Die bekannteste Doktorarbeit der Gegenwart

Anna-Verena Nosthoff weiht uns in die Geschichte der Kybernetik ein

Matthias Wiemers

Kybernetik? Das hat man vielleicht schon einmal gehört. Wer aus dem Ostteil unseres Landes stammt und zur Zeit der „Wende“ bereits erwachsen war, der wird vielleicht wissen, dass sich die DDR-Forschung mit Kybernetik beschäftigt hat, was in Westdeutschland eher weniger der Fall war. In internationaler Perspektive kennt man vielleicht die Namen Norbert Wiener und Karl W. Deutsch, die sich zwar beide nach deutschsprachigem Raum anhören, aber doch im angelsächsischen Raum tätig geworden sind, im Grunde „die Pioniere“ der Kybernetik als Wissenschaft. Anna -Verena Nosthoff, ausgebildet in Freiburg und inzwischen Juniorprofessorin für Ethik der Digitalisierung an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, hat ihre 2024 eingereichte Freiburger Dissertation nicht nur genutzt, um nach Oldenburg zu gelangen (zudem ist sie Co-Direktorin des Critical Data Lab, einer gemeinsamen Einrichtung von Uni Oldenburg und HU Berlin), sondern hat auch einen echten Volltreffer in Suhrkamps bekannter Taschenbuchreihe gelandet – allerdings ein Treffer, der von vielen Aktivitäten digitaler Aufmerksamkeitsproduktion und offenbar zahlreichen Diskussionsveranstaltungen und Lesungen in der „Real World“ begleitet wird.
Das Werk erhebt nicht primär den Anspruch, eine Geschichte zu erzählen, sondern eine „Theorie digitaler Regierungskunst“ zu liefern – so der Untertitel von „Kybernetik und Kritik“. In einer recht umfassenden Einleitung erklärt uns die Autorin zunächst ein Phänomen, nämlich das Verschwinden der Kybernetik, mit der Erklärung, dass Kybernetik inzwischen überall sei. Der Schwerpunkt des Buches wird hier früh auf die „machtkritische Betrachtung einer bestimmten technischen Formation, konkret: den unterschiedlichen kybernetischen Dispositiven und ihren Materialisierungen von ihren Anfängen bis in die Gegenwart des Überwachungskapitalismus“ gelegt (S. 17). Die Ausgangsthese der Arbeit lautet daher: „Die technische Konstellation der Gegenwart ist kybernetisch, sie ist geprägt von kybernetischen Strukturen, Ensembles, Apparaturen, Wissensregimen und Dispositiven, die zugleich als Regierungsformen zu lesen sind“ (S. 18). Sodann ist das Werk in drei Teile gegliedert, wovon der erste mit „Die Kritik der Kybernetisierung“ überschrieben ist und mit einem Kapitel über „Die Kybernetisierung des Subjekts“ beginnt (2.). Gleich zu Beginn wird die Kybernetik treffend als „Wissenschaft von Kommunikation und Kontrolle“ charakterisiert (S. 39) und sodann nach den Wurzeln dieser Wissenschaft geforscht. Deutlich wird, dass die ersten Arbeiten hierzu aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs stammen, teilweise aus dem Zusammenhang der in Deutschland so genannten „Luftschlacht um England“, die offenbar Anregungen zur Berechnung von Flugbahnen gegeben hat, wo der Mathematiker Norbert Wiener, der den Begriff Kybernetik später prägte, an der Entwicklung eines „Anti-Aircraft Predictors“ arbeitete (S. 56 f.). Die Erkenntnisse wurden auf biologische und dann auf neuronale Systeme übertragen. Bei anderen Autoren stellt Nosthoff dann bereits einen „Paradigmenwechsel vom neuronalen zum sozialen System“ fest (S. 80). Für die 1940er bis 1960er Jahre wird die Entstehung eines neuen Menschenbildes konstatiert, verbunden mit einer „kybernetischen Vision einer Mensch-Computer-Symbiose“. Und dann, auf S. 144 des Werks, taucht zum ersten Mal das neue Modewort von der KI auf: „Die Effekte der frühen kybernetischen Analogisierung von Mensch und Maschine sind mittlerweile auch in der digitalen Gegenwart spürbar, die eine ganze, ungemein profitable Industrie sogenannter künstlicher Intelligenz (KI), verknüpft mit einer florierenden Wissenschaftslandschaft hervorgebracht hat.“
Kapitel drei beschreibt „Die Kybernetisierung des Politischen“, wo im Zentrum der Verwaltungswissenschaftler Herbert Simon mit seinem Modell der bounded rationality steht. Aber auch von „nudging“ ist hier erstmals die Rede (S. 163).

