Klavierstunden

Geheime Aufzeichnungen eines Volljuristen

Liebes Tagebuch,

als Kind waren meine Wochenenden zumeist sehr getrübt, und das umso mehr, je näher und unaufhaltsamer der Montag heranrückte, welcher mein ungeliebtester Wochentag war. Das lag daran, dass an diesem Tag mein Klavierunterricht stattfand, und ich hatte niemals ausreichend geübt, um den Erwartungen meiner strengen Lehrerin auch nur annähernd zu entsprechen. Eigentlich mochte ich ja Musik, aber nicht solche auf diesem Instrument.

Meine Mutter hatte es sich aber in den Kopf gesetzt, dass ich Klavierspielen lernen sollte. Sie selbst hätte es in ihrer Kindheit gerne gelernt, aber ihre Eltern konnten sich kein Klavier leisten, und wenn sie Weihnachten mit anhörte, wie ihre Nachbarn fröhlich Weihnachtslieder auf dem Klavier spielten, da schwor sie sich, dass wenigstens ihr Kind später Klavierspielen lernen sollte. Ich wollte aber nicht und habe es immer entschieden abgelehnt, wenn ich danach gefragt wurde. Egal, meine Mutter setzte es durch, dass ein Klavier angeschafft wurde, und ich sollte darauf spielen, ob ich wollte oder nicht. Also leistete ich Widerstand, wo immer ich konnte. Täglich eine Stunde sollte ich an jedem Nachmittag Klavier üben. Meine Mutter stellte den Zeitwecker, und ich durfte erst aufstehen, wenn die Zeit vorbei war. Natürlich musste ich dann während dieser Stunde mehrmals ganz dringend zur Toilette, und mindestens alle zwei Minuten wanderte mein Blick zum Zeitwecker neben dem Klavier, auf dem ich lustlos herumstocherte und mich durch mein Pensum quälte. „Du wirst uns später dankbar sein“, sagte meine Mutter dann oft. „Nein“, sagte ich dann, „das werde ich bestimmt nicht.“ Diese Sturheit habe ich ganz sicher von meiner Mutter geerbt.

Immerhin schimpfte meiner Mutter nicht über meine (natürlich) fehlenden Fortschritte auf dem Instrument. Das tat aber dafür meine Klavierlehrerin, eine strenge alte Dame, bei der ich jeden Montagnachmittag antanzen musste. Die Klavierstunden verliefen immer nach dem gleichen Muster. Es war stets absehbar, dass sie sehr unzufrieden mit mir sein würde. Zumeist rief sie dann irgendwann voller Empörung, sie sei entsetzt darüber, wie schlecht ich dieses oder jenes Stück noch spielen würde. Ob ich denn nicht geübt hätte?! „Doch“, antwortete ich dann kleinlaut, was sie mir aber nicht abzunehmen schien.

Meine Strategie war daher stets, den Moment der Wahrheit, als ich vorspielen sollte, was ich geübt hatte, möglichst lange und weit nach hinten zu schieben. Am Anfang, wenn ich kam, war meine Lehrerin nämlich meistens noch gut gelaunt. Und wenn sie mich dann fragte, wie es mir ginge, setzte ich sofort zu einem langen Monolog über die Fußballspiele vom Wochenende an, die ich immer sehr genau verfolgt hatte. Meine Klavierlehrerin war durchaus an Fußball interessiert und hörte mir offenbar gerne zu, weil ich so lebendig und pointiert alles für sie zusammenfasste, was sie verpasst hatte. Sie schaute nämlich aus Prinzip kein DDR-Fernsehen, vermutlich aus tiefer politischer Abneigung. Als ältere Dame glaubte sie offenbar, sich diese offen staatsfeindliche Haltung erlauben zu können. Und in den späten Siebziger- und Achtzigerjahren war es wohl auch tatsächlich nicht mehr ganz so gefährlich wie früher, seine Dissidenz in der DDR zu zeigen. Wer den Staat nicht offensichtlich aktiv bekämpfte, wurde von der Staatsmacht zumeist in Ruhe gelassen, denn unzufrieden mit den bestehenden Verhältnissen war zumindest nach meinem Eindruck die überwältigende Mehrheit.

Über den Bundesliga-Fußball von drüben wusste meine Klavierlehrerin also gut Bescheid. Den hatte sie in der Sportschau gesehen, und das erzählte sie mir auch. Aber die DDR-Oberliga kannte sie allein aus der Zeitung, in der sie wohl immerhin den Sportteil las, der zumeist ohne politische Propaganda auskam. In diese ihre Wissenslücke stieß ich nun und berichtete ihr jede Woche in aller Ausführlich- und Genauigkeit, was ich im DDR-Fernsehen in „Sport aktuell“ gesehen hatte, vor allem, was die Spiele „unseres“ FC Hansa Rostock anging. Zweifellos waren meine Schilderungen noch weitaus detaillierter als alles, was in der Zeitung stand. Und zusätzlich unterstützt von Gestik und Mimik konnte ich meiner Klavierlehrerin so einen erschöpfenden Eindruck von den jeweils neuesten Ereignissen im Ost-Fußball vermitteln. Da sie höflich war, unterbrach sie mich zumeist nicht in meinem Redefluss, und erst wenn ich kurz nachdenken musste, was ich ihr noch erzählen könnte, sagte sie streng: „Aber jetzt spiel mir mal vor, was du geübt hast.“ Und ihre gerade noch freundliche Miene verfinsterte sich dann zusehends, bis sie mich schließlich, nachdem ich ihr alles vorgespielt hatte, mit wütendem Gesicht verabschiedete.

So ging es über viele Jahre. Als ich 13 war, zogen wir fort aus unserer Stadt, und so traurig ich über den Abschied von meinen Freunden war, die nun meine Brieffreunde werden sollten, so froh war ich darüber, dass ich nun meinen ungeliebten Klavierunterricht endlich los war. Doch weit gefehlt. Meine Mutter besorgte mir eine neue Klavierlehrerin, die mir sogar noch weitaus mehr Hausaufgaben aufgab als meine bisherige. Immer stärker wurde mein Widerwille, und immer mehr zeigte ich meine Ablehnung. Mit 15 sagte ich dann zu meiner Mutter: „Ich mache das nicht mehr. Ich geh da nicht mehr hin.“ Und dann war es endlich vorbei mit meinem Klavierspiel, und ich konnte aufatmen.

Heute, wo meine Eltern schon seit fast zehn Jahren tot sind, denke ich manchmal, dass klassische Klaviermusik auch ganz schön sein kann. Aber so richtig genießen kann ich sie nicht, weil ich immer an die Torturen in meiner Kindheit und Jugend und die Machtkämpfe mit meiner Mutter denken muss. Es tut mir auch irgendwie leid für meine Mutter, was ich ihr angetan habe, indem ich so widerspenstig war, und das längst nicht nur beim Klavierspielen. Aber dann denke ich auch daran, was sie mir mit ihrer Rücksichtslosigkeit angetan hat. Das Beste, was man über strenge und autoritäre Erziehungsmethoden sagen kann, ist wohl, dass sie enorm charakterbildend wirken, indem sie Widerspruchsgeist, Willensstärke und unbedingte Freiheitsliebe wecken können.

Dein Johannes

Veröffentlicht von on Jan. 19th, 2026 und gespeichert unter JOHANNES, LIEBES TAGEBUCH. Sie können die Kommentare zu diesem Beitrag via RSS verfolgen RSS 2.0. Gehen Sie bis zum Ende des Beitrges und hinterlassen Sie einen Kommentar. Pings sind zur Zeit nicht erlaubt.

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