Wichtig, aber problematisch
Recht cineastisch, Teil 53: „Staatsschutz“ von Faraz Shariat
Thomas Claer
Der Marsch durch die Institutionen, einst von Rudi Dutschke ausgerufen, war nach 1968 die Strategie, den emanzipativen Zielen der „Bewegung“ durch die allmähliche Besetzung wichtiger Positionen mit den eigenen Leuten nach und nach zum Durchbruch zu verhelfen. Tatsächlich hat es dann noch genau 30 Jahre, bis 1998, gedauert, bis die maßgeblichen Akteure bzw. ihre Mitstreiter und Gleichgesinnten die höchsten Gipfel der Macht erklommen hatten und die erste rot-grüne Bundesregierung stellten. Die „kulturelle Hegemonie“ im Sinne von Antonio Gramsci hatten sie freilich schon deutlich früher inne.
Die sich aktuell vollziehende rechtsextreme Gegenbewegung hat von all dem leider viel gelernt. Wie weit das erschreckende Rollback in Richtung Rassismus und Autoritarismus punktuell schon in unseren rechtsstaatlich-demokratischen Institutionen angekommen ist, davon handelt der Film „Staatsschutz“ von Regisseur Faraz Shariat. Angesichts der „anti-intellektuellen Züge“ (P. Sloterdijk) dieser unheilvollen Strömung haben es bislang gottlob erst einige wenige ihrer Vertreter auf höhere Posten in der Justiz geschafft, dafür aber umso mehr in den Wachdienst vor Gericht oder in die Polizei. Besonders betroffen von dieser Unterwanderung ist – wenig überraschend – der Osten Deutschlands, wo ja auch gerade, rund drei Jahrzehnte nach den berüchtigten „Baseballschlägerjahren“, die erste gesichert rechtsextreme Landesregierung kurz vor ihrer Machtergreifung steht.
Die junge koreanischstämmige Staatsanwältin Seyo Kim (großartig gespielt von Chen Emile Yan, auch wenn sie keine koreanischen, sondern chinesische Wurzeln hat) tritt ihre erste Stelle in einer Kleinstadt in Brandenburg an. Schon bald gerät sie mit der dortigen rechten Szene aneinander, die zuerst die Reifen ihres Autos aufschlitzt und später einen Brandanschlag auf sie verübt. Als es mit den Ermittlungen ihrer Kollegen gegen die Täter so gar nicht vorangehen will, macht Seyo die schockierene Entdeckung, dass der Oberstaatsanwalt Forch (Arnd Klawitter) mit den militanten Nazis unter einer Decke steckt und deren Untaten schon seit Jahren gedeckt hat. Auch in der örtlichen Polizei gibt es genug rechte Sympathisanten, die Seyo ihrerseits schikanieren.
Der Film ist künstlerisch sehr gelungen und fasst ja inhaltlich auch durchaus ein heißes Eisen an. Und ganz sicher ist es immer gut, wenn bestehende Missstände offen angesprochen werden, ja selbst deren gelegentliche Überzeichnung ist noch vollkommen legitim. Dennoch bleibt nach dem Betrachten dieses Films ein gewisses Unbehagen, denn die Gefahr ist doch recht groß, dass er als Teil der Erzählung „Wer gegen Nazis kämpft, kann sich auf den Staat nicht verlassen“ wahrgenommen wird. Genau diese zweifelhafte Aussage stand nämlich auf einem Aufkleber, der im Kino als Merchandising-Material zum Film verteilt wurde. Nein, diesem ungeheuerlichen Verdacht ist energisch zu widersprechen. Solche Aussagen sind vor allem auch ein Schlag ins Gesicht von all denen, die mit ihrer täglichen Arbeit das Funktionieren unseres Rechtsstaats noch im Wesentlichen garantieren. Verschwörungstheorien solcher Art aus der linken Ecke sind angesichts der leider weiter fortschreitenden Radikalisierung nach rechts sicherlich keine besondere Hilfe.
Staatsschutz
Deutschland 2026
113 Min; FSK: 12
Regie: Faraz Shariat
Drehbuch: Claudia Schaefer, Jee-Un Kim, Sun-Ju Choi
Darsteller: Chen Emilie Yan (Seyo Kim), Julia Jentsch (Alexandra Tiedemann), Arnd Klawitter (Oberstaatsanwalt Forch) u.v.a.
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