Michael Kunze zeigt uns nun mit einem Buch eindrucksvoll, dass „wir Juristen“ nun wirklich alles können
Matthias Wiemers
Unter uns Juristen gibt es ja so ein paar Floskeln und Sprichwörter, von denen etwa „Es kommt darauf an“ sicherlich an erster Stelle steht. Dazu gehört aber auch „Juristen können alles“. „Wir“ sind nicht nur führend in der Literatur, sondern haben auch immer wieder bekannte Journalisten hervorgebracht – Journalismus mussten wir hierzu jedenfalls nicht studieren. Und wir können „Schlager“ texten. Zum Beispiel Michael Kunze, der Texter nicht nur des berühmten „Griechischer Wein“ von Udo Jürgens, sondern zahlreicher anderer bekannter Titel, sowie auch Autor einiger bekannter Musicals, studierte in München Jura und wurde bei Sten Gagnér promoviert. Schon sein Vater war promovierter Jurist und Redakteur beim Prager Tagblatt, und in Prag wurde der Sohn Michael im Jahre 1943 geboren (Für Details dieser unglaublichen Karriere sei auf den Eintrag bei wikipedia verwiesen).
Entstammte schon die Doktorarbeit (über Hexenprozesse im Jahre 1979, also auch nebenberuflich) der Rechtsgeschichte, so ließ ihn das Interesse an insbesondere einer Person seither nicht mehr los: Rudolf von Ihering (Der Rezensent verdankt seine Kenntnis der richtigen Aussprache dieses Namens übrigens Klaus Stern, der einmal im Rahmen einer Vorlesung, an der der Rezensent als kurzzeitiger Mitarbeiter in Sachen Verfassungsgeschichte als Gast teilnehmen durfte, auf diesen einging).
Dass es Biographien über Wissenschaftler gibt, die naturgemäß nicht einer so breiten Öffentlichkeit bekannt sind wie etwa Künstler oder Politiker, ist nichts Außergewöhnliches. Der Göttinger Wallstein Verlag hat nun bereits im vergangenen Jahr ein schön ausgestattetes Buch mir rund 800 Seiten hervorgebracht, das mit 38 Euro als „wohlfeil“ bezeichnet werden darf („Wohlfeile Ausgaben“, wie man sie vor hundert Jahren im Buchhandel bezeichnete, waren aber niemals so schön eingebunden wie nun dieser Band).
622 Seiten umfasst die eigentliche Lebensbeschreibung, der Rest enthält wirklich ausführliche Nachweise und Materialien. Man kann wohl sagen, dass Michael Kunze sich mit diesem Werk ein zweites „Lebenswerk“ geschaffen hat, das seinem künstlerischen Schaffen kaum nachstehen dürfte (so viel versteht der Rezensent von diesem jedenfalls nicht).
Zunächst einmal wird hier eine beeindruckende Persönlichkeit in ihrer gesamten Entwicklung von frühester Kindheit und familiärer Prägung bis hin zu ihrem Tod – nach zweifacher Witwerschaft und vielen Kindern, deren Schicksale ebenfalls geschildert werden, beschrieben. Neben der Erzählung der Lebensgeschichte Iherings her läuft aber eine Entwicklung, die im Titel des Buchs zum Ausdruck kommt: „Das unsichtbare Recht“. Der Leser wird hier Zeuge dessen, wie der Beamtensohn und Zivilrechtswissenschaftler Rudolf Ihering an den Universitäten Basel, Rostock, Kiel, Gießen, Wien und Göttingen lehrte, nachdem er selbst in Heidelberg, München, Göttingen und Berlin ausgebildet worden war.
Er wendet sich gegen die herrschende Lehre der damaligen Zeit, die von Friedrich Carl von Savigny angeführte historische Rechtsschule und die Begriffsjurisprudenz und entwickelt zunächst eine naturhistorische Methode, die im Laufe der eigenen Werkentwicklung von einer mehr soziologisch und vom jeweiligen Zweck gesetzlicher Regelungen geprägten Auffassung vom Recht verdrängt wird. Insofern werden de Wendungen in der Rechtsauffassung durch den Autor immer wieder eindrücklich beschrieben. Für uns Heutige – auch wenn wir als Juristen etwa Römische Rechtsgeschichte und Römisches Privatrecht während unseres Studiums gehört haben mögen, erscheint heute das 19. Jahrhundert, in dem Ihering (gegen Ende seiner etwa fünfjährigen Tätigkeit in Wien durch den österreichischen Kaiser Franz in den erblichen Adelsstand erhoben) vor der Erlangung der Staats- und Rechtseinheit durch Reichsverfassung und BGB noch mit den sog. Pandekten umzugehen hatte, als ferne. Hinzu kommt, dass es seinerzeit an einer parlamentarischen Verantwortung von Regierungen fehlte und die Exekutive der Monarchen als übermächtig gelten musste, so dass es auch nicht darum gehen konnte, einen demokratischen Willen rechtsförmlich durchzusetzen, sondern aus den überlieferten (auch römischen) Quellen das Recht jeweils herauszuarbeiten. Dieses Recht war buchstäblich unsichtbar.
Wer sich für Biographien, für die deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts und die Entwicklung von Recht und Rechtswissenschaft interessiert, wird mit diesem Werk reichlich beschenkt werden.
Michael Kunze
Rudolf von Ihering – Das unsichtbare Recht
Wallstein Verlag, 2025
800 Seiten; 38,00 Euro
ISBN: 978-3-8353-5956-7