Peter Sloterdijk als Staatsphilosoph in „Der Fürst und seine Erben“
Thomas Claer
Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Diese Erkenntis, die sich bei der Lektüre von Peter Sloterdijks neuem staatsphilosophischem Essay „Der Fürst und seine Erben. Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute“ über weite Strecken einstellt, ist zwar alles andere als beruhigend, hat aber immerhin etwas Tröstliches. Denn das Gefühl, dass einem angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen gerade der Boden alles Sichergeglaubten unter den Füßen weggezogen wird, das hatten auch schon frühere Generationen, zumindest immer mal wieder. Populismus? Hatte seine Urszene schon 1852, als sich Napoleon III. zum Kaiser von Frankreich ausrufen ließ. Ein „an die Macht gestolperter Megalopath“ (Sloterdijk) wie Trump an der Spitze der ältesten Demokratie der Neuzeit? Stehe in einer langen Reihe von egomanischen Figuren in der langen Perversionsgeschichte „verwilderter Vertikalität“.
Aber unsere jüngsten technischen Errungenschaften, die sind doch nun wirklich ganz neu, oder etwa nicht? Laut Sloterdijk ist Heideggers These, wonach nichts in der modernen Technik sei, was nicht zuvor schon in der Metaphysik gewesen sei, noch hinzuzufügen, es sei auch nichts in der Metaphysik, was nicht schon vorher in der Magie gewesen war. Erst so lasse sich „Technik wirklich angemessen verstehen – nämlich als rationalisierte, operationalisierte, erfolgsgeprüfte Wahrmachung magischer Impulse.“ So sei „die Weltgeschichte als ein Drama aufzufassen, in dem der Radius des Schadenszaubers in die Ferne fortwährend modifiziert wurde.“ Konkret bedeute das: „Aus den frühen, scheinbar spurlos verschwundenen Regungen des bösen Willens in die Ferne, des Schadenszaubers, der intensiven Verfluchung, der Totsagung, der sibyllinischen Prophetie, sind heute mehr oder weniger einfach zu handhabende technische Geräte geworden. Sie stehen zumeist im Dienst politischer Systeme, die ihre Selbstbehauptung mit ihrer Selbsterweiterung verbinden wollen. Man bedenkt in der Regel nicht, dass die Szene, die man gegenwärtig als Hacker und Trolle bezeichnet, aus den Nachkommen der Schadenszauberer besteht.“
Wie man also sieht und liest, ist der inzwischen 78-jährige Peter Sloterdijk in diesem kleinen Bändchen mal wieder richtig in seinem Element und versprüht darin immerfort seine stets originellen Gedankenblitze. Die Gesellschaftsgeschichte der Menschheit erzählt er in „Der Fürst und seine Erben“ als Aufeinanderfolge dreier gravierender Sündenfälle: erstens der Vertreibung der Menschen aus ihrem paradieschen Naturzustand „in die Welt der Not und Sorge“, zweitens ihres „Sturzes in den hierarchisierten Staat“ und drittens der „stets drohenden Vergewaltigung des Einzelnen durch aufdringliche Fiktionen eines fusionierten Gemeinwillens“. Insofern nimmt der Philosoph eher eine Perspektive „von unten“ ein, jene der Untertanen nämlich, denen von den jeweils Mächtigen über alle Epochen hinweg immer wieder übel mitgespielt worden ist.
Machtausübung ist nämlich, das muss man wissen, eine der härtesten Drogen überhaupt. Laut Gerhard Ritter (1888-1967) ist „die Macht eine dunkle Größe, die ihre Träger wie eine Sucht in Besitz nimmt und ihre Persönlichkeit zersetzt.“ So sei es laut Sloterdijk nicht verwunderlich, „wenn viele homines politici von ihrer Droge nicht lassen wollen – sie nehmen Verfassunggsbrüche in Kauf, um weiter an ihren Stoff zu kommen. Nicht selten werden nach dem Amtsentzug die Memoiren zu ihrer Ersatzdroge.“
Befördert wird die leider immer wieder zu beobachtende Skrupellosigkeit von Herrschenden aber auch von kalten Theoretikern der Machtausübung wie dem von Sloterdijk ausführlich porträtierten Niccolo Machiavelli (1469 -1527), der, so Sloterdijk, heute zweifellos „Chef eines Consulting-Unternehmens“ sein würde. Dem florentinischen Sekretär zufolge müsse ein politischer Herrscher vor allem dazu fähig sein, „nicht Gutes zu tun“, da er sich anderenfalls nur schwerlich in seinem Amt halten könne. Doch resümiert Sloterdijk, dass nach all den Schrecken und Großkatastrophen insbesondere des 20. Jahrhunderts die Mächtigen heutiger Tage von Macchiavelli nun wirklich nichts mehr zu lernen hätten.
