Hermann Simon bringt Fundstücke und Einsichten in einem Buch zusammen
Matthias Wiemers
Der Eifler Bauernsohn Hermann Simon (geboren 1947) hat es an der Universität nicht lange ausgehalten. Nach einem frühen Ruf als BWL-Professor an die Universität Bielefeld (1979 bis 1989) und einem weiteren Lehrstuhl in Mainz bis 1995 verließ er die Universität, nachdem er schon Jahre zuvor mit seinen beiden ersten Doktoranden die Managementberatung Simon Kucher gegründet hatte, die ihren Hauptsitz in Bonn hat und heute über 2000 Mitarbeiter an zahlreichen Standorten weltweit hat. Wer den Namen Hermann Simon nicht kennt, der hat vielleicht schon einmal etwas vom Begriff „Hidden Champions“ bzw. von den hierzu erschienenen Büchern gehört, weil es nämlich in Deutschland die meisten (mittelständischen) Unternehmen gibt, die in irgendeinem Teilmarkt Weltmarktführer sind – und zwar an den verschiedensten, meist als „Provinz“ bezeichneten Orten dieser Republik. „Hidden Champions“ sind gewissermaßen Simons Leidenschaft.
Hermann Simon hat über 40 Bücher geschrieben, darunter seine Autobiographie, aber nicht zuletzt hat er – auf seinen jahrzehntelangen Reisen weltweit – immer wieder neue Erkenntnisse gewonnen, die etwas mit Unternehmens-, aber auch mit Lebensführung zu tun haben. Diese Fundsachen hat er im letzten Jahr erstmals unter dem Titel „Simon sagt!“ zusammengefasst und in 23 Kapitel gegliedert, die der Murmann Verlag freundlicherweise für ihn publiziert.
Es fängt gleich an mit dem wichtigen Thema „Führung“: „Führung oder wie zielgerichtetes Verhalten im Team entsteht, warum Schwarmintelligenz kein Ersatz für Führung ist und warum sie ein mysteriöses Phänomen bleibt“. Gleich vorweg: mit dem dümmlichen Anglizismus der „Leadership“ hält sich Simon auch innerhalb des Kapitels nicht auf, er hat dies nicht nötig. Kleiner Auszug: „Die Gesellschaft erzeugt Manager auf dem ersten Wege, während auf dem zweiten Weg Führer entstehen.“ Wie alle Einteilungen in zwei Typen ist auch diese vereinfachend, dennoch dürfte sie einem entscheidenden Wesensmerkmal von Führerschaft nahekommen. Die wirklichen „Führer“, die ich kennenlernen durfte (es sind wenige, etwa Reinhard Mohn, Reinhold Würth oder Hans Riegel), gehören nie so richtig dazu, sie sind immer separiert. Das englische Wort „outstanding“ liefert diesbezüglich eine treffende Beschreibung des Phänomens“ (S. 13).
Kapitel 2: „Visionen und Prognosen sind das Salz in der Suppe oder warum die Vorstellung, wo das Unternehmen in fünf oder zehn Jahren stehen soll, entscheidend für die richtige Weichenstellung heute ist“
Kapitel 3: „Kommt Zeit, kommt Rat oder warum Entscheidungen so viel Energie verbrauchen und warum es klug ist, Ratgeber um sich zu haben, die nicht mit einem übereinstimmen“
Kapitel 4: „Persönlichkeiten meiden den Applaus der Masse und unterwerfen sich demütig ihren Selbstentfaltungslinien und Brüchen oder warum die folgende Liste die beeindruckendsten Menschen für mich umfasst“. Simon nennt hier die folgenden Persönlichkeiten: „Der Beitz vom Dorf“, „Otto Normalo Beisheim“, „Der fruchlose Louis Dreyfus“, „Der maßgeschneiderte Würth“, „Der gut gelaunte Dürr“, „Die Toscana-Fraktion“ (Dante, Leonarda da Vinci, Macciavelli, Michelanelo und Gallilei), Peter F. Drucker, Ernst Gembrich, Rolf Magener, Gerhard Neumann, Horst Albach (Simons akademischer Lehrer in Bonn), Teho Waigel, Bertrand Picard, Maria Adorf, Özlem Türeci und Ugur Sahin, Chang-gyu Hwang, Carl Hahn, Gerhard Cromme, Madeleine Albright, Rolf Breuer, Miky Lee und Philip Kotler.
