Sparsamkeit

Geheime Aufzeichnungen eines Volljuristen

Liebes Tagebuch,

von meinem Vater hatte ich einst den Spruch gehört, dass es zwei Wege gebe, um zu Geld zu kommen: entweder viel verdienen oder wenig ausgeben. Viele Jahre später entdeckte ich dann, dass es auch noch einen dritten Weg gibt: kluges Investieren. Am einträglichsten ist es aber, wie ich festgestellt habe, alle drei Wege miteinander zu verbinden. Allerdings erscheint mir von den genannten drei Faktoren der Vermögensbildung einer ganz klar der bedeutsamste zu sein, und das ist die Sparsamkeit. Denn während man auf einen der beiden anderen Faktoren notfalls auch verzichten könnte – man hat es ja auch nicht vollständig selbst in der Hand, wieviel man verdient oder wie sich die Geldanlagen entwickeln – führt an der Sparsamkeit als notwendiger Bedingung wohl beinahe jedes Vermögensaufbaus schlichtweg kein Weg vorbei. Gewiss, Sparsamkeit ist nicht alles, denn wer einfach nur knausert und sein Geld zusammenhält, aber sonst nichts tut, wird damit zwar vermutlich nie verarmen, aber auch nur selten große Sprünge machen können. Doch ohne Sparsamkeit ist in den allermeisten Fällen alles nichts. Wem sein Geld immer nur zwischen den Fingern hindurchrinnt, wer keine Kontrolle über seine Ausgaben hat, dem wird wohl auch der bestbezahlteste Job der Welt und der größtmögliche Anlageerfolg nicht helfen. Er wird – wie gewonnen, so zerronnen – immer wieder aufs Neue alles verlieren.
Schon Aristoteles hatte vor mehr als zwei Jahrtausenden festgestellt, dass die Rolle der Sparsamkeit und Ausgabendisziplin beim Wirtschaften mindestens so bedeutsam sei wie die Vermehrung der Einnahmen, und dies gemeinhin vollkommen unterschätzt werde. Allerdings ist Ausgabenkontrolle vergleichsweise unspektakulär. Sie sorgt längst nicht für so viel Aufsehen, wie wenn jemand viel verdient oder große Anlageerfolge erzielt. Doch wird eine sparsame Lebensführung gemeinhin oft mit Bescheidenheit assoziiert, was in vielen Fällen aber gar nicht zutrifft. Eher im Gegenteil ist ihre Antriebsfeder, wenn sie nicht gerade von wirtschaftlicher Not ausgelöst wird, nicht selten die nackte Gier. Denn wozu sollte man sparen, wenn man nicht mit den eingesparten Mitteln noch etwas anderes, womöglich etwas Größeres vorhätte. Nicht wer mit seinem Status bereits wunschlos glücklich ist, wird sparen, sondern wer damit noch weitergehende Ziele verfolgt, wer auf mehr abzielt, als er schon hat.
Jedoch ergeben sich solche Überlegungen wie die hier angestellten zumeist aus einer relativen Mangelsituation. Jemand mit krisensicherem Job und solider Rentenerwartung wird seine Gedanken wahrscheinlich selten in solche Richtungen lenken. Für diejenigen aber, auf die dies nicht zutrifft, können sich solche Betrachtungen jedoch vor allem langfristig als sehr fruchtbar erweisen…

Dein Johannes

Veröffentlicht von on Mrz 29th, 2021 und gespeichert unter JOHANNES, LIEBES TAGEBUCH. Sie können die Kommentare zu diesem Beitrag via RSS verfolgen RSS 2.0. Gehen Sie bis zum Ende des Beitrges und hinterlassen Sie einen Kommentar. Pings sind zur Zeit nicht erlaubt.

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