Man erfährt hier, dass man im Chile Salvador Allendes offenbar schon ziemlich weit gewesen ist mit der datengestützten Steuerung eines politischen Systems. Doch leider, wir wissen es alle, kam dann „Mister Pinochet“ (Sting), der dem ein Ende bereitete (und dann ganz andere Wissenschaftler als den Kybernetiker Stafford Beer zum Einsatz brachte, vor allem: F. A. von Hayek).
Es folgt Teil II „Kybernetik und Kritik“, der nur aus einem Kapitel über „Die Kybernetisierung der Kybernetik“ (4.) besteht und wo eine „Kybernetik zweiter Ordnung“ beschrieben wird, die stichwortartig mit der Integration des „Beobachters zweiter Ordnung“ in die Kybernetik selbst und der Fokussierung auf die Betrachtung autonomer Systeme bezeichnet werden kann (vgl. S. 267). Hier finden sich aber auch interessante Hinweise auf die Entdeckung der Kybernetik durch die Sowjetunion wie etwa auch die DDR (Der Rezensent erinnert sich sogleich an seine früheren Gedanken zu „Robotron 2.0 als der Verführung zu mehr Planwirtschaft durch Weiterentwicklung der Computertechnik. Aber lassen wir das hier.).
Im Teil III über „Die Kybernetisierung der Kritik“ wird zunächst „Die Kybernetisierung der Öffentlichkeit“ (5.) beschrieben, wo u. a. noch vertieft auf Stafford Beers Vorstellungen eingegangen, die er in Chile zu verwirklichen suchte. Ein Stichwort lautet hier „Regierungskunst der Antizipation“ (S. 315).
Es folgt „Die Kybernetisierung des Kapitalismus“ (6.), wo etwa noch vertieft das Nachdenken über „Fusionen von Plan und Markt“ beschrieben wird (S. 447).
„Die Kybernetisierung der Gegenwart“ als siebtes Kapitel zeigt noch einmal die Allgegenwärtigkeit der Kybernetik auf, heute in Bezeichnungen wörtlich eingeleitet über das Präfix „Cyber“, welches das Wort Kybernetik ersetzt habe (S. 453 ff.). Hier finden wir ein Vertieftes Eingehen auch auf das Konzept des Nudging von Cass Sunstein und Richard Thaler mit ihrem „libertärem Paternalismus“ (S. 462 ff.).
In der „Conclusio: Kritik und Kybernetik. Oder: Die Kybernetisierung der Kritik“ (8.). Bringen wir hier nur ein längeres Zitat, das sich der Rezensent bei der Lektüre angestrichen hat: „Selten ist, so ließe sich an dieser Stelle behaupten, deutlicher geworden, dass die „parastaatlichen Unternehmen“ (Joseph Vogl) der Digitalindustrie die Dezentralisierung der Partizipation mit einer „privatisierten“ Zentralisierung der Kontrolle engführen; dass die politisch-kybernetische Grundannahme, ubiquitäre Vernetzung sei mit einer fast zwangsläufigen Demokratisierung Demokratisierung oder globalen Harmonisierung korreliert, ein mindestens naiver Wunsch und Ausdruck einer verfehlten Sehnsucht nach Apolizität war. In dieser Hinsicht ist nicht zuletzt zu fragen, inwiefern der der Kybernetik eingeschriebene postpolitische Impuls bzw. die Vorstellung, Politik ließe sich über technisch einwandfreie Designs effizient „auflösen“, seit je her mit einem antistaatlichen Libertarismus (und so tendenziell rechtem Denken) assoziiert ist …“ (S. 597).
Man könnte abschließend sagen: Vieles, was derzeit in anderen, knapperen Werken zur Entwicklung unserer Gegenwart beschrieben wird, lässt sich besser verstehen, wenn man Nosthoff liest. Auf die Habilitationsschrift dürfen wir gespannt sein. Denn eigentlich hat die Autorin schon alles gesagt.

Anna-Verena Nosthoff
Kybernetik und Kritik. Eine Theorie digitaler Regierungskunst
Suhrkamp Verlag, 2026
800 Seiten; 28,00 Euro
ISBN: 978-3-518-30079-4

Veröffentlicht von on Mai 18th, 2026 und gespeichert unter BESPRECHUNGEN, LITERATUR. Sie können die Kommentare zu diesem Beitrag via RSS verfolgen RSS 2.0. Gehen Sie bis zum Ende des Beitrges und hinterlassen Sie einen Kommentar. Pings sind zur Zeit nicht erlaubt.

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