War Ulf Poschardt ein Popper?

Der Ex-Springer-Journalist bringt mit „Bückbürgertum“ den zweiten Teil einer Trilogie

Matthias Wiemers

Ulf Poschhardt ist ein streitbarer Journalist und traut sich schon länger was (bei Jan Fleischauer konnte ich mal lesen, dass die beiden befreundet sind und Poschardt bekennender Porschefahrer sei – wozu er auch ein Buch veröffentlicht hat). Er hat im letzten Jahr ein Buch mit dem Titel „Shitbürgertum“ veröffentlicht, das ich nicht kenne und das zuerst im Selbstverlag veröffentlicht wurde und dann zu Westend in Neu-Isenburg wechselte, wo auch „Bückbürgertum“ erschienen ist. Während es in „Shitbürgertum“ nach den eigenen Angaben des Autors um die „kulturelle Dominanz“ und den „politischen Einfluss einer neuen Elite“ geht, die sich aus einem moralisch überheblichen Teil des Bürgertums speist, so ist der neue Band aus den Reaktionen auf das erste Buch entstanden, etwa bei Diskussionen nach Lesungen.
Poschardt unterscheidet innerhalb des Bürgertums „zwei Arten der Gebücktheit: den strategisch sich bückenden Bückbürger, der es sich eigentlich leisten könnte, den Rücken gerade zu halten, und jenes gebückte Bürgertum, dem schlicht die ökonomischen, physischen oder auch mentalen Kraftreserven fehlen, um sich aufzurichten gegen die – ohne jede Überzeugung vollzogene – Anpassung an das Falsche“ (S. 13). Dieses Bückbürgertum habe dem Shitbürgertum Staat, Gesellschaft und Kultur kampflos überlassen (vermutlich genau umgekehrt).
Die „soziale Ursprungsfigur von Shitbürgertum und Bückbürgertum sei der Untertan (S. 15). Das Bückbürgertum wird für strategisch dumm erklärt, festgemacht am Beispiel der Brandmauer, und der Autor findet für die beiden letzten Unionskanzler deutliche Worte, die ich hier nicht wiedergeben will, weil ich mich nicht mit einer Staatsanwaltschaft darüber streiten will, ob Anführungszeichen als Distanzierung wohl ausreichend sind.
Der Band – im handlichen Format, das dadurch genug Seiten gewinnt, um von sich aus auf Tischplatte oder Regalbrett stehen zu können – ist in drei Kapitel unterteilt, wo zu Beginn die ersten Bückübungen geschildert werden („A. Gebeugt von der Niederlage. Die ersten Bückübungen aus Bequemlichkeit und Modernitätsglauben“).
Hier nur ein kurzes Schlaglicht auf Wolfgang Borchert: „Mit Borchert starb auch ein Vertreter des moralisch und intellektuell ungebückten Deutschen, dem Würde als verkörperlichte Haltung auch in tiefer Not nicht geraubt werden konnte. (…) Ihm fehlte der zumindest in Teilen verlogene Hochmut der Gruppe 47, die sich trotz der Nazikarrieren vieler ihrer Mitglieder 1947 wieder selbst ermächtigte – stolz emporgereckt, das Blut an den eigenen Händen abgewaschen und verdrängt“ (S. 26. Der Rezensent erinnert sich noch mit großer Freude an das Günter Grass-Cartoon auf der ersten Seite der FAZ, nachdem dieser seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS sehr spät eingeräumt hatte – wäre dies heute noch denkbar?).
Als Katholik möchte ich nur noch die treffende Umschreibung der Anfänge des Niedergangs der Kirchen erwähnen („Gebückte Christen: die Anfänge“, s. 72 ff.). Hier werden insbesondere die Folgen des II. Vatikanums beschrieben, nebst dem zutreffenden Skeptizismus des katholischen Kanzlers Konrad Adenauer. Nur ein Ausschnitt: „Der Protestantismus als Säkularisierungsavantgarde wurde vom Katholizismus in sicherem Abstand nachgeahmt, stets mit etwa zwanzig bis dreißig Jahren Verzögerung. Doch gerade am Protestantismus ließ sich studieren, wie sich diese Zeitgeistfrömmigkeit zur kulturellen Dominanz entwickelt – und wie unvorbereitet das konservative Kirchenvolk darauf reagierte – sei es passiv oder konsterniert“ (S. 76 f.). Von einem aus dem Linksprotestantismus stammenden Autor lasse ich mir dies gerne sagen (während ich mir normalerweise von irgendeiner Luthertrine, die vermutlich längst aus ihrem Verein ausgetreten ist, nicht sagen lasse, wie sich der Papst zu verhalten hat und ob katholische Priester heiraten sollten oder nicht).
