Heinrich August Winkler legt seine ungewöhnlichen Memoiren vor
Matthias Wiemers
Der Rezensent gibt es gleich zu Beginn zu: Von Heinrich August Winklers bekannten Mehrbändern „Der lange Weg nach Westen“ und „Geschichte des Westens“ besitzt er jeweils 50 % – und hat keinen der Bände bis jetzt gelesen (vielleicht, wenn sie mal vollständig sind).
Gleichwohl war es ein Reiz, sich nun mit den Erinnerungen eines der bekanntesten Historiker unserer Zeit zu beschäftigen. Und auch wer wenig über ihn weiß, weiß um die Tatsache, dass der Mann 1938 in Königsberg geboren wurde – und gewissermaßen erst einmal selbst den Weg nach Westen bestreiten musste, um dies Jahrzehnte später auch für die Nation in gelehrte Worte zu fassen.
Die für ein langes Gelehrtenleben recht knappe Autobiographie ist keine, wie der Leser sehr bald bemerkt. Es ist praktisch eine Gelegenheitsarbeit, weil – wie sich bereits aus dem Vorwort ergibt – der erste Teil des in drei Teile gegliederten Bandes auf die Anfrage zweier Historikerkollegen zurückgeht, die ihn 2022 zu einem Sammelband einluden mit „autobiographischen Zeugnissen der Geschichtswissenschaft in Deutschland“. Hierzu wurde der erste Teil des noch 2025 vorgelegten Bandes verfasst. Er ist überschrieben mit „Warum ich Historiker wurde. Geschichte in praktischer Forschungsabsicht“.
Gleich zu Beginn wird deutlich, dass Winker in seiner Familie mütterlicherseits bereits der dritte Historiker ist, auch der Vater hatte 1931 bei Hans Rothfels in Königsberg promoviert und die Mutter – nach dem Tod des Vaters 1939 – 1943 bei Theodor Schieder, ebenfalls in Königsberg.
Noch während des Krieges gelingt die Ausreise nach Westdeutschland, wo die Mutter – vermittelt durch Verwandte in Ulm, eine Stelle als Lehrerin annehmen kann.
Winkler schildert, wie er – nach Geschichtsstudium in Münster, Tübingen und Heidelberg 1963 bei Hans Rothfels in Tübingen promoviert wird. Nach kurzer Zeit als Assistent an der Universität Göttingen wechselt Winkler 1964 ans Otto-Suhr Istitut an der FU Berlin, wo er sich bei (dem zudem als CDU-Landespolitiker tätigen) Georg Kotowski habilitiert. Der Leser wird Zeuge eines früh schon bewegten Historikerlebens, das von internationalen Forschungsaufenthalten und der Teilnahme an historischen Debatten und Kontroversen geprägt ist. Winkler selbst, von Hause aus ein Konservativer, wechselt in den 1960er Jahren von der CDU zur SPD. 1970 wird Winkler der letzte Habilitand der alten philosophischen Fakultät und erhält die Venia legendi für die Fächer Wissenschaft von der Politik und Neuere Geschichte und wird – wie dies damals üblich wird – zum Wissenschaftlichen Rat und Professor ernannt.
1972 erfolgen die ersten Rufe. Darmstadt lehnt er ab und nimmt den nach Freiburg an. Nach Ablehnungen von Rufen nach Saarbrücken und Amsterdam sowie der UCLA und der FU Berlin entschließt sich Winkler zum Winter 1991/92 zur Annahme eines Rufs an die HU Berlin, wo er sich aktiv an der Neuorganisation der alten, um politisch belastete Professoren entlastete Universität beteiligt und im April 2007 in den offiziellen Ruhestand geht. Der Leser wird bereits hier Zeuge, wie Heinrich August Winkler zu einem öffentlichen Professor wird, der sich an zahlreichen Debatten beteiligt und auch von politischen Amtsträgern um Rat gefragt wird.
