Kempowski hatte Schiss vor ihm

Ein Besuch im „Literaturhaus Uwe Johnson“ in Klütz

Thomas Claer

Mit Uwe Johnson (1934-1984), dem großen deutschen Nachkriegsautor aus Mecklenburg, bin ich lange Zeit nicht richtig warm geworden. Seine übergenaue Sprache mutet sperrig an, schwerfällg, manchmal regelrecht umständlich. Obgleich er thematisch und auch sonst viel mit dem anderen großen Mecklenburger Autor aus jener Zeit, Walter Kempowski (1929-2007), gemeinsam hat, schreiben beide doch vollkommen unterschiedlich: Kempowski immer irgendwie leichthändig, föhlich und beschwingt, aber Johnson wie gesagt eher schwerfällig und bedrückt, beinahe ungelenk, wenn auch dabei nicht ohne eigene Eleganz.

Meine Eltern waren, nachdem sie kurz vor dem Mauerfall in den Westen gekommen waren (und damit auch endlich Zugang zu Büchern ihrer Wahl hatten), große Fans von den beiden geworden: mein Vater vor allem von Walter Kempowski, aber meine Mutter in erster Linie von Uwe Johnson. Wohl mehr als zwei Jahrzehnte lang bekamen meine Eltern daher von mir jedes Jahr zu Weihnachten immer neue Bücher von Kempowski und Johnson geschenkt – so lange, bis sie schließlich alle von ihnen vollständig hatten. Heute stehen diese Bücher allesamt in einem separaten Regal im Flügelzimmer meiner Frau – als Andenken an meine Eltern. Erst nach deren Tod vor zehn Jahren begann auch ich, in den Büchern zu lesen, wobei mir Kempowski anfangs deutlich besser gefiel. Doch so langsam komme ich nun auch bei Johnson auf den Geschmack. Hatte ich mich vor etwa drei Jahrzehnten durch „Mutmaßungen über Jakob“ noch geradezu hindurchquälen müssen, so kann ich dem ersten Band der „Jahrestage“, dessen Lektüre ich nun immerhin vor kurzem abgeschlossen habe, doch einiges abgewinnen.

Die „Jahrestage“ spielen zwar 1967/68 in New York, enthalten aber unzählige Rückblicke ins fiktive Mecklenburgische Städtchen Jerichow, hinter dem unschwer der Ort Klütz zu erkennen ist. Auch die umliegenden Ortschaften Rande und Gneez sind für Eingeweihte leicht als Boltenhagen und Grevesmühlen zu identifizieren. Dort ganz in der Nähe habe ich gelebt – wenn auch dreißig bis fünfzig Jahre nach der Romanhandlung. Doch sind inzwischen ja auch schon wieder fast vierzig Jahre vergangen, seitdem ich dort gelebt habe. Jedenfalls war es für mich naheliegend, wenn man schon den Sommer in Rostock verbringt, endlich einmal dem „Literaturhaus Uwe Johnson“ in Klütz einen Besuch abzustatten, zumal nachdem es vor ein paar Monaten anlässlich des zwischenzeitlich abgeblasenen und dann doch noch realisierten Auftritts von Michel Friedman dort so ins Gerede gekommen ist.

Ein Lübecker Uwe-Johnson-Enthusiast hat also vor zwanzig Jahren im nahegelegenen und ansonsten verschlafenen Städtchen Klütz, nur vier Kilometer von der Ostseeküste entfernt, in einem alten Kornspeicher ein Literaturhaus errichtet, das auf zwei Ebenen und auf relativ engem Raum eine gleichwohl sehr inhaltsreiche und vielsagende Dauerausstellung über Leben und Werk des schon 49-jährig verstorbenen Schriftstellers enthält. Man erfährt darin eine Menge, was man auch als jahrelang interessierter Beobachter noch nicht wusste, vor allem über Uwe Johnson als Person. Das deckt sich übrigens auch mit dem, was mein Vater, der Angang der Fünfzigerjahre in Rostock Sportpädagogik und später auch noch Medizin studiert hat, über den Rostocker Literatur- und Anglistikstudenten Uwe Johnson zu berichten hatte. Als meine Eltern und ich uns in den Neunzigern eine Fernsehdokumentation über Uwe Johnson ansahen, rief mein Vater nämlich sogleich: „Den kenn‘ ich doch! Den hab ich doch früher immer an der Uni ‚rumlaufen sehen, diesen komischen steifen Typen mit der Pfeife!“

