. Offenbar kommen nur die wenigsten Konzertbesucher aus Rostock. Vermutlich sind sie ganz überwiegend von weither angereist. Und diese jungen Leute dort tanzen wahrhaftig Pogo, dass es eine Freude ist. So wie ich selbst vor bald vier Jahrzehnten bei den Pogues oder bei Phillip Boa. Nur dass hier der Anteil der Pogo-Tanzenden im Publikum wohl eher noch größer ist als „zu meiner Zeit“. Fast hätte ich mitgemacht, aber wenn man die Musik nicht so gut kennt, dann hat das natürlich nicht so viel Sinn. Wäre vielleicht auch ein bisschen komisch gewesen, so als vergleichsweise alter Sack unter lauter jungen Menschen und sogar überwiegend jungen Mädchen. Wobei der Baden-Württembergische Wirtschaftsminister hierzu vielleicht gesagt hätte: Es gibt unangenehmere Auftritte…
Nina und Lotta, die beiden Sängerinnen, präsentieren sich wie immer in äußerst gewagten Kostümen, wechseln überdies noch zweimal während der Show ihr Outfit. Ihre Tanzeinlagen sind großartig. Die Stimmung ist von Anfang bis Ende phänomenal. Na gut, die Sprüche der beiden Protagonistinnen zwischen den Liedern sind mitunter etwas sehr bemüht, insbesondere ihre vorgeblichen Provokationen („Wer von euch kann sich selber lecken??“ als Ansage zum Song „Gelenkig“). Fast bekommt man etwas Mitleid mit ihnen, denn womit Nina Hagen in ihrer Jugend noch konservative Sittenwächter erschrecken konnte, das lockt heute wohl niemanden mehr hinter dem Ofen hervor. Allenfalls Wladimir Putin würde sie dafür vermutlich für zwanzig Jahre nach Sibirien schicken.
Kurzum, die Band „Blond“ mag von der Qualität ihrer Kompositionen her nur guter Durchschnitt sein, doch überzeugt sie durch die Originalität ihrer Texte, durch eine fantastische Bühnenshow – und insbesondere durch die Begeisterungsfähigkeit ihrer Zuschauerinnen und Zuschauer. Hoffen wir, dass das schöne Mecklenburg-Vorpommern niemals zum finsteren AfD-Land mit repressiver Kulturpolitik wird, sodass wir uns auch künftig an Auftritten solcher Art erfreuen können werden.

Veröffentlicht von on Juli 27th, 2026 und gespeichert unter SCHEIBEN VOR GERICHT. Sie können die Kommentare zu diesem Beitrag via RSS verfolgen RSS 2.0. Gehen Sie bis zum Ende des Beitrges und hinterlassen Sie einen Kommentar. Pings sind zur Zeit nicht erlaubt.

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