Sinnvollerweise handelt das zweite Kapitel von 1968 und den Folgen („Die Kapitulation beginnt: Der Schock von 1968 und seine Folgen“, S. 85 ff.).
Hier werden die Fäden aus dem ersten Kapitel weitergesponnen und aktualisiert, ergänzt. Interessant hier etwa die Schilderung des Zusammenwirkens von Intellektuellen und öffentlich-rechtlichem Rundfunk und „shitbürgerlichen Einpeitschern“ bei der „Stoppt-Strauß-Kampagne“ um die Bundestagswahl 1980. Nicht ganz unzutreffend stellt Poschardt fest: „Schmidt gab den Intellektuellen, der Strauß in Wahrheit war“ (S. 106). Strauß ist für Poschardt ein „Fightbürger“ (S. 107 und öfter), und er schildert die „mutlose Selbstaufgabe“ dessen, was als „geistig-moralische Wende“ nach 1982 gestartet wurde. Auch Kohl war für Poschardt ein „Fightbürger“, was er u. a. an der berühmten Szene aus dem Wahlkampf 1991 in Halle festmacht, als sich der Kanzler beinahe einen linken Eierwerfer gegriffen hätte – wäre dieser nicht von BKA-Beamten beschützt worden (S. 112 f.).
Eine wichtige Zwischenetappe zu dem, was später unter Merkel geschah, war wohl die Bildung der „Pizza-Connection“ zwischen schwarzen und grünen Neu-Parlamentariern des Jahrgangs 1994, die von Poschardt ebenfalls geschildert wird (S. 113 ff.).
Hierzu ein Zitat: „Die Pizza-Connection war eben auch eine Ästhetik des Vorscheins, ein Vorausblick auf jene Zeit, in der die shitbürgerlichen Truppen die kulturelle Dominanz vollendeten und die bückbürgerlichen Truppen nach der weltgeschichtlichen Lappalie einer Atom-Havarie in Japan eine ihrer ältesten Machtbastionen räumten. 2011 war jener Moment, in dem dreißig Jahre grüner Heidegger-Technikfeindlichkeit den Boden für einen realpolitischen Salto mortale der Bürgerlichen bereitet hatten: den kopflosen, übereilten und in der Konsequenz selbstzerstörerischen Ausstieg aus der Atomkraft“ (S. 118). Man muss selbst kein Freund der Atomenergie sein, um dies voll unterschreiben zu können.
Das Amt des Kulturstaatsministers bezeichnet Poschardt nebenbei treffend als „Kulturkampf-Administration“ (S. 120), und man möchte hinzufügen, dass jede konservativ geführte Bundesregierung genau überlegen muss, wen sie auf diesen Posten setzt – wenn sie denn zu schwach ist, diesen Posten mit den vielen kleinen Pöstchen dabei ersatzlos zu streichen. Mehr setzt sich Poschardt mit der Bundeszentrale für politische Bildung auseinander – und findet auch hier treffende Worte der Beschreibung („Bollwerk des Shitbürgertums“, S. 121). Gleiches gilt für die folgende Beschreibung der Debatte um die Leitkultur und Arnulf Barings („Fightbürger“!) Essay „Bürger auf die Barrikaren“ von 2002.
Zutreffend wird auch Gerhard Schröder mit seinen Reformen beschrieben, die – ebenfalls zutreffend – nur als „Minimalreformen“ oder „Mini-Reformen“ (S. 129, 138) bezeichnet werden (in Wahrheit eigentlich nur das sog. „Hartz IV“, das seither weitgehend verwässert wurde).
Das dritte Kapitel umfasst rund 200 Seiten und sagt in der Überschrift schon viel: „C. Der Siegeszug des Bückbürgertums: von Merkel bis Merz, von EKD bis ZDK, von FAZ bis BDA“. Hier ein Satz aus dem Prolog des Kapitels: „Die shitbürgerliche Umwertung aller Werte findet ihre semantische Krönung darin, die bückbürgerliche Unterwerfung unter den linken Moralismus zum Zeigen von Rückgrat umzudeuten“ (S. 147). Hier wird mit der Merkel-Zeit so richtig schön abgerechnet (einschließlich ihrer Autobiographie), auf Details kann ich nicht eingehen. Treffend ist etwa die Beschreibung der bekannten TV-Szene von 2005, als Schröder seine Niederlage nicht einsehen wollte: „ Schröder selbst – und nur er – hat Merkel, die politisch Todgeweihte, an diesem Abend zur Kanzlerin gemacht“ (S. 153). Richtig auch: „Der Zusammenbruch tragender Fundamente bürgerliche Politik vollzog sich in nicht einmal zehn Jahren. Und zwar in drei Etappen. 2011 mit dem Atomausstieg, 2015 mit der Flüchtlingspolitik und 2020 mit dem Corona-Regime“ (S. 159).
Hier finden wir auch etwas zu Stil und Stilgeschichte – und müssen die Überschrift dieses Textes hier erklären. Denn Poschardt beschreibt auch die „Popper“, die um 1980 aufkamen und die sich als neokonservative Elite verstanden hätten und dafür von den nach 1968 an die Macht gelangten linksliberalen Milieus abgestraft worden seien (S. 181 ff.). Ich glaube, er meint sich selbst.
