Reise in die Vergangenheit
Recht cineastisch, Teil 51: „Vaterland“ von Pawel Pawlikowski
Juyeon Han
„Vaterland“ von Paweł Pawlikowski ist ein Roadmovie über Thomas Manns Rückkehr nach Deutschland im Jahr 1949. Der polnische Regisseur, bekannt durch Ida und Cold War, verbindet dabei persönliche Erinnerungen mit der deutschen Geschichte. Schon der Titel ist vieldeutig. „Vaterland“ ist das Land des Vaters – und der Film erzählt Deutschland zugleich aus der Perspektive von Erika Mann, der Tochter Thomas Manns.
1949, vier Jahre nach dem Ende des Krieges: Thomas Mann kehrt nach Deutschland zurück, nachdem er viele Jahre im Exil gelebt hat. Er besucht Frankfurt und Weimar, um dort anlässlich Goethes 200. Geburtstags den Goethepreis entgegenzunehmen. Erika begleitet ihren Vater und übernimmt dabei die Rolle der Sekretärin, Dolmetscherin und Chauffeurin. Doch während der offiziellen Veranstaltungen richtet sich ihr Blick immer wieder ins Publikum. Sie hält vergeblich Ausschau nach ihrem Bruder Klaus.
So wird aus der Reise eines berühmten Schriftstellers allmählich auch eine Reise in die deutsche Vergangenheit. In den westdeutschen Empfängen und Gesprächen drängt sich die Frage auf: Ist der Nationalsozialismus wirklich vorbei? Der Krieg ist beendet, aber sind damit auch die Menschen und Denkweisen dieser Zeit verschwunden? Im Osten Deutschlands werden Thomas Mann und Erika von sowjetischen Funktionären empfangen. Kinder singen die Nationalhymne der DDR, bei einem Abendessen erklingt russischer Chorgesang. Die beiden deutschen Staaten (bzw. ihre unmittelbaren Vorläufer) könnten kaum unterschiedlicher wirken. Und doch versuchen beide Seiten, Thomas Mann für ihre eigene kulturelle Legitimation zu gewinnen.
Der Film ist dabei keineswegs nur düster. Immer wieder blitzt Humor auf. Darunter aber liegt eine tiefe Melancholie. In den kontrastreichen Schwarz-Weiß-Bildern ziehen zerstörte Straßen und Gebäude vorbei. Ein schwarzes Auto fährt durch die Ruinen. Vater und Tochter sind in das Land zurückgekehrt, das sie einst verlassen haben – und doch ist es ihnen fremd geworden. Als die Nachricht vom Tod Klaus Manns die Familie erreicht, wird Erikas Trauer immer deutlicher. Sie verlässt eine offizielle Veranstaltung und irrt durch einen verwahrlosten Park. Die dort stehenden Figuren aus der griechisch-römischen Antike wirken nicht mehr schön und harmonisch, sondern dunkel und beinahe unheimlich.
Wo ist die Welt des Humanismus geblieben, die Goethe einst verkörperte? Und kann Deutschland zu ihr zurückfinden? Gerade darin liegt die Stärke des Films: Er erzählt nicht nur von einem Land nach dem Krieg, sondern auch von der Schwierigkeit, mit einer Vergangenheit weiterzuleben, die nicht einfach vergangen ist. „Vaterland“ ist ein poetischer Film voller Symbole. Die klaren Linien und starken Kontraste der Schwarz-Weiß-Bilder holen die Vergangenheit in die Gegenwart. Zugleich wirkt die sorgfältig komponierte Welt manchmal fast künstlich – wie eine Erinnerung, die man verzweifelt festzuhalten versucht. Pawlikowski verbindet dabei historische Ereignisse mit einer Familiengeschichte. Die Beziehung zwischen Thomas und Erika Mann rückt ins Zentrum. So werden die Wunden eines Landes und die Wunden einer Familie miteinander verbunden.
Am Ende hält das Auto auf dem Weg zurück nach Westen an. Vater und Tochter betreten eine fast verfallene Kirche. Eine Orgel erklingt: Bachs „Jesus bleibet meine Freude“. Der Krieg ist vorbei, aber die Wunden sind es nicht. Eine Rückkehr nach Hause bringt das Verlorene nicht zurück. Und auch die Erinnerung kann die Trauer nicht einfach auflösen. Und trotzdem erklingt die Musik. Woher kommt also der Trost über die Trauer?
Vaterland
Deutschland/Polen/Italien/Frankreich 2026
82 min / FSK: 0
Regie: Pawel Pawlikowski
Drehbuch: Paweł Pawlikowski, Henk Handloegten
Darsteller: Hanns Zischler (Thomas Mann), Sandra Hüller (Erika Mann), August Diehl (Klaus Mann), Devid Striesow (Johannes R. Becher) u.v.a.
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