Nicht weniger ausführlich erfolgt Sloterdijks Auseinandersetzung mit dem Staatsphilosphen und Verfassungsjuristen Carl Schmitt (1888-1985), der „mit seinen antiliberalen Sympathien für die Diktatur als optimalem und in unruhigen Zeiten allein richtigen Modus von Politik“ gerade eine Art Mann der Stunde sei. Man müsse befürchten, so Sloterdijk, Carl Schmitt, würde er heute in den USA leben, hielte sich beim Tross um Donald Trump auf, ja, er wäre wohl auch bereit, zu dozieren, es sei die Mission dieses Mannes, uns vor den gefährlichen Schwächen des Liberalismus zu retten.“ Doch gesteht Sloterdijk dem notorischen „Kronjuristen des Dritten Reiches“ zu, er habe „im Konzept des Volks als Souverän eine morsche Stelle gefunden“.
Der „Volkssouveränität“ als neuzeitlichem Ersatz für die monarchische Herrschaft hat Sloterdijk ein ganzes Kapitel gewidmet. „Man wird wohl zugeben“, so führt er darin aus, „nie wurde ein noblerer Traum geträumt als der von der Gleichvernünftigkeit aller oder zumindest der vielen“. Jedoch: „Man muss sich sowohl politisch wie in personalen Dingen mit der Erkenntnis abfinden, dass der Abbau von Naivität das teuerste Verfahren bei der Behandlung von erblichen Fehlstellungen des Bewusstseins ist.“ Die Quelle aller Verwirrung hinsichtlich der philosophischen Begründung der Volkssouveränität liege „im eiligen Übergang vom Ich zum Wir“. Das Problem sei nämlich: „Was man gemeinhin Demokratie nennt, ist eine Veranstaltung zur Sedierung von Königen, die sich durch ihre Vielzahl gegenseitig behindern“. Die Fiktion der Volkssouveränität hänge aber letztlich an der Unterstellung, „wonach jeder einzelne Bürger als Inhaber eines Quantum souveränmachender Vernunft fähig sein sollte, seine eigenen Interessen und die des Gemeinwohls angemessen auszulegen. … Adel verpflichtet, Volkssouveränität erst recht.“
Doch sei das, wie schon die historische Erfahrung lehre, wohl zu optimistisch gedacht gewesen. „Von der Brüchigkeit der Idee, nach welcher alle ‚Gewalt‘ von dem jetzt souverän genannten Volk ‚ausgehe‘, lieferten die Ereignisse zwischen 1789 und 1914 für jeden, der es wissen wollte, eine sehr deutliche Vorstellung.“ Allein in Frankreich habe es „vier Rückfälle zu monarchoiden Verhältnissen“ gegeben, weshalb leider oft gegolten habe: „Wer Demokratie sät, wird Diktatur ernten.“
So sei es auch eigentlich keine Überraschung, dass nach vielen ruhigen Jahrzehnten das Konzept der Volkssouveränität aktuell wieder unter Druck geraten sei. „Die Krise der Demokratie, die heute in aller Munde ist, geht aus dem Kollaps des Glaubens an die Konvergenz der einzelnen Vernünftigkeiten hervor. Kein Mensch ist noch naiv genug anzunehmen, dass das, was in den Hauptstädten geschieht, ein Output ist aus dem, was die konvergierenden inneren Königtümer des vorgeblichen Souveräns namens Volk kraft ihrer Besonnenheit und Wohlberatenheit wirklich möchten.“ Tatsächlich sei es vielmehr so: „Alles, was beschlossen wird, ist ermüdende Aushandlung, Stückwerk, Kompromissprodukt, auch im besten Fall ein geringeres Übel, das sich rühmt, die unter den gegebenen Umständen am wenigsten schlechte Lösung zu bieten.“ … „In der Tat, als Gefäß von Vernunftbegabung zu existieren, ist keine Freizeitbeschäftigung.“
Doch hält Sloterdijk die Demokratie durchaus für überlebensfähig: „Das Volk, im Licht seiner besten Qualitäten betrachtet, kann und darf nichts anderes sein als ein Ensemble von Mikro-Kurfürsten, ausgestattet mit dem zu allgemeinem Recht ausgedehnten Vorrecht, die zu bestimmen, die an der Spitze stehen sollen.“ Als günstigen Umstand ausgemacht hat der Philosoph ferner, dass in der politischen Klasse neben den oben erwähnten Junkies der Macht auch „immer wieder einzelne auftreten, die ihre eigenen Ambitionen auf der Achse des Gemeinwohls investieren wollen. Man könnte sie die nützlichen Narzissten nennen.“ Dennoch warnt der Verfasser eindringlich: „Die Gesellschaft mag so demokratisch eingerichtet sein, wie sie will, der Staatsbau als solcher trägt aufgrund seiner zentralistischen Verfasstheit, sei es offen, sei es kryptisch, das Potential zu einer Diktatur in sich. … Man weiß aus der historischen Beobachtung, dass stark zentralistische Systeme zur autoritären Entgleisung neigen.“
