Geheime Aufzeichnungen eines Volljuristen
Liebes Tagebuch,
der Fottschritt ist, wie ein berühmter deutscher Literat einmal treffend bemerkt hat, eine Schnecke. Na gut, das an sich ist noch nicht weiter schlimm. Damit könnte man leben, wenn man nur die nötige Geduld aufbringt, auf die Segnungen des Fortschritts so lange warten zu können, wie es eben nötig ist. Viel beunruhigender aber ist es, wenn man angesichts der politischen Weltläufe gerade den Eindruck gewinnt, dass sich zur Zeit sehr vieles genau in die falsche Richtung bewegt. Ist der Fortschritt, so gesehen, nicht vielmehr ein Krebs, der bei Gefahr rückwärts läuft und sonst meistens seitwärts und nur ganz ausnahmsweise mal vorwärts?
Man muss da natürlich differenzieren. Wie wir es als Juristen gelernt haben: Es kommt darauf an. Betrachtet man z.B. nur die Entwicklung von Wissenschaft und insbesondere Technik, dann ist der Fortschritt aktuell wohl eher ein Wanderfalke, der blitzschnell voranschreitet und dabei gleichzeitig auch noch seine Opfer um die Ecke bringt. Auch als Gepard könnte man den technischen Fortschritt aus ähnlichen Gründen bezeichnen. Sieht man hingegen auf die globale Weltordnung und insbesondere auf die Rechtsordnung, dann gleicht der Fortschritt allerdings eher einem Ameisenlöwen. Der ist das bekannteste Landtier, das fast ausschließlich rückwärts läuft. Allerdings ist der Ameisenlöwe nur eine winzig kleine Larve, die für den Menschen vollkommen ungefährlich ist, was man vom Verfall unserer globalen Welt- und insbesondere Rechtsordnung, der sich vor unseren Augen vollzieht, sicherlich nicht sagen kann.
Doch zumindest punktuell gibt es in der Gegenwart auch kulturelle Fortschritte, von denen frühere Generationen nur träumen konnten. Dass es jedenfalls hierzulande heute für Männer völlig inakzeptabel geworden ist, Frauen zu belästigen, gehört sicherlich dazu. Gleiches gilt für die vor ein paar Jahren eingeführte Lebensmittelampel, die ein wahres Wunderwerk der öffentlichen Vernunft darstellt und dabei zeigt, dass Regulierung nicht immer schlecht sein muss. (Manchmal ist Regulierung auch sehr schlecht, aber das ist ein anderes Thema…) Dank der Lebensmittelampel sieht jeder Konsument auf den ersten Blick, was er sich da Gesundes oder Ungesundes in den Einkaufswagen legt. Niemand kann sich heute noch ohne schlechtes Gewissen Bockwurst, Cola, Kekse oder Bonbons kaufen, denn die vernichtende „Lebensmittelampel E“ zeigt ohne Wenn und Aber, dass man sich von solchen Dingen nicht ernähren sollte, sondern sich mit ihnen höchstens umbringen kann. Dagegen sind Tofu, Kefir, Rote Bete und selbst Dosentomaten erstklassige Superfoods, wie uns ihre „Lebensmittelampel A“ unmissverständlich verrät. Ein positiver Nebenaspekt der Lebensmittelampel ist es übrigens auch, dass bislang als eher ungesund geltende Fertiggerichte nun weniger Salz und Fett als früher enthalten, damit sie eine bessere Lebensmittelampel bekommen sollen (immerhin oftmals B oder C), ohne die sie inzwischen wohl kaum noch gekauft würden. Wenn das kein signifikanter Fortschritt ist!
Nur leider gibt es solche Informations- und Warnampeln noch nicht für politische Parteien und ihre Kandidaten. Die Bundeszentrale für Politische Bildung (eine weltweit beinahe einzigartige und wirklich ausgezeichnete Institution in unserem Land) sollte dazu ermächtigt werden, bei Wahlen auf den Stimmzetteln neben den betreffenden Parteien und Namen jeweils nach gewissenhafter Prüfung durch ein Gremium aus Wirtschaftsweisen, Ethik-Rat und Verfassungsschutz solche Hinweise anzubringen. Denn wie sich kaum ein Konsument die Mühe macht, beim Einkauf die kleingedruckte Zutatenliste zu studieren, aber sehr wohl empfänglich ist für platte Werbebotschaften einserseits und Lebensmittelampeln andererseits, so dürften auch nur die wenigsten Wähler vor ihrer Wahlenscheidung die betreffenden Parteiprogramme gelesen haben. Hier würden ein großes E neben der blauen Alternative und den Wagenknechten oder ein großes D neben der Linkspartei vielleicht schon Wunder wirken. Und d a s wäre doch wirklich mal ein Fortschritt!
Dein Johannes
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