Der „Veräter“

Geheime Aufzeichnungen eines Volljuristen

Liebes Tagebuch,

er war so etwas wie der Bomber des Ostens, ein Ausnahme-Stürmer mit todsicherem Torinstinkt. 55 Tore in 102 Länderspielen, dazu noch 229 Tore in 378 Oberliga-Spielen. Der vor einer Woche verstorbene Joachim Streich (1951-2022) gehörte wohl – neben Dixie Dörner (der vor kurzem ebenfalls gewissermaßen ins Gras des Spielfeld-Rasens gebissen hat) – zu den berühmtesten Aushängeschildern des DDR-Fußballs. In meiner Kindheit und Jugend zählte Streich zu den Top-Prominenten. Besonders stolz war ich darauf, dass er aus meiner Heimatstadt Wismar stammte. Und nicht nur das: Meine Mutter, die als Ärztin in der Wismarer Poliklinik arbeitete, hatte Streichs Mutter als Patientin und konnte mir auf diesem Wege – quasi aus erster Hand – eine von Joachim Streich signierte Autogrammkarte besorgen, die ich heute noch besitze. Damals war Streich dreißig Jahre alt, das weiß ich noch. Es muss also 1981 oder 1982 gewesen sein, da war ich in der dritten oder vierten Klasse.

Ein Streich-Fan bin ich aber dennoch nie gewesen, denn Streich war, so wurde es bei uns damals immer gesagt, ein Verräter, der unseren geliebten FC Hansa Rostock schamlos im Stich gelassen hatte. Es ist dies eine der großen Geschichten von Heldentum und Verrat, die der Fußball immer wieder schreibt. Heute, wo Spielerwechsel zwischen den Vereinen keine große Sache mehr sind, versteht vermutlich keiner mehr, was damals die Gemüter so erhitzte. Aber damals im DDR-Fußball waren Vereinswechsel von Spielern eher die Ausnahme. Es kam nur manchmal vor, dass besonders gute Akteure, vor allem Nationalspieler, aus schwächeren Mannschaften, insbesondere wenn diese aus der DDR-Oberliga abgestiegen waren, zu einem der fünf Spitzenclubs „delegiert“ wurden, die regelmäßig auch Europapokalspiele bestritten. So etwas wurde dann aber stets „von oben“, d.h. vom Fußballverband angeordnet. Am wenigsten ging es bei solchen Wechseln ums Geld, denn mit DDR-Mark, für die man sich in der damaligen Mangelwirtschaft ohnehin nichts Besonderes kaufen konnte, ließ sich nun wirklich niemand hinter dem Ofen hervorlocken…

Doch zum „Verräter“ wurde Streich in den Augen der Hansa-Fans nicht allein durch seinen Wechsel aus Rostock zum 1.FC Magdeburg im Jahr 1975, sondern vor allem durch dessen besondere Umstände. Es ging für Hansa um alles oder nichts am letzten Spieltag der Saison 1974/75 im Auswärts-Spiel beim bereits als Absteiger festsehenden Küsten-Konkurrenten Vorwärts Stralsund. (Es war übrigens die einzige DDR-Oberliga-Saison, die Stralsund jemals spielen sollte.) Mit einem Derby-Sieg hätte Hansa den Klassenerhalt perfekt machen können, doch beim Stande von 1:1 schoss Joachim Streich den entscheidenden Elfmeter weit über das Stralsunder Tor. So blieb es beim Unentschieden, und Wismut Aue konnte sich noch an Rostock vorbei auf den rettenden 12. Platz schieben. Hansa hingegen musste den bitteren Gang in die Zweitklassigkeit antreten und verlor noch dazu seinen besten Spieler, den damals 24-jährigen Nationalspieler Joachim Streich, weil ihn der Fußballverband zum 1.FC Magdeburg delegierte. Erzählt wurde aber, dass Streich damals gerne aus Rostock weg wollte, weil er lieber in einer Spitzenmannschaft und auch im Europapokal spielen wollte. Und deshalb, so munkelte man, habe er sich am Ende in Rostock nicht mehr richtig angestrengt und insbesondere den Elfmeter in Stralsund absichtlich über das Tor geschossen, damit Hansa absteigen und man ihn zu einer Spitzenmannschaft delegieren sollte.

Ein ungeheuerlicher Vorwurf, zu dessen Berechtigung ich nicht viel sagen kann, denn ich bin in dem besagten Spiel nicht dabei gewesen. Es war lange vor „meiner Zeit“, für einen 10-jährigen sind sieben Jahre zurückliegende Ereignisse natürlich eine Ewigkeit her. Noch dazu gab es keine Bilddokumente. Seinerzeit wurden bei „Sport aktuell“ im DDR-Fernsehen immer nur drei bis vier Oberliga-Spiele pro Spieltag gefilmt. Und die Hansa-Spiele wurden, zumindest gefühlt, extra selten übertragen, selbst wenn es brisante Duelle im Abstiegskampf waren… Aber es gab einen Zeitzeugen, der mir seinerzeit von den damals sieben Jahre zurückliegenden Ereignissen berichtete. Der Mann der Krankenschwester meiner Mutter war damals als Zuschauer im Stralsunder Stadion und erzählte mir – noch immer voller Empörung – davon, mit welcher Arroganz der junge Joachim Streich damals den Elfmeter über das Stralsunder Tor geschossen habe. Jeder, der dabei gewesen sei, habe gesehen, dass er es absichtlich getan habe.