Zu den besonderen aktuellen Herausforderungen, insbesondere auch für die Stabilität unserer Demokratie, zählt Sloterdijk selbstredend auch die mediale Revolution der letzten beiden Jahrzehnte und vor allem deren Auswirkungen auf die nachfolgenden Generationen: „Wollte man weiterhin meinen, auch die Jüngeren sollten Mitträger ihres Gemeinwesens sein, indem sie ’seriöse‘ Medien nutzen, riskiert man Enttäuschungen. … Die Demokratie, wie man sie lange kannte, war graphosphärisch basiert. Die Staatsbürger früherer Jahrzehnte, auch wenn sie sich bekämpften, ließen sich von Zeitungen und Klassikern unterrichten. Bewohner postdemokratischer Zonen verbinden und isolieren sich untereinander, aus gutenbergischer Sicht, schon auf bis auf weiteres unbegreifliche Weise ‚anders‘. … Die Revolution der Emissionen blieb bis zur Stunde nahezu unverstanden. Im Universum der Information könnte demnach derjenige als Souverän gelten, dem es gelänge, in die Vielzahl der in sich geschlossenen Blasen einzudringen, seien sie national, subkulturell oder nachbarschaftlich formatiert, um sie auf einen überlokalen, ‚transversalen*, über-subkulturellen Standard festzulegen.“
Doch betont Sloterdijk auch, „dass die Machtvertikale sich von der frühen Neuzeit an mit einer Medienvertikale verbunden“ habe: „Wenn politische Vertikalität verwildert, reagiert sie auch auf die Tatsache, dass die modernen Medien eine Revolution der Reichweiten bewirken. Hätten Figuren wie Hitler oder Churchill ihre Botschaften auf einer Gemüsekiste stehend vom Speaker’s Corner im Londoner Hyde Park aus in die Welt gesendet, wüssten wir bis heute nicht, dass es diese schrägen Vögel gegeben hat.“
Ganz allgemein erscheint dem Philosophen die Gegenwart als von multiplen Krisen geprägt: „Unzählige Zeitgenossen leben mit dem Empfinden, sich in einem Zwielicht zu bewegen, in dem man trotz Futuristik, kaum vorhersehen kann, welche böse Überraschung zuerst kommt. Die Warteliste des Unheilvollen ist lang; man weiß nicht, welches von den Debakeln, die anstehen, sich vordrängt.“ Und hinzu kommt: „Dass in unseren Tagen ein neues psychopolitisches Kapitel aufgeschlagen worden ist, merkt man auch daran, dass die Verwilderung der Vertikale in zunehmendem Maß anti-intellektuelle Züge annimmt. In der Person von Donald Trump ist ein Beinahe-Analphabet an die Spitze einer Weltmacht gelangt.“ Trump sei im übrigen „seinen Anlagen und Neigungen nach kein Politiker, eher ein Dealer, am meisten ein Clown, der den Diktator gibt.“
Zur Vermeidung solcher Zustände auch hierzulande positioniert sich Sloterdijk schließlich sogar innenpolitisch: Es gehöre „zu den Sonderbarkeiten der modernen Welt, dass auch Ungekrönte den Rücktritt von ihren virtuell souveränen Positionen erklären können.“ Insofern sei der letzte König von Sachsen mit seinen im November 1918 ausgesprochenen Worten: ‚Macht euren Dreck alleene‘ zum Ahnherr der Postpolitik geworden. Man müsse jetzt nur noch verstehen, „dass, wer in dieser Lage radikal rechts wählt, nicht nur als Bürger abdankt, sondern dem Ganzen des Gemeinwesens, als ob es Dreck wäre, einen Tritt versetzt.“
Peter Sloterdijk
Der Fürst und seine Erben. Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute
Suhrkamp Verlag, 2026
189 Seiten; 22,00 Euro
ISBN: 978-3-518-00136-3