Eine Reise zu den Ursprüngen des Klassizismus
Besuch im Winckelmann-Museum in Stendal
Juyeon Han
Irgendwann fiel mir dieser Ortsname Stendal ins Auge, der auf einem Zug in Berlin geschrieben stand. „Moment mal, das klingt doch fast wie der französische Autor von „Rot und Schwarz“, Stendhal?“, dachte ich mir. Zuerst hielt ich es für einen bloßen Zufall und schenkte dem Gedanken keine weitere Beachtung. Doch nachdem ich letztes Jahr den Film „In die Sonne schauen“ gesehen hatte, erfuhr ich von einer Region namens Altmarkt, deren größte Stadt eben jenes kleine Stendal war. Von diesem Film inspiriert, beschloss ich schließlich, diesen Ort zu besuchen.
Da der Frühling Einzug hielt und das Wetter milder wurde, bot sich ein Ausflug in die nähere Umgebung an. Mit dem Regionalzug vor meiner Haustür dauerte die Fahrt gerade einmal anderthalb Stunden. Einen Tag vor der Abreise recherchierte ich im Internet: Winckelmann? Etwa der Winckelmann mit der „edlen Einfalt und stillen Größe“? Tatsächlich! In Stendal befinden sich das Geburtshaus und das Museum von Johann Joachim Winckelmann. Dass ein so bedeutender Ort so nah liegt und ich nichts davon wusste, erstaunte mich.
Bei meiner Recherche klärte sich auch das Rätsel um den Namen: Stendhal ist ein Pseudonym. Marie-Henri Beyle, der während der napoleonischen Zeit an Feldzügen in Italien teilgenommen hatte, war von Winckelmanns Werken so tief beeindruckt, dass er den Namen der Geburtsstadt seines Vorbilds als Künstlernamen wählte. Dies verdeutlicht, wie immens der Einfluss Johann Joachim Winckelmanns (1717–1768) auf die europäische Kultur, insbesondere auf die Literatur, war. Die Weimarer Klassik um Goethe und Schiller ist ohne sein Fundament kaum denkbar.
Früher war Winckelmann für mich nur eine Gestalt aus dem Lehrbuch – ein Kunsthistoriker, der über antike Statuen schrieb. Doch unter welchen Bedingungen er zu seiner Größe fand, war mir nie bewusst gewesen. Er war derjenige, der die vernachlässigten oder vergrabenen Schätze Roms ans Licht brachte und Interpretationen lieferte, die die Künstlerwelt in Ekstase versetzten. Besonders berühmt ist seine Schrift über die Laokoon-Gruppe, jene Skulptur, die den qualvollen Kampf eines Vaters und seiner Söhne mit Schlangen darstellt. Sein Leitspruch der „edlen Einfalt und stillen Größe“ prägte die Ästhetik des Klassizismus in Kunst und Musik maßgeblich.
Am vergangenen Mittwoch nutzte ich das strahlende Wetter und machte mich auf den Weg. In Stendal angekommen, fielen mir sofort die monumentalen Kirchenbauten im Stil der Backsteingotik auf. Die Stadt muss im Mittelalter eine beachtliche Bedeutung gehabt haben. Beim Spaziergang durch die Gassen mit ihren historischen Fachwerkhäusern fühlte ich mich wie auf einer Zeitreise.
Schließlich erreichte ich das Museum, das an der Stelle seines Geburtshauses errichtet wurde. Da Winckelmann heute keinem breiten Massenpublikum mehr bekannt ist, hatten wir das Museum fast für uns allein.
Die Ausstellung beginnt dramatisch mit dem Tod Winckelmanns, der damals die europäische Gesellschaft erschütterte. Auf dem Gipfel seines Ruhms, im Alter von 51 Jahren, wurde er in Triest unter mysteriösen Umständen ermordet. Der 19-jährige Goethe, der sein Idol eigentlich in Leipzig hätte treffen sollen, verglich diese Nachricht später mit einem „Blitz aus heiterem Himmel“. 1805 würdigte Goethe dessen Lebenswerk schließlich mit der Schrift „Winckelmann und sein Jahrhundert“.
Was mich jedoch am tiefsten bewegte, war seine Herkunft. Winckelmann wurde in ein Stendal hineingeboren, das nach Kriegen und Seuchen nur noch etwa 3.000 Einwohner zählte, als Sohn eines armen Schusters. Es war faszinierend zu erfahren, dass es im damaligen Preußen bereits Stipendien für begabte Kinder aus ärmsten Verhältnissen gab, die ihnen den Weg in die Wissenschaft oder den Staatsdienst ebneten. Winckelmann ist ein extremes Beispiel dafür, was Leidenschaft und harter Wille bewirken können. War es der Mangel, der ihn antrieb, oder gelang ihm dies trotz der Entbehrungen? Beim Betrachten der Exponate spürte ich die Dichte seiner Zeit, seine tägliche Konzentration und seine unbändige Energie. Angesichts seines rastlosen Strebens ertappte ich mich bei einer gewissen Beschämung über meine eigene Bequemlichkeit.
Ohne Winckelmanns archäologische Pionierarbeit in Rom hätte Goethes Weg vielleicht eine ganz andere Richtung genommen. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass Winckelmann einer der Wegbereiter für Goethes berühmte Italienische Reise war. Dass das einsame Ringen eines Einzelnen das Fundament für die Blütezeit der deutschen Kultur legte, erfüllt mich mit Ehrfurcht. Es ist ein merkwürdiges, aber schönes Gefühl, wie all diese Fäden hier in Stendal zusammenlaufen.