Trotzdem meine Mutter

Recht cineastisch, Teil 49: „Amrum“ von Fatih Akin

Juyeon Han

Jeder Mensch trägt besondere Erinnerungen aus seiner Kindheit in sich. Amrum, der neue Film von Fatih Akin, bringt eine zutiefst persönliche Geschichte einer realen Person auf die Leinwand. Im Zentrum steht Hark Bohm, in Deutschland ein bekannter Regisseur und Vertreter des Neuen Deutschen Films, jener Bewegung, aus der auch Fassbinder, Wim Wenders oder Volker Schlöndorff hervorgingen. Bohm war Professor an der Hamburger Hochschule für bildende Künste, Mentor und enger Freund von Fatih Akin. Bereits zuvor hatten die beiden zusammengearbeitet, auch diesmal schrieben sie das Drehbuch gemeinsam. Einen Monat nach dem Kinostart des Films verstarb Hark Bohm im Alter von 86 Jahren. Sein Film Nordsee ist Mordsee (1976), der von marginalisierten Jugendlichen und Außenseitern erzählt, gilt bis heute als deutscher Kultfilm.
Was geschieht, wenn die Eltern, die man als Kind am meisten liebt und denen man vertraut, glühende Anhänger des Nationalsozialismus sind? Der Protagonist des Films, ein etwa zehnjähriger Junge, lebt mit seiner hochschwangeren Mutter, seinen jüngeren Geschwistern und einer Tante zusammen. Der Vater ist an der Front. Die Handlung spielt kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Der Junge hilft bei der Feldarbeit, baut Kartoffeln an und trägt maßgeblich zur Ernährung der Familie bei.
Die Menschen, mit denen der Junge Umgang hat – Freunde ebenso wie Dorfbewohner –, stehen dem NS-Regime kritisch gegenüber. Auch die Tante scheint innerlich Distanz zu wahren. Die Mutter hingegen ist eine fanatische Hitler-Anhängerin. Mit der sich abzeichnenden Niederlage brechen Wut und Depression aus ihr hervor. Das Leiden der Mutter stürzt das Kind in innere Verwirrung und emotionale Zerrissenheit. Diese Unruhe kontrastiert stark mit der strengen, zurückhaltenden Mise-en-scène: menschenleere Inselnächte im Mondlicht, tagsüber der Junge allein zwischen Seevögeln, Schilf und weißem Sand. Daraus entsteht eine eigentümliche, leise Ergriffenheit. Ob das Kind ahnte, wie schön dieser Ort war?
Nach der Geburt leidet die Mutter an einer schweren Depression, isst kaum noch und erholt sich nicht. Als sie sagt, sie wolle nichts anderes essen als „Weißbrot mit Butter und Honig“, macht sich der Junge auf den Weg. Er streift durch die Umgebung, sucht Mehl und Zucker, spricht mit dem Bäcker und dem Imker. Viele Szenen folgen seinem Blick, seinem mühsamen, beinahe herzzerreißenden Kampf um Nahrung. Mit den zusammengesuchten Zutaten organisiert er schließlich das ersehnte Brot und bringt es der Mutter – doch ihre Reaktion bleibt kühl und gleichgültig.
Auch Konflikte mit Flüchtlingskindern aus Ostpreußen und Schlesien, die vor der heranrückenden Roten Armee geflohen sind, sowie Spannungen zwischen Mutter und Tante bilden wichtige Erzählstränge. Als der Junge von einem alten Mann aus dem Dorf ein dunkles Geheimnis über eine Frau auf einem Familienfoto neben dem Onkel erfährt, reagiert er mit Abwehr: „Lügen Sie nicht.“
Allmählich beginnt der Junge, die moralische Verkommenheit der Nazi-Anhänger zu erahnen. In einem Traum begegnet er seinem Onkel. „Was meine Eltern getan haben, ist doch nicht meine Schuld!“, ruft er ihm entgegen. Der Onkel antwortet: „Aber wenn ich dich sehe, kann ich nicht aufhören, an deine Eltern zu denken.“ Kaum ein Satz bringt die Situation der Deutschen, die mit dem Erbe des Nationalsozialismus geboren wurden, prägnanter auf den Punkt.
Hark Bohm war letztlich einer jener Vertreter der 68er-Generation, die sich mit der Elterngeneration nicht versöhnen konnten. Dass er zunächst – wie sein Vater – die erste juristische Staatsprüfung ablegte, sich dann aber bewusst dem Film zuwandte, spricht Bände. Amrum lässt sich auch als Spurensuche nach den inneren Konflikten dieser Generation lesen.
Besonders eindrucksvoll ist die letzte Szene: Der gealterte Hark Bohm steht an der Küste jenes Ortes, an dem er seine Kindheit verbrachte, und blickt zurück. In diesem Moment wird spürbar, dass wohl in jedem Erwachsenen ein solches Kind weiterlebt, und womöglich sieht man nun alte Menschen mit anderen Augen.

Amrum
Deutschland 2025
Regie: Fatih Akin
Drehbuch: Hark Bohm, Fatih Akin
Länge: 1h 33 min
FSK: 12
Darsteller: Jasper Billerbeck, Laura Tonke, Lisa Hagmeister, Kian Köppke, Diane Kruger, Detlev Buck, Matthias Schweighöfer u.v.a.

Veröffentlicht von on Jan. 5th, 2026 und gespeichert unter DRUM HERUM, RECHT CINEASTISCH. Sie können die Kommentare zu diesem Beitrag via RSS verfolgen RSS 2.0. Gehen Sie bis zum Ende des Beitrges und hinterlassen Sie einen Kommentar. Pings sind zur Zeit nicht erlaubt.

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