Das ganze Leben ist ein Spiel (1)

Geheime Aufzeichnungen eines Volljuristen

Liebes Tagebuch,

wohl selten hat ein Diktum eines klassischen Literaten so ins Schwarze getroffen, wie die Bemerkung Friedrich Schillers, dass der Mensch erst da ganz Mensch sei, wo er spiele. Unzählige Menschen daddeln in ihrer freien Zeit, zumeist am Handy oder am Computer, vor sich hin. Besonders interessant ist es aber, sich jene Menschen näher anzusehen, die genau das nicht machen, die also scheinbar allem Spielerischen abgeneigt sind. Ja, es gibt wohl tatsächlcih einige unter ihnen, die daran wirklich nicht interessiert sind, aber es dürften nur relativ wenige sein. Schaut man nämlich genauer hin, dann erkennt man nur allzu oft, dass die vorgeblichen Nichtspieler in ihrem Leben bereits regelmäßig Dinge tun, die ein starkes spielerisches Element in sich tragen. Wer etwa ein Unternehmen führt, das im regionalen, nationalen oder internationalen Wettbewerb um Marktanteile steht, wer sich als kleiner Freiberufler oder Solo-Selbständiger im oft widrigen Marktumfeld zu behaupten hat, der braucht kein „Mensch ärgere dich nicht“ oder „Monopoli“ mehr, um Vergleichbares zu simulieren. Entsprechendes gilt für diejenigen, die ihr Immobilien-Portfolio und/oder ihr Aktiendepot managen.

Die Spielenden suchen vermutlich genau das: eine Aufgabe, eine Herausforderung, die bei günstigem Verlauf ein Erfolgserlebnis mit sich bringt. Doch darf es auch nicht zu einfach sein. Man muss sich schon anstrengen müssen und Wiederstände zu überwinden haben. Etwas Spannung und Nervenkitzel dürfen ebenfalls gerne dabeisein. Demnach haben besonders Menschen im Angestelltenverhältnis mit grundsoliden, sicheren, aber eben oft auch eintönigen und wenig aufregenden Jobs etwas zu kompensieren. Vergleichbares gilt für Grundsicherungs-Empfänger oder Rentner. Das Spiel ist dann wahrscheinlch ihr Substitut fürs nichtgelebte existentiell-aufregende Leben – so wie man womöglich auch die Fußball-WM als ein Substitut für den gottlob bislang abgewendeten nächsten Weltkrieg betrachten könnte…

Dein Johannes

Veröffentlicht von on Juni 29th, 2026 und gespeichert unter JOHANNES, LIEBES TAGEBUCH. Sie können die Kommentare zu diesem Beitrag via RSS verfolgen RSS 2.0. Gehen Sie bis zum Ende des Beitrges und hinterlassen Sie einen Kommentar. Pings sind zur Zeit nicht erlaubt.

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