Kapitel 5: Die verschlungenen Wege des Lebens oder über die Möglichkeit, das Spiel selbst entscheidend verändern zu können“
Kapitel 6: „Viele kreative Wege führen zu Innovationen oder warum das Neue mehr Zeit braucht und der Mut zur Lücke eher belohnt wird“
Kapitel 7: „Wie die Digitalisierung uns ermöglicht, unsere eigenen Denkprozesse besser zu verstehen und die Komplexitätsherausforderungen besser zu bewältigen“
Kapitel 8: „Warum die Zeit manchmal ewig dauert, gleichzeitig im Flug vergeht und wieso langfristig immer schneller bedeuten kann“ (Die subjektive Zeitmitte des Lebens soll bei 18 Jahren liegen, S. 119).
Kapitel 9: „Warum Globalia, Transatlantica und Afrika statt Nation, Hegemonie und Einfalt die großen Treiber im 21. Jahrhundert sein werden und Glaubwürdigkeit die Weltwährung sein wird“
Kapitel 10: „Was aus dem Sehnsuchtsort Amerika werden wird, in dem die Bewohner jährlich durchschnittlich 25 Kilo Pommes Frites essen und seit 1960 elf Kilo Gewicht pro Nase zugelegt haben?“
Kapitel 11: „Stadt-Land-Fluss oder die Renaissance des ländlichen Raums als Ort von Selbstbewusstheit und guten Geschäften, aber die Wiederentdeckung des Lokalen hat ihre Grenzen, kein Ort ist mehr unbekannt“
Kapitel 12: „Kutschen sind genauso schnell in Städten wie Autos: Om the road bezieht sich nicht nur auf das Höher, Schneller, Weiter, sondern auch auf das Abenteuer Leben, das uns oft am eigentlichen Ziel vorbeischlittern lässt und uns fortwährend Alternativen zeigt, ans Ziel zu gelangen“
Kapitel 13: „Warum Irrläufer das Salz in der Suppe sind, bisweilen sogar nützen und zu produktiven Irrfahrten anregen, weshalb jeder anerkennen sollte, dass die Welt immer auch anders sein kann (Kontingenzproblem)“
Kapitel 14: „Was Sie schon immer über die Wirtschaft wissen wollten oder die ewigen Täuschungsmanöver von Zahlen, Daten und Fakten und ihrer Macht, sich in unseren Urteilen, Meinungen und Überzeugungen festzusetzen“
Kapitel 15: „Warum das Unerklärliche zuletzt stirbt oder seltsame Zufälle rätselhafte Aufgaben stellen, die uns schleierhaft bleiben“
Kapitel 16: „Warum Weisheit mehr als die kumulative Anhäufung von Wissen ist, sondern eher die Fähigkeit, zuhören zu können, was wiederum auf die Qualität von Universität und Bildung verweist, dort lernen wir aber oft nicht das Wichtige, sondern nur das Austauschbare“
Kapitel 17: „Warum die Wissenschaften ihre Grenzen haben oder warum Grenzüberwindung die Wissenschaften braucht“
Kapitel 18: „Warum Unternehmer sein ein harter Job ist, aber der schönste der Welt – man hat keinen Chef über sich und lernt professionelle Demut, die etwa auch in der Nachfolgeregelung besonders hilfreich werden kann“
Kapitel 19: „Wie kluges Marketing funktioniert und warum das ewige Dilemma zwischen Preis und Wachstum die unternehmerische Herausforderung schlechthin ist“
Kapitel 20: „Warum der Kunde immer im Weg steht, permanent Kritik äußert und trotzdem umarmt werden muss oder warum Musiker einmal pro Woche im Zuschauerraum sitzen sollten“
Kapitel 21: „ Wie man den optimalen Preis errechnen kann, warum es nur wenige hinkriegen und weshalb Basarhändler noch immer die schlauesten Verkäufer der Welt sind“
Kapitel 22: „Warum der Preis sich im Wettbewerb bewähren muss oder warum der Begriff sich aus „Wette“ und „Bewerb“ zusammensetzt. Wette ist eine Abmachung über einen ungewissen Ausgang. Bewerb kommt vom mittelhochdeutschen „bewerp“ und bedeutet „sich messen“. Die Kriterien lauten: signifikant und auf Dauer besser sein sowie als besser wahrgenommen werden“
Kapitel 23: „Warum die besten Marken generationenübergreifend wirksam sind, ewig jung bleiben und höhere Preise durchsetzen können oder warum die ewige Weisheit gilt: Leute, die nicht kaufen wollen, kann niemand davon abhalten“
Für mich jedenfalls liegt es nahe, mir einmal die Autobiographie dieses interessanten Menschen zu besorgen.
Hermann Simon
Simon sagt. Was im Management wirklich zählt
Murmann Verlag, 2025
352 Seiten; 32,00 Euro
ISBN: 978-3-86774-845-2