Sehr einfühlsam – und wollen wir es bei der Überschrift belassen – : „Der weiße Turnschuh: die bürgerliche Angst, unmodern und unlocker zu sein“ (S. 185). Man könnte dies durchaus ergänzen um die peinliche Attitüde etwa leitender Angestellter, die von anderen dafür bezahlt werden, dass sie sich um ihre Angelegenheiten kümmern, ständig ohne Krawatte herumzulaufen und sich damit – vermeintlich – locker zu geben – wie überhaupt das unreflektierte Nachplappern von Chiffren wie „Digitalisierung“ und (neuerdings) “KI“.
Im Rahmen der Darstellung der „gebückten Medien“ findet sich auch ein kleiner Abschnitt über den gebückten Poschardt, der schildert, wie er von Peter Sloterdijk 2022 zum Umdenken angesichts der Corona-Pandemie angeregt wurde – nachdem er etwa 2015 noch den Bückbürgern journalistisch auf den Leim ging (S. S. 218 ff., 223).
Als Jurist will ich noch kurz auf den Abschnitt über die Konstitutionalisierung der Politik eingehen (S. 243 ff.), wo Poschardt die Zuweisung politischer Fragen an das BVerfG zurecht kritisiert, und sodann auch auf ein einzelnes Entscheidungsverhalten. Seine Kritik am Klimabeschluss von 2021 teilen viele (und es ist auch bekannt, wer hier Berichterstatterin war), aber man kann das auch so lesen, dass hier – ähnlich wie es seit Jahrzehnten im Arbeitsrecht mit dem BAG geschieht – das BVerfG bei Versagen anderer Staatsorgane eingesprungen ist, nachdem sich die Bundesrepublik nun einmal international zu bestimmten Klimazielen verpflichtet hatte. Im Hinblick auf die Zurückhaltung des Gerichts in Sachen „Corona“ kann man ihm nur zustimmen. Denn bei deutlicher Intervention des BVerfG wäre es dem politischen Mainstream weniger leicht möglich, Kritiker gleich als „Coronaleugner“ o. ä. abzustempeln und sie in eine Ecke zu drängen. In Corona hat sich die deutsche Untertanenmentalität nur auf das Deutlichste gezeigt.
Es folgen noch zahlreiche interessante Beobachtungen, die der Rezensent ebenfalls bereits machen durfte. Aber lassen wir es dabei. Manch eine Zuschreibung mag nicht vollständig nachzuvollziehen sein, aber der Band ist flüssig geschrieben und das sieht man ihm auch an. Er weckt vor allem Interesse auf die angekündigten Ausführungen zum „Fightbürgertum“. Wie schon an den selbstkritischen Bemerkungen des Autors deutlich wird, sind wir Menschen nicht immer gleich, aber es gibt eben Tendenzen, für die sich Ulf Poschardt als kundiger Beobachter erwiesen hat.
Bei Springer ist er inzwischen aus einer leitenden Stellung in die des freien Mitarbeiters gewechselt – möglicherweise, weil er damit mehr Beinfreiheit gewinnt. Und die wird er auch künftig brauchen.
Es ist erfreulich, welch großer Zahl ungebeugter Intellektueller sich der Autor bedient, die er zusammenfassend in seinen Dankesworten am Ende aufzählt und von denen einige im Fließtext mit Fußnoten platziert wurden, wo der Autor auf deren Gedanken zurückgreift. Zwar hätte man sich manchmal ein Literaturverzeichnis und durchgehend Fußnoten gewünscht, aber das hätte den Schreibfluss vermutlich allzusehr beschränkt. Umso redlicher ist es, dass hier Einzelnen konkret für ihre Ideen gedankt wird („Spitzenreiter“ ist insoweit der Journalist Thomas Schmid, der ursprünglich von links kam und bei Springer landete – zu ihm besonders S. 87 f.).
Auffällig sind die zahlreichen Druckfehler, wo vereinzelt ganze Wörter fehlen (Die Überschrift „Bückenförde“ auf S. 144 werte ich ebenfalls als Druckfehler – auch wenn man nie wissen kann…).

Ulf Poschadrt
Bückbürgertum
Westend Verlag, 2026
352 Seiten; 27,00 Euro
ISBN: 9783987913709

Veröffentlicht von on Juli 20th, 2026 und gespeichert unter BESPRECHUNGEN, LITERATUR. Sie können die Kommentare zu diesem Beitrag via RSS verfolgen RSS 2.0. Gehen Sie bis zum Ende des Beitrges und hinterlassen Sie einen Kommentar. Pings sind zur Zeit nicht erlaubt.

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