Von Johnsons Schriftsteller-Kollegen, so erfährt man in der Klützer Ausstellung, konnte kaum jemand Zugang finden zu dem Eigenbrötler, der laut seinem langjährigen Freund und Nachbarn Günter Grass „nicht frei war von selbstzerstörerischen Zwängen“. Max Frisch, der ebenfalls in Berlin-Friedenau in der Nähe von Grass und Johnson gelebt hatte, erzählte von einem Abend mit Johnson, an dem dieser in seinen Ausführungen immerwieder thematisch wild hin und her gesprungen sei. Erst im Nachhinein sei man darauf gekommen, was er wohl gemeint haben könnte. Der bereits oben erwähnte Walter Kempowski bekannte, seine Freundschaft zu Johnson „hatte nichts Komfortables“. „Zu den sogenannten angenehmen Menschen gehörte er nicht. Er war verschlossen, wortkarg, mürrisch, auch unduldsam. Wenn ihn etwas störte, wurde er grob, saugrob. Es war nicht gut Kirschen essen mit ihm, wie man so sagt. Äußerlich signalisierte er das dadurch, dass er nicht nur eine schwarze Lederjacke, sondern sogar einen schwarzen Lederschlips trug.“ Und weiter: „Irgendwann habe ich ihn auch mal besucht, in Berlin, in der Niedstraße, nicht weit von Günter Grass, mit dem er damals, glaube ich, verfeindet war. … Ich trank ein kleines Helles und er, glaube ich, zehn oder zwölf, dazu nahm er diverse Schnäpse und trank, wenn ich mich nicht sehr täusche, noch eine Flasche Wein dazu. Ich war kein guter Gesprächsprtner und ein Kumpan schon gar nicht. Ich saß still und stumm vor ihm. Bloß kein falsches Wort sagen!, dachte ich, sonst haut er dir noch einen an den Ballon.“

Sie hatten dann noch einen jahrelangen Briefwechsel, in dem Kempowski irgendwann einmal an Johnson schrieb: „Ich habe immer Schiss vor ihnen. Sie haben so etwas Strenges.“ Luise Rinser bekannte, dass sie rein gar nichts mit Uwe Johnson anfangen könne, weder mit ihm als Mensch noch mit seinen Büchern, von denen sie nie etwas verstanden habe. Doch gab es zwei prominente Frauen, die überraschend gut mit ihm konnten: In Berlin war das die (vorübergehend) in Grunewald wohnende Ingeorg Bachmann und in New York war es Hannah Arendt, die als eine der Ersten Johnsons „Jahrestage“ als ein „Meisterwerk“ bezeichnete. Man verlässt das Klützer Literaturhaus mit dem Eindruck, dass sich ein wirklich schwieriger Mensch mit komplizierter Persönlichkeit ein in vieler Hinsicht außergewöhnliches Werk abgerungen hat.

Auf der Straße in Klütz stellen wir fest, dass wir gerade den Bus zurück nach Wismar verpasst haben, der nur einmal in der Stunde fährt. Also laufen wir noch etwas durch Klütz und bestaunen die Kirche mit der Kirchturmspitze in Form einer Bischofsmütze, die schon ganz vorne in den „Jahrestagen“ als „Petrikirche von Jerichow“ beschrieben wird. Es ist ein schöner Sommertag ohne übermäßige Hitze, aber kein Mensch ist auf der Straße. Ich erinnere mich an meine Kindheit, als ich mit meinen Eltern mit dem Auto durch kleine Städte in der Region wie Schönberg oder Rehna gefahren bin und unser Besuch aus dem Westen sich dann immer gewundert hat: „Hier wohnen doch Menschen, aber man sieht keine Menschen. Warum ist hier eigentlich kein Mensch auf der Straße?!“

Veröffentlicht von on Aug. 3rd, 2026 und gespeichert unter DRUM HERUM, SONSTIGES. Sie können die Kommentare zu diesem Beitrag via RSS verfolgen RSS 2.0. Gehen Sie bis zum Ende des Beitrges und hinterlassen Sie einen Kommentar. Pings sind zur Zeit nicht erlaubt.

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