Niemals haben die Hansa-Fans Streich diesen Abgang verziehen. Stets wurde er in den Jahren danach im Rostocker Ostsee-Stadion mit einem gellenden Pfeifkonzert empfangen, erst als Magdeburger Spieler, seit Mitte der Achtziger auch als Trainer. Aber dann muss irgendwann doch noch Gras über die Sache gewachsen sein, zumal es wohl inzwischen auch nicht mehr viele gibt, die sich noch an diese lange zurückliegenden Geschichten erinnern können. Vorige Woche legte die Hansa-Mannschaft bei ihrem Zweitligaspiel eine Schweigeminute für den verstorbenen Joachim Streich ein. Der Club gab eine Erklärung ab, in der er Streich als hervorragenden Sportsmann und besonders für seine immer sehr ehrliche und direkte Art würdigte. Nun ja, er hatte eigentlich immer den Ruf, ein Schlitzohr zu sein. Er galt als ausgesprochen lauffaul und soll nie besonders fleißig trainiert haben. Das hatte er aber auch nicht nötig, denn als „genialer Knipser“ stand er instinktiv immer genau am richtigen Ort, um die Bälle gnadenlos in die Maschen zu ballern. Aus heutiger Sicht geradezu schockierend ist, dass Streich in all den Jahren ein starker Raucher gewesen sein soll. Sein Nationalmannschafts-Kollege Lutz Lindemann aus Jena erzählte in einem Interview, dass er damals immer mit Streich das Hotel-ZImmer geteilt habe und Streich jeden Morgen als Erster ins Bad gegangen sei, um erstmal eine zu rauchen. Das sei zwar ziemlich scheußlich gewesen, so Lindemann, aber Streich sei nun einmal der weitaus bessere Spieler gewesen…

Nach der Wende hat Streich allerdings eher wechselvolle Jahre erlebt. Wie auch sein Kollege Dixie Dörner konnte sich Streich als Trainer im Westen nicht durchsetzen. Nachdem er Magdeburg, das seine erste Trainerstation war, bis Ende der Achtziger auf einen beachtlichen dritten Platz geführt hatte, wurde er bei seiner ersten Trainer-Stelle im Westen bei Eintracht Braunschweig bereits nach einem halben Jahr wegen Erfolglosigkeit gefeuert. Besser lief es dann ein paar Jahre später als Trainer beim Zweitligisten FSV Zwickau, den Streich nach holprigem Saisonverlauf mit einem kolossalen Endspurt noch zum vielumjubelten Klassenerhalt führte. Danach aber trat er völlig überraschend zurück und erklärte, von nun an niemals mehr als Fußball-Trainer arbeiten zu wollen. Er habe während der Saison nämlich Morddrohungen erhalten. So etwas wolle er sich in Zukunft nicht mehr antun. Und fortan arbeitete er bis zur Rente als einfacher Verkäufer in einem Sportgeschäft.

Selbst so ein Großer, so sehe das zumindest ich als Küchenpsychologe, ist offenbar ganz massiv DDR-geschädigt. Und dies gilt genauso für seinen Kollegen Dixie Dörner und für viele andere auch, im Fußball so wie in vielen anderen Lebensbereichen. Sie alle sind nach der Wende einfach nicht mehr richtig klargekommen, konnten sich nicht umstellen auf das freie Spiel der Kräfte in der Marktwirtschaft. Oder sollte man lieber sagen, sie hatten im Westen keine Lobby, keine Netzwerke, die sie unterstützt haben? Kann alles sein. Mir jedenfalls ist Joachim Streich, seit er in den Neunzigern so unerwartet dünnheutig reagiert hat, fast schon sympathisch geworden. Er, der früher immer so eiskalt und abgezockt gewesen ist, hat sich als zu sensibel fürs gesamtdeutsche Trainergeschäft erwiesen. Einmal hat er sich vor ein paar Jahren noch in einem Interview zu seinem Abgang aus Rostock erklärt. Er habe den Elfmeter damals in Stralsund natürlich nicht mit Absicht über das Tor geschossen, und Inzwischen habe man ihm in Rostock auch alles verziehen. Ja, so ist es wohl. Und das ist auch gut und richtig so.

Dein Johannes

Veröffentlicht von on Apr 25th, 2022 und gespeichert unter JOHANNES, LIEBES TAGEBUCH. Sie können die Kommentare zu diesem Beitrag via RSS verfolgen RSS 2.0. Gehen Sie bis zum Ende des Beitrges und hinterlassen Sie einen Kommentar. Pings sind zur Zeit nicht erlaubt.

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