Eltern

Geheime Aufzeichnungen eines Volljuristen

Liebes Tagebuch,

meine Eltern waren völlig anders als die Eltern meiner Freunde. Zum einen lag das daran, dass sie deutlich älter waren als andere Eltern. Sie waren schon 38, als sie mich bekamen, was heute ganz normal ist, aber damals eher ungewöhnlich war. Zum anderen lag es aber auch daran, dass wir aus dem Osten kamen. Im Buch „Zonenkinder“ von Jana Hensel habe ich gelesen, dass sich wohl fast alle Ostkinder und –jugendlichen, die in den Westen kamen, irgendwie für ihre Eltern geschämt haben, weil sie einfach nicht so locker drauf waren wie die Westeltern. Einfach die Eltern beim Vornamen nennen, mit ihnen in ein Popkonzert gehen… So etwas war auch für mich völlig undenkbar. Meine Eltern fanden schon Udo Lindenberg sehr provokativ. (Das muss man sich mal vorstellen!)

Bis zu ihrem Tod haben meine Eltern, die zu Beginn der Nazizeit geboren waren, wenn sie Besuch eingeladen hatten, die Kaffeetafel gedeckt, ein sauberes und frisch gebügeltes Tischtuch aufgelegt, das gute Geschirr aus dem Schrank geholt und das Silberbesteck geputzt, aber gründlich. So vergingen oft mehrere Stunden Vorbereitung. Wenn man dann am Kaffeetisch saß, dann durfte man insbesondere als Kind oder als Jugendlicher nicht einfach weglaufen, wie man wollte, nein, man musste geduldig sitzen bleiben, und zwar in gerader Körperhaltung. Und was auf den Tisch kam, das wurde gegessen. Kurz, ich habe eine Art von Erziehung durchlaufen, die sich in Westdeutschland niemand ausmalen kann. Und es musste immer Konversation gemacht werden. Meine Mutter hatte die Lebensumstände aller Verwandten samt deren Kindern und Kindeskindern, dazu jene der Angehörigen ihres immensen Freundeskreises samt deren Nachkommen minutiös im Kopf. Das war ihr Hobby. Und immer erzählte sie mir, in den letzten zwei Jahrzehnten dann meiner Frau und mir, von den glänzenden Karrieren, welche die Kinder oder Enkel irgendwelcher Verwandten und Bekannten gemacht hätten. Dabei schwang immer der unausgesprochene – und gelegentlich auch ausgesprochene – Vorwurf mit: „Und was machst du? Und was mach ihr?“

So erleichtert meine Eltern gewesen waren, als ich mich für ein Jurastudium entschied – wenn es denn schon partout nicht Medizin sein sollte wie bei der Hälfte der Familie –, so schockiert waren sie über unsere Entscheidung, als Berufseinsteiger nach Berlin zu gehen, ich als Praktikant in einem Startup-Unternehmen aus der Medienbranche, meine Frau nach ihrem Studium sogar ohne konkrete berufliche Perspektive. Dabei sollte es nach den Vorstellungen meiner Frau einfach nur die größtmögliche Stadt mit der größtmöglichen Entfernung zum Wohnort meiner Eltern sein, um die Begegnungen mit ihnen halbwegs gesichtswahrend reduzieren zu können. Dass wir in einer interessanten und lebendigen Stadt im Aufbruch gelandet waren, war für uns natürlich um so besser, nur dass der Aufbruch noch etwas auf sich warten ließ. Doch gerade darin lag ja, was wir damals noch nicht wissen konnten, unser besonderes Glück.

Über die Jahre wurde unser Verhältnis zu meinen Eltern dann nicht unbedingt besser. Ich war einfach eine so unglaubliche Enttäuschung für sie. Jetzt, nach ihrem Tod, habe ich gesehen, welche exorbitanten Renten sie bezogen haben. (Und dabei war meine Mutter jahrelang verbittert, weil sie etwas weniger Rente erhielt als die West-Ärzte.) Nach solchen Maßstäben betrachtet waren meine Frau und ich als kleine Freiberufler natürlich völlige Versager. Und das haben meine Eltern uns auch bis zum Schluss immer wieder spüren lassen.

Als es dann in den letzten Jahren mit dem Aufschwung in Berlin auch bei meiner Frau und mir wirtschaftlich immer besser lief, als unsere Eigentumswohnung, die wir 2007 für `nen Appel und `n Ei aus ernster Sorge um unsere Zukunft gekauft hatten, plötzlich das Doppelte und später noch viel mehr wert wurde, als wir dann ab 2012 noch weitere Wohnungen am Stadtrand zum Vermieten hinzukauften und diese auch bald darauf im Wert explodierten, da fragte mich meine Mutter: „Was machst du, wenn irgendwann ein Systemwechsel kommt und man nicht mehr so einfach mehrere Wohnungen besitzen darf?“ Ihr Mantra war stets, dass man in seinem erlernten Beruf arbeiten sollte – und zwar von früh bis spät, das habe noch niemandem geschadet. Und als ich sie schließlich im Krankenhaus besuchte, als es ihr schon richtig schlecht ging, da fragte sie mich noch eindringlich: „Kannst du nicht doch noch in den Öffentlichen Dienst kommen?“

Nach dem Tod meiner Eltern hörte ich von ihren vielen Freunden immer wieder, welch herzensgute Menschen sie gewesen seien, was ja auch keineswegs falsch ist, aber doch nur die halbe Wahrheit… Nun haben wir geerbt und sind, sofern wir es halbwegs vernünftig anstellen, alle unsere wirtschaftlichen Sorgen für alle Zeiten los. Natürlich muss ich meinen Eltern dankbar sein, dafür und für die Zuschüsse, die sie uns bei unseren Immobilienkäufen teilweise gegeben haben. Manchmal denke ich mir aber, es wäre auch o.k. gewesen, wenn ich diese Zuwendungen nicht gehabt hätte und dafür Eltern ohne eine solche Erwartungshaltung, die einem nicht ständig das Gefühl gegeben hätten, sich schuldig fühlen zu müssen. Aber man kann es sich nun mal nicht aussuchen. There is no free lunch…

 

Dein Johannes

Veröffentlicht von on Sep 12th, 2016 und gespeichert unter JOHANNES, LIEBES TAGEBUCH. Sie können die Kommentare zu diesem Beitrag via RSS verfolgen RSS 2.0. Gehen Sie bis zum Ende des Beitrges und hinterlassen Sie einen Kommentar. Pings sind zur Zeit nicht erlaubt.

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