Gunilla Budde beschreibt das Leben von Jutta Limbach
Matthias Wiemers
Das Bundesverfassungsgericht ist bekanntlich heute eine Institution, die mehr oder weniger hälftig von Richterinnen besetzt ist. Lange vorbei sind die Zeiten, in denen mit Erna Scheffler eine erste – und für lange Zeit einzige – Frau im Gericht saß und in denen man später von einem „Schneewitchensenat“ sprechen konnte, weil die einzige Richterin, es war die betont dunkelhaarige Christine Hohmann-Dennhardt, mit sieben Männern im ersten Senat saß.
Mit der Berliner Sozialdemokratin Jutta Limbach kam 1994 eine Frau an das BVerfG, die diesem mehrere Monate als Vizepräsidentin und dann von 1994 bis 2002 als Präsidentin vorstand – wegen Erreichen der Altersgrenze von 68 Jahren.
Im letzten Jahr hat nun die Oldenburger Zeithistorikerin Gunilla Budde – ein Jahr nach dem 90. Geburtstag der 2016 Verstorbenen – eine Biographie Jutta Limbachs veröffentlicht, die überfällig war.
Der Untertitel des sehr gut lesbar geschriebenen Buches (Lesezeit des Rezensenten waren der 1. und 2. Januar 2026) lautet „Ein Leben für die Gerechtigkeit“.
Im Eingangskapitel schildert die Autorin ein Aufwachsen in Berlin und Brandenburg in der Zeit des Nationalsozialismus, aber in einem ausgeprägt sozialdemokratischen Millieu. Sodann, im zweiten Kapitel, wird „Der Weg in die Wissenschaft“ geschildert, der über ein Jurastudium an der FU Berlin und die Mentorschaft des remigrierten und zuvor von den Nazis verfolgten Rechtsvergleichers Ernst Eduard Hirsch erfolgt. Bitter erscheint die Tatsache, dass Hirsch noch vor dem Abschluss der Habilitation Limbachs um vorzeitige Emeritierung bittet und sich in den Schwarzwald zurückzieht, weil die Studentenproteste um „1968“ ihn als abermals verfolgt erscheinen lassen.
Inzwischen hat die geborene Jutta Ryneck ihren Kommilitonen Peter Limbach geheiratet, der zwar auch in Berlin geboren ist, aber aus einer rheinischen Familie entstammt und dann frühzeitig in den Dienst des Bonner Innenministeriums eintrat, so dass eine Pendlerexistenz entsteht, da bereits bis 1969 drei Kinder geboren wurden, darunter der heutige Düsseldorfer Justizminister Benjamin Limbach (Grüne, vorher SPD).
Der Katholik Peter Limbach, der die Agnostikerin Jutta Ryneck nur durch päpstlichen Ehedispens heiraten durfte, wird als „verlässlicher Partner und selbstbewusster neuer Vater“ geschildert. Und in der Tat dürfte er für die Sechzigerjahre eine Ausnahmeerscheinung gewesen sein. Nach der Habilitation 1971, so wird es geschildert, nahm Limbach 1972 eine Professur an der FU Berlin an, wo sie aufgrund des damals neuen Berliner Hochschulgesetzes „automatisch“ auf eine C3 Professur befördert worden sei. Fünf Versuche, auf eine auswärtige C4-Professur zu gelangen, scheitern (S. 65).
Das vierte Kapitel ist der Schilderung des Wechsels in den zunächst rot-grünen Senat unter Walter Momper gewidmet, wo Limbach 1989 Justizsenatorin wird und nach der (vorgezogenen) Wahl 1990 auch bleibt, nachdem die CDU als neuer Juniorpartner der SPD in die Landesregierung eingetreten ist. In diesem Kapitel werden verschiedene Herausforderungen geschildert, vor allem natürlich der Umgang mit den DDR-Straftätern, die der gesamtdeutschen und insbesondere der Berliner Justiz durch die Geschehnisse der deutschen Wiedervereinigung unterfallen. Im fünften Kapitel („Die widerspenstige Genossin“) schildert Budde noch einmal im Zusammenhang das Verhältnis Limbachs zur Politik und ihrer SPD. Es ist ein (realistischer) Blick auf den deutschen Parteienstaat, namentlich in Berlin.
Ein weiteres Zwischenkapitel (6) ist der Persönlichkeit der Protagonistin gewidmet („Der Limbach-Stil“). Es folgt ein langes Kapitel über „Die Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts“ (7) und darin nicht zuletzt die Schilderung einiger spektakulärer Entscheidungen wie „Kruzifix“ und „Soldaten sind Mörder“, die das Gericht seinerzeit sehr in der öffentlichen Kritik stehen ließen (wie eigentlich seither nicht mehr).
Das achte Kapitel ist der danach anschließenden Zeit Limbachs als Präsidentin des Goethe-Instituts gewidmet (Hier fällt dem Rezensenten implizit eine Frage ein: Warum ist die Zentrale des Goethe-Instituts in München und nicht in Weimar?!!!).
Als Vorsitzende der dann so bezeichneten „Limbach-Kommission“ kümmert sich die Protagonistin zusammen mit anderen um die auch im Nachgang der Wiedervereinigung aufkommenden Problematik von NS-Raubkunst. Budde widmet dem zu recht ein eigenes Kapitel (9). Dies gilt auch für das zehnte, wo die Überlegungen geschildert werden, Limbach für die Wahl zur (ersten) Bundespräsidentin zu nominieren. Sie scheitert an ihrem Parteifreund Johannes Rau.
Die persönliche Geschichte als familiär vorgeprägte Sozialdemokratin findet einen Höhepunkt im Ruhestand, als Limbach gemeinsam mit ihrer Tochter ein Buchprojekt zur Schilderung des Lebenswegs ihrer Urgroßmutter, eines „selbstbewussten Berliner Dienstmädchens“ in Angriff nimmt. Dies wird nicht zu unrecht in einem „Epilog“ dargestellt.
Die Autorin füllt mit ihrem Buch eine Lücke nicht nur im Hinblick auf die Schilderung bedeutsamer Juristenbiographien, sondern natürlich im Hinblick auf Frauenemanzipation und sozialem Aufstieg durch Bildung. Sie schildert zu Beginn auch, wie es überhaupt zu der Idee zu dieser Arbeit kam, am Rande einer Vortragsveranstaltung mit Limbach an der Universität Oldenburg im Jahre 2011 (S. 14). Auch erwähnt die Autorin Budde, dass Limbach jahrelang Material über die Nachkriegsbürgermeisterin Louise Schröder sammelte, um im Ruhestand im Beck Verlag eine Biographie über diese Freundin der eigenen Großmutter zu schreiben.
Der Rezensent regt an, dass Cornelia Budde nunmehr in den Vertrag Limbachs eintreten möge. Vorarbeiten hat sie hier bereits nachgewiesen.
Gunilla Budde
Jutta Limbach. Ein Leben für die Gerechtigkeit. Biografie
Verlag C.H. Beck, 2025
331 Seiten; 29,90 Euro
ISBN: 978-3-406-82663-4