Mariano Barbato erklärt uns die Machtpolitik der Päpste
Matthias Wiemers
„Wie viele Divisionen hat der Papst?“ So oder ähnlich lautet die Frage Josef Stalins. Mariano Barbato, Professor für Politikwissenschaft in Budapest und Passau, versucht zu Beginn seines Werks, diese Frage historisch zu lokalisieren. Es ist jedenfalls eine Überlieferung von Winston Churchill, der bekanntlich schreiben konnte.
Sodann beginnt der Band mit rund 100 Seiten Theorie. Zunächst wird die Basis päpstlicher Macht dargelegt, was also die Legionen des Papstes sein mögen, sodann wird die Institution des Heiligen Stuhls beschrieben, lernt man ihn von der Vatikanstadt und dem Papst als Diözesanbischof unterscheiden, wird untersucht, wie die Päpste die Massen der Gläubigen mobilisieren können und wird der Typus des Prophetenpapstes beschrieben. Wir lernen auch, dass die Päpste vor allem aus Oberitalien stammen und dass die Machtquellen der Kirche historisch aus dem topographischen Dreieck Rom, Wien und Paris stammen. Gut 250 Seiten befassen sich sodann mit den Päpsten seit dem späten 19. Jahrhundert, denen jeweils ein bezeichnender Name zugeordnet wird, beginnend mit Leo XIII („Der Stratege“), über Pius X. („Der Hirte“), Benedikt XV. („Der Diplomat“), Pius XI. („Der Staatsgründer“), Pius XII. („Der Pontifex“), Johannes XIII. („Der Bruder“), Paul VI. („Der Architekt“), Johannes Paul I. („Die Projektionsfläche“), Johannes Paul II. („Der Revolutionär“), Benedikt XVI. („Der Priester“), Franziskus („Der Politiker“) und Leo XIV („Der Amerikaner“). Die Zuschreibungen können, wenn man sie zunächst im Inhaltsverzeichnis liest, als Thesen gelesen werden, und Barbato gelingt es jeweils, sie in den ca. 15-20 Seiten, die er jeder einzelnen Person widmet, plausibel zu machen. Das Buch ist Kirchengeschichte in Kurzform, die es allerdings ermöglicht, Legenden und Vorurteile gegenüber den einzelnen Nachfolgern des Petrus abzubauen und ihr Handeln verständlich zu machen. Die Namensidentität des aktuellen Papstes aus Chicago mit Leo XIII., der mit der Sozialenzyklika „Rerum Novarum“ 1891 die Grundlage für die katholische Soziallehre in Auseinandersetzung mit den sozialen Problemen der Industrialisierung legte, bot in der Tat eine Gelegenheit, ein in sich schlüssiges Werk über die Päpste zu schreiben, die sich mit den Gesellschaften der Staaten in der Welt und den staatlichen Organisationen, die ihnen gegenüberstanden, auseinandersetzen mussten, ohne dass sie noch unhinterfragt auf überkommene Herrschaftsinstitutionen zurückgreifen mussten, mit anderen Worten: ein Werk über die Päpste im Zeitalter der Massen.
Die Einzelportraits beginnen meistens mit der Schilderung der Wahl, wobei das Geheimnis des Konklaves natürlich nur bedingt gelüftet werden kann. Was aber herauszufinden war, hat Barbato vermutlich herausgefunden. Die Einzelportraits lassen sich jeweils einzeln oder auch durchgehend lesen, und es gelingt, das eigene Wissen über die historisch-politische Rolle der Päpste zu ergänzen und auch gelegentlich zu hinterfragen. Den Leser erwarten Darstellungen von hoher Dichte.
Der Jurist – bekanntlich können Juristen ja irgendwie alles – muss neidlos anerkennen, dass Politologen doch über Fähigkeiten verfügen, die den Umgang mit und die Ausübung von Macht analysieren und beschreiben können. Das kann von uns nicht jeder (und wenn sie es können, wie der auch hier unvermeidliche Carl Schmitt, dann sind sie mitunter nicht wohlgelitten. Das Politische hat für Juristen oftmals keinen guten Klang).
Fazit: Ein großartiges Kompendium und ein Werk, das sich anhand des noch jungen Pontifikats des jüngsten „Leo“ auch der Begegnung mit der Wirklichkeit stellen muss.
Mariano Barbato
Die Legionen des Papstes. Machtpolitik von Leo XIII. bis Leo XIV
Campus Verlag 2026
394 S., 39,00 Euro
ISBN: 978-3-593-52199-2
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