Im zweiten Teil des Buchs unter der Überschrift „Politische Interventionen und Kontroversen“ wird gewissermaßen alles noch einmal vertieft: einige Details zu Familie und Privatleben, der Wechsel von der CDU zur SPD wird beschrieben mit der Folge zahlreicher Begegnungen vor allem mit SPD-Politikern wie Willy Brandt, aber dann auch die Schilderung der Erfahrungen mit dem „Langen Weg nach Westen“, einer Geschichte Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert. Darüber hinaus wird die innen- und außenpolitische Entwicklung anhand einiger Schlaglichter skizziert, wovon ich einen Punkt herausheben möchte, der die Flüchtlingskrise 2015/16 betrifft. Hier schildert Winkler, wie er durch mehrere in überregionalen Zeitungen vorgenommene Interventionen versucht hat, nachzuweisen, dass der Parlamentarische Rat mit der Einführung des Asylrechts keineswegs ein subjektives Recht, sondern nur eine institutionelle Garantie im Auge gehabt habe (S. 153 ff.). Für zentral hält Winkler die Streichung des Zusatzes „im Rahmen des allgemeinen Völkerrechts“ auf Antrags des Völkerrechtlers Carlo Schmid – unter Verweis auf Art. 25 GG. Es sei bei der Streichung darum gegangen, der Bundesrepublik die Möglichkeit zu eröffnen, politisch Verfolgten aus der Sowjetzone mindestens denselben Schutz zu eröffnen wie politisch verfolgten Ausländern. Sie sollten nicht an Regierungen der DDR überstellt werden dürfen. Der Asylbegriff sollte damit aus „seinem bisherigen, auf Ausländer bezogenen Verständnis“ gelöst werden, „so dass er auch auf politisch verfolgte Deutsche angewandt werden konnte“. Die Interpretation als individuelles Grundrecht habe sich erst im Gefolge der späteren Entwicklung des Bundesverwaltungsgerichts entwickelt und durchgesetzt (S. 155). Der Rezensent fühlt sich hier in seinem Verdacht bestätigt, dass der sog. Asylkompromiss Anfang der 1990er Jahre, von dem etwa Wolfgang Schäuble in seinen Erinnerungen ausführlich berichtet und der mit Art. 16a GG zu einer der unsäglichsten Verfassungsvorschriften geführt hat, in Wahrheit Asyl nicht begrenzt, sondern den individuellen Rechtsanspruch überhaupt erst unstreitig gemacht hat – mit Folgen auch für das europäische Flüchtlingsrecht, das durchaus nicht unbeeindruckt von dem singulären deutschen Grundrecht fortentwickelt worden ist.
Die Schilderung der politischen Erfahrungen des Autors reichen bis in die allerjüngste Vergangenheit und lassen an Klarheit der Darstellung nichts vermissen. So heißt es etwa zum zweiten Amtsantritt Donald Trumps am 20. Januar 2025, der als „Disruption“ bezeichnet wird, in einem Bandwurmsatz: „Ob man an die umfassende, gegen Bundesgesetze verstoßende Entlassung liberaler Angehöriger des Öffentlichen Dienstes, die vielfach erfolgreiche Einschüchterung widerspenstiger Medien, die vielfach erfolgreiche Einschüchterung widerspenstiger Medien, die einseitige Rekrutierung der Regierungsmitglieder und -berater aus den Kreisen der Hochfinanz und „High Tech“, die Angriffe auf die Freiheit von Lehre und Forschung und die Missachtung von Gerichtsurteilen, also des Rechtsstaates, an die faktische Beendigung der amerikanischen Entwicklungshilfe, die Aufkündigung des Pariser Klimaabkommens von 2015 oder die Sanktionen gegen den Internationalen Strafgerichtshof und seine Richter denkt: Innerhalb weniger Wochen haben sich die USA entliberalisiert, entpluralisiert und oligarchisiert – kurz in autoritärer und nationalistischer Richtung transformiert“ (S. 179 f.).
Der dritte und abschließende Teil enthält „Begegnungen und Erlebnisse“, worin vor allem Persönlichkeiten geschildert werden, denen der Autor in seinem Leben begegnet ist und die ihn beeindruckt haben.
Der Rezensent gelobt, das Hauptwerk des Autors zu vervollständigen und es sodann auch zu lesen. Hoffentlich ist es für den Westen noch nicht zu spät!
Heinrich August Winkler
Warum es so gekommen ist. Erinnerungen eines Historikers
Verlag C.H. Beck 2025
288 Seiten; 30,00 Euro
ISBN: 978-3-406-83631-2